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24.10.2011

13:40 Uhr

Ökonomen

„Griechischen Patienten nicht durch Überdosis töten“

Noch ist die Griechenland-Rettung nicht unter Dach und Fach. Unklar ist, wie stark Banken und Versicherer einbezogen werden können. Griechische Forscher warnten, ihrem Land zu viel abzuverlangen.

FrankfurtGriechische Wissenschaftler haben einen dramatischen Appell an die internationale Forschungsgemeinde gerichtet. Wegen der Krise ihres Landes sorgen sie sich um den dortigen Wissenschaftsstandort. Mit ihrem Aufruf versuchen sie, Regierungen und internationale Organisationen für die Situation der griechischen Forschungslandschaft zu sensibilisieren. „Die geordnete Durchführung der dringend benötigten Reformen braucht Zeit“, heißt es in dem Appell des Nationalen Rates für Forschung und Technologie, dem Michalis Haliassos, Professor für Makroökonomie und Finanzmärkte am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt, angehört sowie weitere renommierte Forscher u. a. des MIT, der London School of Economics und der Ecole Normale Superieure Paris. Eine Restrukturierung innerhalb weniger Wochen, wie von der internationalen Gläubigergemeinschaft gefordert, ließe sich nur durch willkürliche Kürzungen erreichen. Eine solche Maßnahme ohne vorherige Evaluationen würde jedoch die erhoffte zukünftige Erholung des gesamten Landes gefährden.

„Es besteht kein Zweifel, dass umfangreiche Reformen auch in der griechischen Forschungsinfrastruktur nötig sind“, sagt Michalis Haliassos. Eine flächendeckende Kürzung von Forschungspersonal sowie unbedachtes Schließen oder Fusionieren von Forschungszentren hätten indes katastrophale Folgen für das langfristige Ziel, die Grundlagen für künftiges Wachstum zu schaffen. „Die internationalen Gläubiger müssen Druck ausüben für Reformen, sie dürfen jedoch nicht ungeduldig und unvernünftig sein, was den Zeitrahmen angeht. Der Patient muss geheilt und sollte nicht durch eine Überdosis getötet werden“, so Michalis Haliassos.

Die EU-Kommission zeigte sich derweil zuversichtlich für das zweite Griechenland-Hilfspaket. „Wir sind relativ nahe an einer Abmachung“, sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Montag in Brüssel. Details nannte er nicht.

Die Kommission bleibe bei ihrer Haltung, dass Privatgläubiger wie Banken und Versicherungen auf freiwilliger Basis an dem Paket beteiligt werden sollen.

Beim EU-Gipfel am Sonntag war deutlich geworden, dass Banken und Versicherer weit stärker an der Rettung beteiligt werden sollen. Bisher wollen sie freiwillig auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Die Politik pocht aber auf 40 bis 60 Prozent.

Das zweite Rettungspaket mit öffentlichen Hilfen von 109 Milliarden Euro muss neu verhandelt werden, weil sich die Finanzierungsbedingungen für das Land verschlechterten. Ein Gipfel der Euro-Staats- und Regierungschefs soll sich am Mittwoch auf das neue Paket einigen.

Kommentare (3)

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oeflingen

24.10.2011, 14:04 Uhr

Der griechische Patient soll nicht durch eine Überdosis getötet werden, er muss aber nach dem Schuldenschnitt selbst zur Genesung beitragen, in dem er freiwillig aus der Eurozone austritt. Es geht nicht an, dass Griechenland sich erst den Zutritt zur Eurozone mit Tricksereien erschleicht, dann jahrelang über die eigenen Verhältnisse lebt, aber am Schluss von den Steuerzahlern in Deutschland erwartet, dass sie die Zeche bezahlen.

Account gelöscht!

24.10.2011, 15:53 Uhr

Es ist nicht nachzuvollziehen, an was die EU-Ökonomen denken, wenn sie die Schrauben immer enger anziehen.
Vor drei Jahren warnten dieselben "Experte" vor einer Deflation, vielleicht sogar nicht ganz unberechtigt. Es gibt aber Untersuchungen, wonach eine länger anhaltende Deflation von über 1% zu politischen Unruhen führen würde. Nun verordnen dieselben Leute und die Politik den Griechen einen Sparkurs, der zu 5% Deflation über 5 bis 10 Jahre führen wird. Was erwartet man da außer Aufruhr?
GR leidet an seinem Kosten- und Preisniveau, das für die Wirtschaftskraft und Produktivität des Landes weit überhöht ist und den Rest der Exportwirtschaft und des Tourismus abwürgt (die Nachbarn Kroatien und Türkei lassen grüßen!). Da hilft tatsächlich nur ein Währungsschnitt. Dabei müssen jedoch die Aktivseite und die Passivseite aller Bilanzen in gleicher Weise verkürzt (abgewertet werden, da sonst der Staat, die Banken und der Rest der Wirtschaft völlig aus den Latschen kippen würden. Kurz, ein Lastenausgleich wird fällig. Den können sich die Griechen jedoch nur selbst verordnen.

markus

26.10.2011, 18:25 Uhr

"Beim EU-Gipfel am Sonntag war deutlich geworden, dass Banken und Versicherer weit stärker an der Rettung beteiligt werden sollen. Bisher wollen sie freiwillig auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten." Welche sind die Gruende, dass die Deutsche Politik auf 40 bis 60 Prozent pocht? Die Griechen dachten, dass die Deutsche verlaesslich sind. Das sind sie aber nicht! So sieht es aus!

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