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30.06.2012

10:35 Uhr

Ökonomie der Chaebols

Wirtschaftswunder wider jede Vernunft

VonKristin Schmidt, Florian Zerfaß

Südkorea präsentiert sich als Wirtschaftswunderland der Welt. Das Land boomt trotz heftiger Staatseingriffe in die Wirtschaft – doch das Erfolgsrezept ist ebenso verwunderlich wie verwundbar.

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SeoulGeo-Sung Kim spricht ruhig und wählt seine Worte mit Bedacht, obwohl sein Thema ein Aufreger ist. Kim ist Präsident der koreanischen Sektion von Transparency International (TI) und führt einen einsamen Kampf gegen die allgegenwärtige Bestechlichkeit im Lande. „Korruption ist extrem ungerecht“, klagt Kim und hat dabei sein stets freundliches Lächeln im Gesicht, obwohl er es sehr ernst meint mit seiner Kritik: „Die Menschen in Korea  arbeiten hart, und vielen von ihnen wird durch Korruption etwas davon weg genommen.“

Gerade einmal sechs fest angestellte Mitstreiter hat Kim bei TI in Korea, in der Zentrale in der Hauptstadt Seoul wirkt alles etwas improvisiert und chaotisch. Überall stapeln sich Dokumente, Bücher und Broschüren; das Mobiliar hat schon das eine oder andere Jahrzehnt auf dem Buckel. Unterstützung bekommt er wenig, im Gegenteil. „Es gibt immer mehr wissenschaftliche Literatur, die den Nutzen von Korruption betont“, sagt Kim. Im TI-Korruptionsindex bekommt Korea 2011 eine 5,4 auf der Skala von null (hoch) bis zehn (keine). Deutlich schlechter als die 9,5 von Spitzenreiter Neuseeland oder die 8,0 von Deutschland.

Korruption wird in vielen Studien westlicher Volkswirte als Wachstumskiller identifiziert, doch eines kann sie nicht aufhalten: Fernöstliche Wirtschaftswunder. Nicht in China, wo sie noch verbreiteter ist, nicht in Korea. Die koreanische Wirtschaft wächst und wächst, auch in der zurückliegenden Weltwirtschaftskrise. Selbst 2009, im schlimmsten Jahr, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut OECD noch um 0,3 Prozent. Im Westen brach die Wirtschaftsleistung ein, um Korea machte die Rezession einen Bogen.

Dabei ist Korruption nur eines von vielen potenziell wachstumsfeindlichen Problemen in Korea. Der Staat greift massiv in die Wirtschaft ein, die Wehrpflicht von zweieinhalb Jahren blockiert junge Leute lange für den Arbeitsmarkt, die Verteidigungsausgaben verschlingen einen relativ hohen Anteil des BIP, ein starres Bildungssystem und verkrustete, hierarchische Strukturen in Gesellschaft und Unternehmen sind alles andere als ein innovationsfreundliches Umfeld. Doch: Koreas Wirtschaft wächst und wächst. Man reibt sich verwundert die Augen und fragt: Warum bloß?

Wer das Geheimnis des koreanischen Wirtschaftswunders ergründen will, der stößt auf einen starken Staat – aber keineswegs einen schlechten. „Der Aufstieg Koreas war im Wesentlichen staatlich gesteuert“, sagt Changsoo Kim, Wirtschafts-Professor an der Busan National University. Busan ist ein Industriecluster im Süden der koreanischen Halbinsel und nach der Hauptstadt Seoul die zweitwichtigste Metropole des Landes. 

„Der Staat hat in den 1960er Jahren die entscheidende Wende in der koreanischen Industrie beschlossen und damit die Initialzündung für den Boom“, sagt Kim. Die Regierung habe erkannt, dass die Strategie der Importsubstitution nicht funktioniert – also, für den heimischen Markt Güter zu produzieren, um damit Importe verzichtbar zu machen. Darauf setzten zum Beispiel viele südamerikanische Länder. Doch Koreas heimischer Markt war zu klein, das Land zudem sehr Rohstoffarm. „Dann hat die Politik beschlossen, umzustellen und für den Export zu produzieren“, sagt Kim.

Ergebnis: Die Koreaner kamen an Devisen, konnten auch mehr importieren, der Wohlstand begann zu steigen. In den 1970er Jahren folgte die zweite entscheidende Wende – die Regierung beschloss den massiven Ausbau von Schwerindustrie und chemischer Industrie. Kim: „Die Regierung hat die Wirtschaft jahrzehntelang bestimmt.“ Und nicht nur die. Nach dem Ende des Koreakriegs mit dem kommunistischen Norden im Jahr 1953 etablierte sich in Südkorea eine Militärdiktatur, die erst 1987 endete.

Doch bei allen menschenrechtlich fragwürdigen Praktiken: Wirtschaftlich traf sie die richtigen Entscheidungen – und begründete so einen beispiellosen Aufstieg. Nach japanischer Besatzung, zweitem Weltkrieg und dem verheerenden Koreakrieg war der Süden von der Agrarwirtschaft geprägt, Städte und Infrastruktur zerstört. So arm wie viele afrikanische Länder. Heute sitzt Korea Deutschland im Nacken. Volkswagen etwa fürchtet nicht mehr die Japaner von Toyota am meisten, sondern den koreanischen Konkurrenten Hyundai.

Kommentare (13)

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Account gelöscht!

30.06.2012, 10:52 Uhr

Südkorea lässt billig in Nord-Korea produzieren. Genauso wie wir es zu DDR Zeiten gemacht haben.

Kurt-Horst

30.06.2012, 11:25 Uhr

Handelsblatt-Titel wider jede Grammatik.

mon_y.burns@dynip.name

30.06.2012, 11:27 Uhr

Glücklicherweise sind die ganzen NORDkorea(?) Flüchtlinge ja hier. Und hemmen nicht wie mit den Wiedervereinigungsfolgekosten die Wirtschatskraft.

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