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20.05.2016

13:43 Uhr

Österreich wählt Bundespräsidenten

Prominente wollen Rechten verhindern

Kaum eine Präsidentschaftswahl hat in Österreich so polarisiert: Ein ehemaliger Grünen-Chef tritt gegen einen Kandidaten der rechten FPÖ an. Aus Sorge vor einem Rechtsruck ist für viele Promis die Wahl klar.

Nahezu alle bekannten Gesichter aus Theater, Fernsehen und Literatur wollen am Sonntag gegen den polarisierenden FPÖ-Politiker Norbert Hofer stimmen. dpa

Norbert Hofer

Nahezu alle bekannten Gesichter aus Theater, Fernsehen und Literatur wollen am Sonntag gegen den polarisierenden FPÖ-Politiker Norbert Hofer stimmen.

WienAm Sonntag wählen die Österreicher ihren neuen Bundespräsidenten. Es wird eine richtungsentscheidende Wahl: Erstmals duellieren sich am 22. Mai ein ehemaliger Grünen-Chef und ein Kandidat der rechten FPÖ. Die Entscheidung lässt Österreichs Promis nicht kalt. Die Lagerbildung ist eindeutig: Praktisch alle bekannten Gesichter aus Theater, Fernsehen und Literatur stehen hinter dem links-liberalen Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen.

Die Schauspielerinnen Ursula Strauss, Maresa Hörbiger und ihre Schwester Elisabeth Orth sowie „Der Bergdoktor“ Hans Sigl und „Tatort“-Kommissare Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser treten für ihn ein. Der künftige Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, wählt ebenfalls den gebürtigen Wiener. Praktisch die gesamte Kabarettisten-Szene des Landes will ein Kreuz bei „VdB“ setzen - von Josef Hader bis Michael Niavarani. Und auch der Extrembergsteiger Reinhold Messner mischt im Wahlkampf an der Seite des Grünen mit. Als Südtiroler und Italiener darf er allerdings nicht wählen.

Im ersten Wahlgang gewann der rechte FPÖ-Kandidat Norbert Hofer mit großem Vorsprung. 35,1 Prozent aller Stimmen konnte er für sich gewinnen. Hofer gilt als das „freundliche Gesicht“ der umstrittenen Partei, die in allen Umfragen auf Platz eins liegt. Hofer ist aber maßgeblich für das als fremdenfeindlich geltende Programm der FPÖ zuständig. Van der Bellen wurde von 21,3 Prozent der Wähler unterstützt. Der gebürtige Wiener punktet vor allem mit seinem ruhigen und sachlichen Auftreten. Inhaltlich vertritt er in den meisten Punkten das genaue Gegenteil seines Kontrahenten.

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Österreichs neuer Bundeskanzler Christian Kern will die Köpfe und Herzen seiner Landsleute nicht den Populisten überlassen. Er muss sich schon jetzt auf scharfe Kritik einstellen. Unterstützung kommt aus der Wirtschaft.

Hart getroffen von dem Ergebnis der ersten Runde zeigte sich der Münchner Schauspieler Elyas M'Barek: „Hab nen österreichischen Pass zu verschenken. Will den nicht mehr“, schrieb der Sohn einer Österreicherin und eines Tunesiers auf Twitter. Der Intendant des Münchner Residenztheaters, Martin Kušej, erklärte zum Erfolg der Rechtspopulisten in seiner Heimat: „Ich finde das alles höchst irritierend, was da passiert.“ Wenn die Entwicklung so weitergehe, dann „Gnade uns Gott“.

Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger will den Kandidaten der einwanderungskritischen FPÖ samt seinem „irren Amtsverständnis“ verhindern. Oscar-Preisträger Christoph Waltz sagte: „Österreich kann es sich nicht leisten, nur nach innen zu schauen.“ Der Künstler André Heller sieht schwierige Zeiten für Politik und Gesellschaft auf Österreich zukommen: „Daher muss zumindest an der Spitze des Staates eine unopportunistische, unmanipulierbare, welterfahrene Ausnahmepersönlichkeit stehen.“

An der öffentlichen Ablehnung vieler Promis und Intellektueller scheint Hofer sich nicht zu stören: „Van der Bellen hat die Hautevolee und ich die Menschen“, warf Hofer seinem Kontrahenten bei einer TV-Diskussion vor. Er wolle ein Ansprechpartner für die einfachen, hart arbeitenden Menschen sein, nicht für die High Society.

Zu den prominenten Unterstützern Hofers gehört Stratosphären-Springer Felix Baumgartner: Nur Hofer sei in der Lage, die Alpenrepublik im Ausland gut zu vertreten. „Wir sollten einem jüngeren Kandidaten eine Chance geben. Einem, der politisch nicht ausgebrannt ist“, so Baumgartner bei Facebook.

Das sind die Baustellen von Kanzler Kern

„Plan für Österreich“

Der neue österreichische Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) will gemeinsam mit seinem konservativen Regierungspartner einen „Plan für Österreich“ aufstellen. Mit Investitionen und dem Ankurbeln der Wirtschaft soll die Alpenrepublik bis 2025 wieder fit werden. Das Land hat zur Zeit mit einigen politischen Baustellen zu kämpfen.

Arbeitslosigkeit

Jahrelang wurde Österreich mit seiner niedrigen Arbeitslosenrate europaweit als Vorbild betrachtet. Doch in der Vergangenheit drehte sich das Bild und das Land hat mit einer Rekordarbeitslosigkeit von 9,1 Prozent zu kämpfen. Nach Zahlen des Statistikamts der EU (Eurostat) sind zwar nur 5,8 Prozent arbeitslos - viele, die in staatlich finanzierten Umschulungen stecken, werden darin aber nicht mitgezählt. Nach aktueller Prognose des Arbeitsmarktservice wird die Arbeitslosenquote 2017 auf über zehn Prozent steigen.

Renten

Mit einem Renten-Eintrittsalter von 60,2 Jahren verabschieden sich die Österreicher im internationalen Vergleich sehr früh aus dem Erwerbsleben. Zehn Milliarden Euro an Steuern sind jährlich nötig, um die Rentenkasse zu füllen. Tendenz deutlich steigend. Zusammen mit den Aufwendungen für die Beamtenpensionen sind damit die gesamten Lohnsteuereinnahmen verbraucht. Die Erwerbsbeteiligung bei den 55- bis 64-Jährigen liegt in Österreich bei nur rund 47 Prozent (Stand 2014), in Deutschland bei fast 70 Prozent.

Wirtschaftswachstum

Nach Finnland und Griechenland hatte Österreich 2015 das schwächste Wachstum in der EU. In internationalen Standortrankings büßt die Alpenrepublik von Jahr zu Jahr viele Plätze ein. Vergleichsweise hohe Lohnnebenkosten und viel Bürokratie schrecken viele potentielle Arbeitsgeber vor der Selbstständigkeit ab. Viele große Unternehmen überlegen offen den Abzug ihrer Standorte. Neuansiedelungen gibt es nur wenige. Die Wirtschaftskammer setzt auf eine „Schubumkehr vom Abstieg zum Wieder-Aufstieg“.

Flüchtlinge

Österreich hat seit dem Vorjahr gemeinsam mit Deutschland und Schweden pro Kopf die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Über 110.000 Migranten fanden in Österreich Schutz. Die Integration der Menschen gilt als eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre. Die Stimmung im Land den Fremden gegenüber ist zum Teil schlecht. Zusätzlich muss günstiger Wohnraum geschaffen werden. Auch mehr Geld für Deutschkurse und mehr Lehrer wird benötigt.

Quelle: dpa

Auch Cathy Lugner setzt nach dem Misserfolg ihres Mannes Richard „Mörtel“ Lugner auf Hofer. „Mir kommt das Mittagessen hoch, wenn ich den VdB höre“, schrieb sie bei Facebook. Für Bauunternehmer Lugner hatten bei seinem zweiten Versuch, Bundespräsident zu werden, nur 2,3 Prozent votiert.

Der österreichische Autor Thomas Glavinic („Das größere Wunder“) ist einer der wenigen Intellektuellen des Landes, der die FPÖ-Erfolge eher gelassen sieht. Wer im Fall eines Freiheitlichen in der Hofburg von der Notwendigkeit des Auswanderns spreche, liege nicht richtig. „Ich glaube, das ist eher Wichtigtuerei. Ich find's absurd“, sagte der 44-Jährige dem Sender ORF.

Wer die Wähler der FPÖ ständig als „Ewig-Gestrige“ und „Nazis“ beschimpfe, treibe sie nur immer weiter in die Arme der Rechten. Egal, wer Bundespräsident werde, er werde dem Kontinent nicht so schaden können wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, meint Glavinic. „Der ist wirklich ein Problem.“

Von

dpa

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