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18.06.2014

09:25 Uhr

Österreich-Ungarn

Ohne Zweifel in den Untergang

Im Idyll von Bad Ischl unterzeichnete  Kaiser Franz Joseph I. die Kriegserklärung an Serbien. Der greise Monarch an der Spitze eines zerstrittenen Vielvölkerstaats riskierte einen „Befreiungsschlag“ – und verlor alles.

Österreichische Soldaten erschießen während des ersten Weltkriegs in Serbien jugoslawischen Patrioten nahe der österreichischen Linien. dpa

Österreichische Soldaten erschießen während des ersten Weltkriegs in Serbien jugoslawischen Patrioten nahe der österreichischen Linien.

Bad IschlDen Schreibtisch von Franz Joseph I. zieren die Büste der jungen Kaiserin, Uhren, ein Barometer und ein vom Zar geschenkter elektrischer Zigarrenanzünder. An der Wand hängt ein Aquarell, das den Franz-Joseph-Gletscher in Neuseeland zeigt. Des Kaisers Lieblingssessel aus rotem Stoff ist völlig durchgesessen und abgewetzt. Genau hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

Im Biedermeier-Ensemble seines Arbeitszimmers in der kaiserlichen Sommer-Residenz in Bad Ischl unterzeichnet der 84-Jährige am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn an Serbien. Der Erste Weltkrieg nimmt seinen Lauf. „Ich habe alles geprüft und erwogen“, behauptet der Kaiser im Aufruf „An meine Völker.“ Falsch, sagt die Geschichte dazu.

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Dass die weltverändernde Unterschrift im Idyll eines Kurorts geleistet wurde, war nach Überzeugung des Wiener Historikers Oliver Rathkolb gewollt. „Die Entscheidung in der Sommerfrische signalisiert einen Patron, der alles im Griff hat, sie unterstreicht die Hoffnung, dass es bei einer eher lokalen Strafexpedition gegen Serbien bleibt.“ Wenige Tage später hatten Europas Großmächte mobilisiert, steht die Donaumonarchie fast von Anfang an auf verlorenem Posten.

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28. Juni 1914

Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo vom Gymnasiasten Gavrilo Princip im Auftrag der serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand» erschossen.

5. Juli

Alexander Graf Hoyos, Mitarbeiter im Außenministerium der Donaumonarchie, reist mit einem Memorandum zur Balkanpolitik und einem Schreiben von Kaiser Franz Joseph nach Berlin. Der Monarch bittet Kaiser Wilhelm II. um Unterstützung im Kriegsfall mit Serbien.

6. Juli

Wilhelm II. versichert Österreich-Ungarn offiziell mit einer «Blankovollmacht» seiner unbedingten Bündnistreue.

20. - 23. Juli

Beim Besuch des französischen Präsidenten Raymond Poincaré in Russland sichern sich beide Staaten Unterstützung im Bündnisfall zu.

23. Juli

Wien stellt ein 48-Stunden-Ultimatum an Serbien. Die gegen Österreich-Ungarn gerichteten Umtriebe sollen unter österreichischer Beteiligung bekämpft und die Schuldigen bestraft werden.

25. Juli

Serbien akzeptiert alle Forderungen, soweit sie nicht seine Souveränität einschränken. Wien hält die Antwort für unbefriedigend, bricht die diplomatischen Beziehungen ab und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil.

28. Juli

Englische und deutsche Vermittlungsversuche scheitern. Vorgeschlagen war, eine Botschafterkonferenz einzuberufen und direkte Verhandlungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufzunehmen. Doch Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli

Zar Nikolaus II. ordnet die Generalmobilmachung an.

1. August

Da Russland das deutsche Ultimatum, die Mobilmachung rückgängig zu machen, verstreichen lässt, erklärt Berlin Russland den Krieg. Zwei Tage später folgt die Kriegserklärung an Frankreich.

4. August

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg und Belgien erklärt Großbritannien dem Reich den Krieg.

Das Land war für diesen Krieg in keiner Weise gerüstet“, sagt Rathkolb. Die Militärausgaben Wiens waren vor 1914 deutlich gesunken, ganz im Gegensatz zu denen Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs. Bisher hatte der Kaiser dem Drängen der Generalität widerstanden, auf dem Balkan einen Präventivkrieg zu führen. Nach dem Attentat von Sarajevo ist seine Geduld mit den Serben, die nach einem eigenen Großreich streben, und auch seine Räson zu Ende. „Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn ein Präsident in spe von einer in Teheran ausgebildeten Schwadron ermordet wird?“, fragt der Historiker Christopher Clark im Interview mit der Zeitung „Kurier“.

Der österreichische Kaiser Kaiser Franz Josef I. von Österreich (1830-1916). dpa

Der österreichische Kaiser Kaiser Franz Josef I. von Österreich (1830-1916).

Seit vielen Jahren ist der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn einer Zerreißprobe ausgesetzt. Praktisch alle einzelnen Kronländer streben im Zeichen des Nationalismus nach Unabhängigkeit. Das Reich mit seinen 50 Millionen Bürgern vereint zwölf Völker - von Galizien (heute Ukraine), über Böhmen (Tschechien) bis nach Triest (Italien). Der Krieg und die Hoffnung auf den starken deutschen Verbündeten verheißen angesichts der internen Konflikte einen Befreiungsschlag. „Es ist ein letzter Versuch, auf einem sinkenden Schiff noch einmal die Segel zu setzen und das Ruder herumzureißen“, meint Rathkolb.

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