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09.05.2013

22:03 Uhr

Offenbar Waffenlieferung vereinbart

Syriens Assad wartet auf Russlands Raketen

Russland will nach israelischen Informationen offenbar Flugabwehrraketen an Syriens Präsident Baschar al-Assad liefern. Das würde die Fronten im Bürgerkrieg verhärten. Und auch die Lage in den Nachbarländern verschärfen.

Noch hat Syriens Präsident Baschar al-Assad genügend Unterstützer. ap

Noch hat Syriens Präsident Baschar al-Assad genügend Unterstützer.

DamaskusEs ist Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der die Hoffnung auf ein Ende des blutigen Bürgerkriegs in Syrien nährt. Noch in diesem Monat soll eine internationale Konferenz einberufen werden, sagte er nach einem Treffen mit seinem US-Kollegen John Kerry. Die gemeinsame Initiative steht allerdings im kompletten Widerspruch zu der Nachricht, die das „Wall Street Journal“ am Donnerstag verbreitet. Danach steht Russland kurz davor, hochgerüstete Flugabwehrraketen an Syrien zu liefern – was Präsident Assad stärken und den Krieg weiter anheizen würde. Die Zeitung bezieht sich auf israelische Informationen, die nun von US-amerikanischer Seite überprüft werden sollen.

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad bemüht sich seit Jahren um den Kauf des russisches S-300-Raketensystems, das sich sowohl zur Bekämpfung von feindlichen Flugzeugen als auch von ballistischen Raketen einsetzen lässt. Westliche Staaten haben Russland wiederholt gedrängt, die Lieferung zu unterlassen. Das Abwehrsystem könnte im Fall einer internationalen Intervention in Syrien auch gegen ausländische Kampfflugzeuge zum Einsatz kommen.

Israel will nun aber herausgefunden haben, dass Syrien im Rahmen eines schon 2010 vereinbarten Waffenkaufs in Höhe von 900 Millionen US-Dollar nun eine Zahlung an Moskau geleistet hat. Russland gilt neben dem Iran als Verbündeter Syriens, was ein aktives Eingreifen der internationalen Gemeinschaft in den Syrien-Konflikt kompliziert macht. Dabei sind seit Beginn des Aufstands gegen Baschar al-Assad im März 2011 nach UN-Angaben schon mindestens 70.000 Menschen in den Kämpfen umgekommen.

Israel hat Russland aufgefordert, von einem Verkauf eines Flugabwehrsystems an Syrien Abstand zu nehmen. Auch die USA hätten in Moskau Bedenken angemeldet, sagten israelische Regierungsvertreter am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. US-Außenminister John Kerry sprach sich allgemein gegen russische Waffenverkäufe an Syrien aus, ohne direkt auf den Bericht über die Verkaufspläne einzugehen.

Russland hatte sich besorgt über die Einsätze gezeigt, die in Moskau als Vorboten von Luftangriffen westlicher Staaten gesehen werden. Die russische Regierung ist einer der wenigen verbliebenen Verbündeten von Assad und hat zusammen mit China Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zu Syrien verhindert. Kerry sagte während eines Besuchs in Rom, die USA hätten sich bereits in der Vergangenheit gegen den Verkauf von Raketen an Syrien ausgesprochen, weil diese als Bedrohung für Israel gesehen werden könnten.

Weder die Regierungen in Moskau noch in Damaskus nahmen zunächst zu den Berichten über das Raketensystem Stellung.

Experten gehen davon aus, dass es nach der Lieferung mehrere Monate dauern wird, bis das Abwehrsystem einsatzbereit ist. Ohnehin dürfte die S-300 keine große Herausforderung für die israelische Luftwaffe darstellen, sagte Robert Hewson von IHS Jane's. Das System sei bereits länger im Einsatz. "Besonders Israels Freunde verfügen daher über eine Menge Informationen darüber, wie man mit dem System umgeht." "Es ist keine Wunderwaffe", sagte Hewson.

Zwei Jahre blutiger Kampf um die Macht

15. März 2011:

Erste Protestdemonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.

18. März:

Tausende demonstrieren gegen Assad, es gibt Tote. Am 22. April gehen 100 000 auf die Straße, mindestens 112 sterben.

23. Juni:

Nach Einschlägen syrischer Granaten auf türkischem Gebiet schießt Syrien nahe der Stadt Latakia einen türkischen Militärjet ab. Ankara stationiert daraufhin Raketenabwehrsysteme an der Grenze.

31. Juli:

Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen.

3. August:

Der UN-Sicherheitsrat einigt sich auf eine „Präsidentielle Erklärung“ zur Verurteilung des Regimes in Damaskus. Eine gewichtigere Resolution scheitert am Veto Russlands und Chinas. Beide Länder blockieren in den folgenden Monaten zwei weitere Resolutionen.

2. Oktober:

Die syrische Opposition bildet einen Nationalrat.

22. Dezember:

Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Vier Wochen später wird ihr Einsatz wegen der Gewalt beendet.

23. Dezember:

In Damaskus sterben bei den ersten Selbstmordanschlägen im Bürgerkrieg mindestens 44 Menschen, mehr als 160 werden verletzt.

4. Februar 2012:

Aus der Protesthochburg Homs wird das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

13. Februar:

Das Regime weist den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum. Die Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft.

25. Februar:

In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien.

27. März: Syrien akzeptiert den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan, der eine von den UN beobachtete Waffenruhe vorsieht.

25. Mai:

Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben.

13. Juli:

Nach Angaben der Opposition sollen bei einem Massaker nahe Hama bis zu 250 Menschen von Regierungstruppen getötet worden sein.

18. Juli:

Bei einem Bombenanschlag der Rebellen auf den nationalen Krisenstab kommen mehrere Mitglieder der syrischen Führung ums Leben - darunter der Verteidigungsminister und Assads Schwager.

2. August:

UN-Vermittler Annan gibt auf. Es werden neue Massaker an syrischen Zivilisten gemeldet.

16. August:

Wegen der ausufernden Gewalt wird die UN-Beobachtermission beendet.

24. Oktober:

Der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi als neuer UN-Vermittler erklärt, beide Seiten seien zu einer Feuerpause bereit. Die auf vier Tage angelegte Waffenruhe hält keine drei Stunden.

11. November:

Regimegegner bilden die „Nationale Koalition“ und wählen den Prediger Ahmed Muas Al-Chatib zum Vorsitzenden. Zuvor gab der Syrische Nationalrat Ansprüche auf eine Vormachtstellung auf.

6. Januar 2013:

Assad will mit einer nationalen Mobilmachung seinen Sturz verhindern. Er verspricht in seiner ersten öffentlichen Rede seit sieben Monaten Reformen, eine neue Verfassung und Regierung. Eine politische Lösung mit bewaffneten Rebellen schließt er aus.

28. Januar:

Die Nato schützt die Türkei mit „Patriot“- Raketenabwehrstaffeln vor Angriffen aus Syrien. Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien dürfen sie nicht eingesetzt werden.

21. Februar:

In Damaskus kommen bei einem Bombenanschlag nahe der Zentrale von Assads Baath-Partei mindestens 53 Menschen ums Leben. Das Hauptquartier des Militärs wird mit Granaten beschossen.

28. Februar:

Die Staaten der „Freundesgruppe“ wollen Syriens Opposition politisch und finanziell helfen, aber keine Waffen liefern.

3. März:

Assad lehnt einen Gang ins Exil weiterhin ab. Im Interview mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ zeigt er Bereitschaft zu Gesprächen mit der Opposition. Voraussetzung sei aber, dass Militante ihre Waffen niederlegten.

5. März:

Syrische Rebellen melden die Einnahme der Stadt Al-Rakka. Für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Aleppo lassen Oppositionsparteien erstmals lokale Vertretungen wählen.

9. März:

Nach drei Tagen in der Hand syrischer Rebellen sind 21 Blauhelm-Soldaten wieder auf freiem Fuß.

Die Auswirkungen des Bürgerkriegs haben aber auch das Leben Zehntausender Jordanier verändert – vor allem im Norden des Landes, entlang der 370 Kilometer langen Grenze zu Syrien. Da sind die Querschläger, die in jordanischen Dörfern einschlagen. Aber auch die rund 500.000 syrischen Flüchtlinge, die in dem Königreich Zuflucht gefunden haben und nun versorgt werden müssen.

Die jüngste Luftoffensive syrischer Regierungstruppen gegen Rebellen im Grenzgebiet hat die Lage weiter verschärft. Allein in der letzten Aprilwoche schlugen über 50 Sprengkörper aus Syrien auf jordanischem Boden ein, wie Anwohner berichten. Viele Hektar Weideland verbrannten, und nahe der Grenzstadt Mafrak blieben die Schulen geschlossen. Viele Jordanier halten einen Krieg zwischen beiden Ländern inzwischen für wahrscheinlich, auch wenn ihre Regierung abwiegelt.

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

09.05.2013, 11:05 Uhr

Was hat man erwartet ?
Deutsche und Holländische Patriot wurden entgegen jeder Logik in der Türkei stationiert , das Bedrohungspotential der Türkei durch den Syrien Konflikt ist doch recht überschaubar , dennoch hat man sich zu diesem wirrem Schritt entschlossen .
Aus der Sicht Syriens machen diese Waffen natürlich einen sinn wenn man sie an der Ost/Südgrenze stationiert ....
Das das die lege weiter anheizt dürfte jedem klar sein .

Nikos36

09.05.2013, 11:11 Uhr

Wieso sollte eine defensive Waffe das ganze noch befeuern? Weil Israel, USA oder evtl. die Türkei nicht einfach in den Luftraum eindringen könnten? Wieso staniert man deutsche Patriot an der Türkisch-Syrischen Grenze? Der eine (Türkei) darf und soll also den Schutz bekommen, den es mit 99% Wahrscheinlichkeit niemals benötigen würde, weil Syrien garantiert keinen Angriffskrieg führen würde und der andere darf trotzt des innersyrischen Konflikts keine Abwehrmaßnahmen gegen äußere Angreifer vornehmen? Wo ist da die Logik?

Account gelöscht!

09.05.2013, 11:25 Uhr

Das Problem ist doch ganz einfach zu überblicken.
Wenn Syrien nicht Lufabwehrraketen der neusten Bauart hat, können die USA und Israel jederzeit ohne größeres Risiko, auch geheim, jedwede Ziele in Syrien angreifen. Ob nun Waffenlieferungen für die Hisbollah oder andere Ziele.
Bekommt Assad die Raketen jedoch, ist es speziell für Israel nicht mehr ohne weiteres möglich, risikolose Angriffe zu fliegen.
Es geht im Kern also darum, dass man die Möglichkeit eines risikolosen Angriffes nicht verlieren möchte.

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