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06.06.2013

15:38 Uhr

Österreich zieht Truppen ab

Eskalation an israelischer Grenze

Dramatische Entwicklung im syrischen Bürgerkrieg: Nach heftigen Gefechten zwischen Rebellen und Regierungstruppen im Grenzland zu Israel zieht Österreich seine Blauhelm-Soldaten vom Golan ab.

Umkämpfte Golanhöhen

Syrische Rebellen erobern Grenzübergang zu Israel

Umkämpfte Golanhöhen: Syrische Rebellen erobern Grenzübergang zu Israel

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Istanbul/Tel AvivIm syrische Bürgerkrieg spitzt sich die Lage auf den Golanhöhen bedenklich zu. Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann kündigte am Donnerstag den Abzug der österreichischen Blauhelm-Soldaten an. Zuvor hatten an der israelischen Grenze Rebellen und Regierungstruppen heftig gekämpft.

Regierungstruppen schlugen nach Angaben der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana die Aufständischen vom einzigen Grenzübergang auf dem Golan auf der syrischen Seite bei der Stadt Kunaitra zurück, den sie zuvor eingenommen hatten. Das bestätigte laut Nachrichtenagentur APA auch das österreichische Verteidigungsministerium.

Österreich stellt mit 380 Soldaten etwa ein Drittel der UN-Truppe, die auf dem Golan die Einhaltung der Waffenstillstandsvereinbarung Israels mit Syrien überwacht. Das Verteidigungsministerium habe in den vergangenen Wochen eine nachhaltige Verschlechterung der Lage festgestellt, heißt es in der Erklärung Faymanns: „Die Freiheit der Bewegung im Raum ist de facto nicht mehr gegeben. Eine unkontrollierte und unmittelbare Gefährdung der österreichischen Soldaten ist auf ein inakzeptables Maß angestiegen.“

Israel beschwerte sich am Donnerstag offiziell bei der Undof über das Eindringen syrischer Panzer in die Sicherheitszone. Das wurde der Nachrichtenagentur dpa aus militärischen Kreisen bestätigt.

Israel erklärte laut Militärangaben die Region rings um den Übergang auf israelischer Seite zum Sperrgebiet. Bauern dürften auf keinen Fall zur Arbeit auf die Felder. Nach Augenzeugenberichten schlug eine Granate in einem UN-Lager auf der syrischen Seite ein. Der israelische Bauer Alex Schalom wurde von der Zeitung „Jerusalem Post“ mit den Worten zitiert, er habe israelische Militärambulanzen mit Verletzten von dem Übergang wegfahren sehen.

Zwei Jahre blutiger Kampf um die Macht

15. März 2011:

Erste Protestdemonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.

18. März:

Tausende demonstrieren gegen Assad, es gibt Tote. Am 22. April gehen 100 000 auf die Straße, mindestens 112 sterben.

23. Juni:

Nach Einschlägen syrischer Granaten auf türkischem Gebiet schießt Syrien nahe der Stadt Latakia einen türkischen Militärjet ab. Ankara stationiert daraufhin Raketenabwehrsysteme an der Grenze.

31. Juli:

Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen.

3. August:

Der UN-Sicherheitsrat einigt sich auf eine „Präsidentielle Erklärung“ zur Verurteilung des Regimes in Damaskus. Eine gewichtigere Resolution scheitert am Veto Russlands und Chinas. Beide Länder blockieren in den folgenden Monaten zwei weitere Resolutionen.

2. Oktober:

Die syrische Opposition bildet einen Nationalrat.

22. Dezember:

Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Vier Wochen später wird ihr Einsatz wegen der Gewalt beendet.

23. Dezember:

In Damaskus sterben bei den ersten Selbstmordanschlägen im Bürgerkrieg mindestens 44 Menschen, mehr als 160 werden verletzt.

4. Februar 2012:

Aus der Protesthochburg Homs wird das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

13. Februar:

Das Regime weist den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum. Die Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft.

25. Februar:

In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien.

27. März: Syrien akzeptiert den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan, der eine von den UN beobachtete Waffenruhe vorsieht.

25. Mai:

Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben.

13. Juli:

Nach Angaben der Opposition sollen bei einem Massaker nahe Hama bis zu 250 Menschen von Regierungstruppen getötet worden sein.

18. Juli:

Bei einem Bombenanschlag der Rebellen auf den nationalen Krisenstab kommen mehrere Mitglieder der syrischen Führung ums Leben - darunter der Verteidigungsminister und Assads Schwager.

2. August:

UN-Vermittler Annan gibt auf. Es werden neue Massaker an syrischen Zivilisten gemeldet.

16. August:

Wegen der ausufernden Gewalt wird die UN-Beobachtermission beendet.

24. Oktober:

Der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi als neuer UN-Vermittler erklärt, beide Seiten seien zu einer Feuerpause bereit. Die auf vier Tage angelegte Waffenruhe hält keine drei Stunden.

11. November:

Regimegegner bilden die „Nationale Koalition“ und wählen den Prediger Ahmed Muas Al-Chatib zum Vorsitzenden. Zuvor gab der Syrische Nationalrat Ansprüche auf eine Vormachtstellung auf.

6. Januar 2013:

Assad will mit einer nationalen Mobilmachung seinen Sturz verhindern. Er verspricht in seiner ersten öffentlichen Rede seit sieben Monaten Reformen, eine neue Verfassung und Regierung. Eine politische Lösung mit bewaffneten Rebellen schließt er aus.

28. Januar:

Die Nato schützt die Türkei mit „Patriot“- Raketenabwehrstaffeln vor Angriffen aus Syrien. Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien dürfen sie nicht eingesetzt werden.

21. Februar:

In Damaskus kommen bei einem Bombenanschlag nahe der Zentrale von Assads Baath-Partei mindestens 53 Menschen ums Leben. Das Hauptquartier des Militärs wird mit Granaten beschossen.

28. Februar:

Die Staaten der „Freundesgruppe“ wollen Syriens Opposition politisch und finanziell helfen, aber keine Waffen liefern.

3. März:

Assad lehnt einen Gang ins Exil weiterhin ab. Im Interview mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ zeigt er Bereitschaft zu Gesprächen mit der Opposition. Voraussetzung sei aber, dass Militante ihre Waffen niederlegten.

5. März:

Syrische Rebellen melden die Einnahme der Stadt Al-Rakka. Für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Aleppo lassen Oppositionsparteien erstmals lokale Vertretungen wählen.

9. März:

Nach drei Tagen in der Hand syrischer Rebellen sind 21 Blauhelm-Soldaten wieder auf freiem Fuß.

Israel hatte die Golanhöhen im Sechstagekrieg 1967 von Syrien erobert und später annektiert. Beide Länder befinden sich offiziell im Kriegszustand. Ein Jahr nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 wurde die Einrichtung einer Pufferzone unter UN-Kontrolle vereinbart. Dort dürfen sich eigentlich nur UN-Beobachtertruppen aufhalten. Allerdings wird das sowohl von Rebellen als auch von Seiten des Regimes zunehmend ignoriert. UN-Soldaten wurden bereits von regierungsfeindlichen Milizen entführt.

In einer Videobotschaft wandte sich Al-Kaida-Anführer Aiman al-Sawahiri an die Aufständischen in Syrien. In der von dschihadistischen Webseiten verbreiteten Aufnahme rief er die Rebellen zum gemeinsamen Kampf „unter dem Banner des Islams“ gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad, die USA und Israel und für ein „Kalifat“ auf. „Die USA und ihre Verbündeten und Agenten wollen euer Blut und das eurer Frauen und Kinder vergießen, um das baathistische und alawitische Regime zu stürzen, damit sie eine Regierung errichten können, die ihnen gegenüber loyal ist und Israels Sicherheit garantiert.“

Im Syrienkrieg sind seit März 2011 laut UN mindestens 80 000 Menschen getötet worden.

Von

dpa

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