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25.02.2015

08:36 Uhr

Ölpreise im Keller

Das Ende des norwegischen Öl-Märchens

Mit dem Einbruch der Preise geht die Ölindustrie in Norwegen in die Knie. Tausende Jobs fallen weg, die Mitarbeiter müssen Einbußen hinnehmen. Ökonomen sehen eine lange Rezession, die das Land schwächt.

Dem Land macht der Ölpreisverfall zu schaffen, aber es sind noch Reserven da. dpa

Ölplattform vor Norwegens Küste

Dem Land macht der Ölpreisverfall zu schaffen, aber es sind noch Reserven da.

StavangerDer Job schien so sicher, die Zukunft rosig. In der norwegischen Ölindustrie fühlte sich Kristoffer Sandberg gut aufgehoben. Ein hohes Einkommen, tolle Sozialleistungen, überschaubare Arbeitszeiten und viel Urlaub gehörten zum Paket. Mit dem Einbruch der Ölpreise aber sind diese Selbstverständlichkeiten dahin. Die Norweger müssen zurückstecken – im Lebensstandard und in ihren Erwartungen an die Zukunft.

„Ich weiß, dass viele Menschen uns um unsere Situation beneiden“, sagt Sandberg. Doch wie es weitergehen wird, macht ihm Sorgen: „Aber ich weiß nicht, wie viele Leute noch ihren Job verlieren oder wie viel länger diese Unsicherheit anhält.“ Um seine Abstriche in Grenzen halten zu können, geht der 24-Jährige nach Singapur.

Meilensteine der Ölpreisentwicklung

Beginne der Ölförderung

Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

Vollgas mit Benzin

Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 19. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

Goldene Zeitalter des billigen Öls

Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

Erste Ölkrise

In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

Preisexplosion während des Golfkriegs

Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

Ein rasanter Anstieg

Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg war der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt. Die Finanzkrise ließ den Preis Ende 2008 allerdings wieder abstürzen.

Ölpreis heute

Ein weltweites Überangebot hält die Preise weiterhin auf niedrigem Niveau. Aktuell kostet ein Barrel Brent rund 30 US-Dollar.

Dort hilft er beim Bau einer neuen, gewaltigen Ölplattform mit. Im Vergleich zu seinem früheren Arbeitsplatz auf einer Bohrinsel vor der norwegischen Küste sind die Arbeitsbedingungen aber deutlich schlechter. Vor allem die vielen freien Tage - vier Wochen für alle zwei Wochen Einsatz - gehören der Vergangenheit an.

Einige der Hubschrauber, die die Arbeiter von Stavanger aus zu den Plattformen im Meer brachten, sind schon länger nicht mehr im Einsatz. Rund 10.000 Jobs wurden gestrichen. Und das sehen Ökonomen nur als Beginn einer langen Rezession in der norwegischen Ölindustrie, die 15 Prozent der Wirtschaftskraft, mehr als die Hälfte des Exports und etwa 80 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht.

In Norwegen geboren zu sein, sieht Sandberg noch immer als Sechser im Lotto. Doch die Sicherheit schwindet, künftig bleibt das gute Salär mit den jährlichen Einkommenssteigerungen aus, an das er sich gewöhnt hatte. Statistiken des staatlichen Öl- und Gasunternehmens Statoil zeigen die Größenordnung auf. Rund eine Million Kronen (gut 100.000 Euro) zahlte Statoil im vergangenen Jahr im Durchschnitt an seine 23.000 Beschäftigten.

Kommentare (7)

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Herr wulff baer

25.02.2015, 08:53 Uhr

Gottseidank müssen wir nicht mehr auch noch die (...) Norweger mit ihren überhöhten Ölpreisen alimentieren - uns reicht der ClubMed, und da vor allem der Grieche.
Durchschnittlich 100 000 € p.a., 2 Wochen Arbeit, 4 Wochen frei und wir zahlen uns an der Tankstelle dumm und dämlich.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Ciller Gurcae

25.02.2015, 09:24 Uhr

Das ist aber nicht Schuld der Norweger, sondern das hat das hochkriminelle Konstrukt Opec zu verantworten. Die gesamten Gewinne dieses Monopols gehören eingezogen und verteilt.

Frau Ute Umlauf

25.02.2015, 10:22 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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