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18.01.2016

19:06 Uhr

Ölpreisverfall trifft Nahen Osten

Der Fluch des schwarzen Goldes

VonMartin Gehlen

Mit dem Ölreichtum haben sich Saudi-Arabien & Co. bei ihren Bürgern lange von politischer Mitbestimmung freigekauft. Das wird den Herrschern wegen des Preisverfalls nicht mehr gelingen. Nun kommt noch iranisches Öl dazu.

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Die Ölpreise müssen wieder steigen!

Handelsblatt in 99 Sekunden: Wenn Ölpreise nicht steigen, wird das Deutschland bitter zu spüren bekommen!

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KairoDie Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) verlor bei ihrem jüngsten Treffen mit den Finanzministern der Golfstaaten keine Zeit mit Höflichkeiten. „Die Energiepreise werden für viele Jahre niedrig bleiben“, erklärte Christine Lagarde vor der erlauchten Männerrunde und mahnte sie, ihre Haushalte darauf einzustellen und die Abhängigkeit von Öl und Gas spürbar zu verringern.

Die goldenen Zeiten hoher Ölpreise und -einnahmen sind erst einmal vorbei. Dazu beigetragen haben viele Faktoren – der Boom der Fracking-Technik, der Umstieg auf alternative Energien, der Wirtschaftsabschwung in China und die Konfrontation der beiden Opec-Giganten Iran und Saudi-Arabien, die seit anderthalb Jahren jede Drosselung der Produktion verhindert.

Die Regionalmacht Iran

Bevölkerungszahl

Der Iran ist schon alleine wegen der Bevölkerungszahl von fast 80 Millionen eine Macht in der Golf-Region. Der Gottesstaat war jedoch wegen seiner kompromisslosen Atompolitik in den vergangenen zehn Jahren international isoliert. Die im Zusammenhang mit dem Atomstreit verhängten Sanktionen führten in dem öl- und gasreiche Land auch zu einer Wirtschaftskrise. Viele Beobachter rechneten daher mit einem zweiten Nordkorea am Persischen Golf.

Politische Ausrichtung

Mit dem Sieg von Hassan Ruhani bei der Präsidentenwahl 2013 im Iran änderte sich jedoch das Bild. Sein Wahlslogan „Versöhnung mit der Welt“ führte im Juli 2015 zu einem Atomabkommen mit dem Westen. Der Iran wurde plötzlich zu einem potenziellen politischen und wirtschaftlichen Partner des Westens in einer von Krisen geschüttelten Region. Besonders im Syrien-Konflikt hofft der Westen auf eine positive Rolle Teherans.

Religiöse Ausrichtung

Mit seinen beiden gut ausgerüsteten Streitkräften - der klassischen Armee und den Revolutionsgarden – kann Iran besonders im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine entscheidende Rolle spielen. Diese Rolle aber ist innerhalb der Region höchst umstritten, unter anderem bei der anderen Regionalmacht Saudi-Arabien. Ideologische und besonders religiöse Differenzen zwischen dem schiitischen Iran und den sunnitisch-wahhabistischen Saudis sorgen daher immer wieder für Spannungen in der Region.

Bei allen arabischen Ölnationen sprudeln rund 90 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Boden. Verzeichneten die sechs Mitglieder des Golfkooperationsrates – Bahrain, Kuwait, Oman, Katar, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) – 2013 noch Haushaltsüberschüsse von 182 Milliarden Dollar, waren es 2014 nur noch 24 Milliarden, bevor alle 2015 mit 180 Milliarden heftig ins Minus rutschten. Allein im saudischen Haushalt klafft 2015 ein Rekordloch von nahezu 100 Milliarden Dollar.

Dabei hat die Region paradiesische Zustände hinter sich. Im vergangenen Jahrzehnt flossen 2700 Milliarden Dollar in die Taschen der Könige und Monarchen, die sie in Form von üppigen Gehältern, Subventionen und lukrativen Wohlfahrtszahlungen an ihre Untertanen weiterreichten. Nach Erhebungen des IWF sind allein diese Ausgaben zwischen 2008 und 2013 um 550 Milliarden Dollar gestiegen.

Die Regionalmacht Saudi-Arabien

Öl

Dank seiner riesigen Ölvorkommen ist Saudi-Arabien das reichste Land der arabischen Welt. Das islamisch-konservative Königreich besitzt etwa 16 Prozent aller weltweit nachgewiesenen Erdölvorkommen und ist größter Exporteur des Rohstoffs. Das Geld aus den Einnahmen nutzt Riad, um sich mit Hilfe von Scheckbuchdiplomatie Einfluss zu erkaufen. So stützt Saudi-Arabien etwa mit Milliarden das Regime des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi.

Volkswirtschaft

Unter den arabischen Ländern ist die Golfmonarchie nicht nur die größte Volkswirtschaft, sondern mit Abstand die einflussreichste Regionalmacht. So dominiert Riad die Arabische Liga und den Golfkooperationsrat (GCC). Mitte Dezember verkündete Vize-Kronprinz Mohammed Bin Salman außerdem die Gründung eines „islamischen Militärbündnisses“, zu dem 34 überwiegend muslimische Staaten zählen.

Strategischer Partner

Wegen der Ölvorkommen und des saudischen Einflusses auf die Region betrachtet der Westen das Land als wichtigen strategischen Partner. Die Lage in der von dem Herrscherhaus der Sauds regierten Monarchie ist zudem vergleichsweise stabil. Die arabischen Aufstände überstand Saudi-Arabien ohne größere Verwerfungen.

Politische Ausrichtung

Im Konflikt mit dem schiitischen Erzrivalen Iran ist die Außenpolitik des sunnitischen Königreichs seit dem Amtsantritt von König Salman vor einem Jahr jedoch deutlich aggressiver geworden. Eine von Saudi-Arabien geführte Allianz fliegt Luftangriffe gegen schiitische Huthi-Rebellen im Bürgerkriegsland Jemen. Zudem unterstützt Riad syrische Rebellen, um Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen.

Und so blieb der Veränderungsdruck gering, die Korruption exorbitant, die Schaffung neuer Wirtschaftszweige oberflächlich und halbherzig. Das viele Geld sei „eine Art von Betäubung“ gewesen, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten „Manifest für Wandel“ des saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman, das zugleich anprangert, 30 Prozent der Staatsausgaben würden verschwendet. Aber auch Arbeitsmarktreformen und Berufsbildung kommen nicht voran.

Praktisch sämtliche Arbeitskräfte der sechs Golfstaaten sind Ausländer. Letztere machen die Hälfte der insgesamt 50 Millionen Einwohner der Gesamtbevölkerung auf der arabischen Halbinsel aus. Keine andere Weltgegend nutzt Migranten in solchen Dimensionen und mit solchen jährlichen Zuwachsraten.

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