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27.01.2016

20:10 Uhr

Ölpreisverfall

Russland will mit Opec über Förderkürzung sprechen

Wegen des Überangebots und der mauen Weltkonjunktur sind die Ölpreise eingebrochen. Im Kampf um Marktanteile haben die größten Förderstaaten den Markt trotzdem weiter geflutet. Das könnte sich bald ändern.

Eigentlich wollte die russische Regierung nicht mit der Opec über eine Zusammenarbeit verhandeln. ap

Wladimir Putin

Eigentlich wollte die russische Regierung nicht mit der Opec über eine Zusammenarbeit verhandeln.

MoskauHinweise auf mögliche Gespräche zwischen Russland und den Opec-Staaten über eine Drosselung der Produktion haben den Ölpreis am Mittwoch angetrieben. Die richtungsweisende Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um bis zu fünf Prozent auf 33,40 Dollar je Barrel. Zuvor hatte ein Vertreter des russischen Energieministeriums erklärt, bei einem Treffen mit russischen Ölkonzernen seien mögliche Abstimmungen zwischen Russland und der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) diskutiert worden.

Der Chef des russischen Pipeline-Monopolisten Transneft, Nikolai Tokarew, sagte laut Nachrichtenagentur RIA, es sei um konkrete Schritte gegangen, wie die Situation gemeinsam zum Besseren gewendet werden könnte. Grund für das Zusammenkommen sei der anhaltend niedrige Ölpreis gewesen. Vor eineinhalb Jahren mussten noch gut 115 Dollar je Barrel bezahlt werden. Seitdem sind die Ölpreise wegen des Überangebots und der mauen Weltkonjunktur um rund 70 Prozent eingebrochen.

Im Kampf um Marktanteile haben die größten Ölförderstaaten bislang bewusst auf eine Drosselung der Produktion verzichtet und stattdessen den Markt geflutet - auch, um Konkurrenten aus dem Markt zu drängen. Zudem darf der Iran sein Öl wieder frei auf dem Weltmarkt verkaufen, nachdem die westlichen Länder den Atomstreit mit der Islamischen Republik beigelegt und Sanktionen zum Teil aufgehoben haben.

Die Chronik des Ölpreisverfalls

Der Verfall

Ein weltweites Überangebot bei schwächelnder Nachfrage setzt dem Ölpreis immer stärker zu. Noch im Juni 2014 kostete ein Barrel (Fass zu je 159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent 115,7 Dollar. Derzeit kostet ein Fass Öl aus der Nordsee weniger als 33 Dollar.

Die Gründe

Ein Grund für das Überangebot ist der Schieferölboom in den USA. Ein anderer ist die Förderpolitik der Opec, die anders als in früheren Jahren den Preis nicht durch die Senkung von Fördermengen stützen will oder kann. Stattdessen kämpfen die Kartellmitglieder mit Rabatten um ihre Marktanteile. Diese Preis-Meilensteine durchschritt die Ölsorte Brent seit Anfang 2015:

7. Januar 2015

Der Brent-Preis fällt zum ersten Mal seit Mai 2009 unter 50 Dollar je Fass.

13. Januar 2015

Mit 45,19 Dollar erreicht Brent den niedrigsten Stand seit März 2009.

3. Februar 2015

Spekulationen auf einen deutlichen Rückgang des Überangebots treiben den Preis für Brent wieder über 55 Dollar.

6. Mai 2015

Export-Ausfälle in Libyen schüren Spekulationen auf einen Versorgungsengpass: Der Ölpreis steigt bis auf 69,63 Dollar.

3. August 2015

Erstmals seit Januar rutscht Brent wieder unter die 50-Dollar-Marke. Auslöser ist ein Rekordanstieg der Ölproduktion der Opec-Länder im Juli.

24. August 2015

Aus Sorgen vor einer deutlichen Abkühlung der chinesischen Wirtschaft machen Anleger einen großen Bogen um Öl. Brent verbilligt sich um bis zu 6,5 Prozent auf 42,51 Dollar. Damit kostet das Nordsee-Öl so wenig wie zuletzt im März 2009.

8. Dezember 2015

Nachdem die Opec ihre Förderpolitik bestätigt hat und in der Abschlusserklärung nicht einmal mehr eine Zahl für die Obergrenze der Produktion auftaucht, gehen die Notierungen erneut in die Knie: Brent fällt auf bis zu 39,81 Dollar und ist damit so billig wie zuletzt im Februar 2009.

21. Dezember 2015

Brent kostet mit rund 36 Dollar so wenig wie zuletzt im Juli 2004.

4. Januar 2016

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen im sunnitischen Saudi-Arabien eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem Iran und dem Königreich. Dies macht eine gemeinsame Linie der beiden Opec-Mitglieder in der Ölpolitik unwahrscheinlich. Die Preise nehmen ihre Talfahrt wieder auf.

7. Januar 2016

Brent stürzt um sechs Prozent auf 32,16 Dollar ab und notiert damit so niedrig wie zuletzt im April 2004. Damals hatte der Preis zuletzt die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Doch für die Verteidigung von Marktanteilen zahlen die Länder in Form deutlich geringerer Einnahmen einen hohen Preis, der sich in Haushaltsdefiziten, sinkenden Währungskursen oder - wie im Fall von Russland - einer scharfen Rezession ausdrückt. Saudi-Arabien muss ein Haushaltsdefizit von umgerechnet etwa 90 Milliarden Euro stemmen und kündigte bereits an, seine Wirtschaft breiter aufstellen zu wollen. Das Opec-Mitglied Venezuela steht kurz vor der Staatspleite. Russlands Wirtschaft schrumpfte laut der Nachrichtenagentur Tass 2015 um 3,8 oder 3,9 Prozent. 2014 war das Bruttoinlandsprodukt noch um 0,6 Prozent gewachsen. Dem Vernehmen nach dürfte es vor allem für Russland technisch sehr schwer sein, die Förderung zu drosseln.

Noch Anfang Dezember hatten die Opec-Länder beschlossen, an ihrer bisherigen Förderpolitik festzuhalten. Ein reguläres nächstes Treffen steht erst am 2. Juni an. Laut Tokarew könnten die Förderstaaten nun bereits im Februar zusammenkommen. Trotz der Aussagen von Tokarew bleiben allerdings viele Fragen offen. Noch vor dem Treffen der Ölkonzerne hatten hochrangige Regierungsmitglieder zu Reuters gesagt, die russische Regierung wolle mit der Opec nicht über eine Zusammenarbeit verhandeln.

Von

rtr

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