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18.06.2011

15:47 Uhr

Offensive

Gaddafi attackiert libysche Grenzstadt

Gaddafis Elite-Truppen sollen den Nachschub der Rebellen im Westen unterbrechen. Darum müssen nun junge Rekruten in der Hauptstadt kämpfen. Sie fürchten die nächtlichen Guerilla-Angriffe der Rebellen

Rebellen feiern den Abschuss eines Panzers der libyschen Regierungstruppen. Quelle: Reuters

Rebellen feiern den Abschuss eines Panzers der libyschen Regierungstruppen.

Tripolis/KairoTruppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi haben am Samstag Rebellenstellungen nahe der westlichen Stadt Nalut angegriffen. Ein Reporter des Fernsehsenders Al-Dschasira berichtete von schweren Kämpfen am Rand der strategisch wichtigen Stadt unweit der Grenze zu Tunesien. Maschinengewehrfeuer sei ebenso zu hören gewesen wie das Explosionen von einschlagenden Mörsergranaten und Raketen. Die Aufständischen hätten ihre Positionen behauptet, sagte der Reporter.

Die Rebellen kontrollieren den gesamten Kamm des Nafusa-Gebirges, der von der tunesischen Grenze bis 80 Kilometer vor die Hauptstadt Tripolis reicht. Die Gaddafi-Truppen versuchen seit Wochen, bei Nalut eine Bresche in das Aufständischen-Gebiet zu schlagen. Damit wollen sie die für die Rebellen lebenswichtige Nachschublinie aus Tunesien unterbrechen.

Die Nato bombardierte am Samstag den zweiten Tag in Folge Tripolis bei Tage. Bomben schlugen in den Bezirken Al-Karama und Fernasch im Osten der libyschen Hauptstadt ein, bestätigte ein libyscher Militärsprecher. Sowohl militärische als auch zivile Einrichtungen seien getroffen worden. Es habe Verletzte gegeben. Nähere Einzelheiten gab der Sprecher nicht bekannt.

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Der bedrängte Diktator Gaddafi lässt nach einem Bericht der „New York Times“ seine Hauptstadt Tripolis zunehmend durch frisch rekrutierte Soldaten sichern. Die Verbände der regulären Berufsarmee seien voll damit ausgelastet, die Rebellen an mehreren Fronten im Land auf Distanz zu halten, berichtete ein Korrespondent in der Samstagausgabe des Blattes aus Tripolis.

Einer der jungen Soldaten räumte ihm gegenüber ein, dass die Aufständischen nun selbst in Tripolis nachts Überraschungsangriffe auf Militärstreifen durchführten. „Wir haben Angst“, wird der Soldat zitiert. „Wir stehen im Licht, und sie kommen aus der Dunkelheit.“

Der Machthaber ließ sich am Freitag bei einer Kundgebung in Tripolis von tausenden Menschen feiern. In der organisierten Jubel-Menge wurden Porträts des „Bruders Führer“ hochgehalten. Frauen mit verspiegelten Sonnenbrillen und hochgereckten Maschinenpistolen ergänzten das folkloristische Selbstbild, wie es das Gaddafi-Regime vermittelt. Gaddafi selbst war nicht anwesend.

Der Diktator rief in einer Audio-Botschaft, die das libysche Staatsfernsehen am Abend ausstrahlte, seine Anhänger zum Durchhalten auf. „Wir werden die Nato besiegen“, verkündete der Machthaber zum wiederholten Mal. „Mögen sie selbst Atombomben auf uns werfen, wir werden hier bleiben.“

Bei der Tonband-Aufnahme handelte es sich um ein zuvor aufgezeichnetes Telefonat Gaddafis, hieß es. Zuletzt war der Machthaber am vergangenen Wochenende im Staatsfernsehen zu sehen. Er war kurz bei einer Schachpartie mit dem russischen Präsidenten des Weltschachverbands FIDE, Kirsan Iljumschinow, gezeigt worden. Geäußert hatte er sich dabei nicht.

Von

dpa

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