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11.08.2016

16:35 Uhr

Ölkrise in Saudi-Arabien

Die Arbeitssklaven der Saudis

VonMartin Gehlen

Der Ölpreisverfall trifft in Saudi-Arabien die Schwächsten. Zehntausende Gastarbeiter verloren ihre Arbeit, Abertausende erhalten seit Monaten keinen Lohn mehr. Das indische Konsulat verteilt bereits Lebensmittel.

Tausende indische Arbeiter sind mittellos in Saudi-Arabien gestrandet. Selbst für Essen fehlt ihnen das Geld. AFP; Files; Francois Guillot

Indische Arbeitsmigranten in Dschidda

Tausende indische Arbeiter sind mittellos in Saudi-Arabien gestrandet. Selbst für Essen fehlt ihnen das Geld.

KairoSolche Szenen hat es in Saudi-Arabien lange nicht mehr gegeben: Protestierende Inder und Pakistanis zogen in Dschidda auf die Straße. Das indische Konsulat in der Hafenstadt glich einem Lebensmittellager. Stapelweise wurden Säcke mit Kartoffeln und Reis an hungrige Landsleute ausgegeben, die vor dem Gebäude geduldig in der Schlange warteten.

Zehntausende Arbeitsmigranten aus Asien verloren in den letzten Wochen von einem auf den anderen Tag ihre Arbeit. Abertausende erhalten seit Monaten keinen Lohn mehr und haben kaum noch Geld zum Essen, seit die Aufträge für ihre Firmen durch den Ölpreisverfall wegbrechen.

Saudischer Energieminister Kahalid Al-Falih: „Ein Haushalt ohne Öl macht mich glücklich“

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Der saudische Energieminister Kahalid Al-Falih will das Land weniger abhängig vom Öl machen. Im Interview spricht er über den Ausbau erneuerbarer Energien, die Rolle deutscher Unternehmen und seine Vision für 2030.

Im Zentrum der gegenwärtigen Krise stehen vor allem zwei Baugiganten – das Unternehmen Saudi Oger, das dem libanesischen Ex-Premierminister Saad Hariri gehört, und Saudi Binladin, der jahrzehntelange Hofkonzern des Königshauses.

Saudi-Arabiens Führung hat viele Infrastrukturprojekte gestrichen oder gestreckt, weil in der Staatskasse Ebbe herrscht. In den letzten zwölf Monaten gab es nach Angaben der „National Commercial Bank“ praktisch keine neuen Staatsaufträge mehr, private Bauvorhaben gingen um mehr als 50 Prozent zurück.

Obendrein entzog das Königshaus im Herbst 2015 dem Saudi-Binladin-Konzern nach dem verheerenden Kranunfall, bei dem mehr als 100 Pilger starben, die lukrative Großbaustelle in Mekka. 70.000 Bauarbeiter wurden damals gefeuert, die verbliebene Belegschaft bekommt seit zehn Monaten keinen Lohn mehr und muss sich das Nötigste von Kollegen und Freunden borgen.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Egal ob in Mekka, Medina, Riad, Dschidda oder Damman – in der Regel leben die ausländischen Arbeitsmigranten zusammengepfercht in Baracken an den Stadträndern. Bis zu acht Personen teilen sich die stickigen, grob gemauerten Räume mit Doppelstockbetten. Die schmutzigen Toiletten und Kochstellen befinden sich draußen auf dem Gang unter freiem Himmel. Insgesamt zehn Millionen Ausländer verdienen ihr Geld in Saudi-Arabien und sorgen dafür, dass die private Wirtschaft für die 20 Millionen Einheimischen funktioniert.

Kommentare (5)

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Frau Annette Bollmohr

11.08.2016, 17:05 Uhr

Mich wundert gar nichts mehr.

Ich bewundere nur die Langmut, die Selbstbeherrschung und vor allem die Solidarität unter den "Nicht-Einheimischen".

Herr Toni Ebert

11.08.2016, 17:11 Uhr

Seit 9/11 ist es klar, dass die Epoche der Musel-Länder beendet wird. ein Land nach dem anderen wird "destabilisiert". Im Moment ist es die Türkei, die gerade sich anschickt, um wieder ein ehrbares Nomaden Volk zu werden.

Und wie man sieht, die Saudies sind danach an der Reihe.

Account gelöscht!

11.08.2016, 17:20 Uhr

Bei den Saudis wäre doch Platz für ein paar Muslems aus Deutschland, das sind Glaubens-Brüder, die nimmt man doch gerne auf.
Oder ist das Alles die gleiche Lüge, wie damals mit den Arbeitskräften aus der Türkei. Die hat auch niemand gebraucht und die Leute sind immer noch hier.

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