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28.08.2016

14:17 Uhr

Offensive in Syrien

Türkische Armee soll 35 Zivilisten getötet haben

Die Gewalt im Südosten der Türkei eskaliert: Bei der Offensive der Armee in Nordsyrien wurden laut Aktivisten mindestens 35 Zivilisten getötet. In der Nacht beschossen Milizen den Flughafen im türkischen Diyarbakir.

Die Türkei treibt die Offensive gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) und die Kurden in Nordsyrien voran. AFP; Files; Francois Guillot

Türkische Soldaten nahe der Grenze zu Syrien

Die Türkei treibt die Offensive gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) und die Kurden in Nordsyrien voran.

IstanbulIm Kampf gegen kurdische Milizen und Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) dringen die Türkei und ihre Verbündeten immer weiter nach Nordsyrien vor. Türkischen Sicherheitskreisen zufolge wurden am Sonntag Stellungen der Kurdenmiliz YPG mit Kampfflugzeugen und Artillerie angegriffen. Nach Angaben der Streitkräfte kamen dabei 25 kurdische Kämpfer ums Leben. Bei den Kämpfen wurden zudem Zivilisten getötet, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete. Im Dorf Dschub al-Kusa waren es demnach 20 und in Al-Amarna 15. Die türkische Offensive richte sich bislang vor allem gegen Aufständische, die mit kurdischen Einheiten verbündet seien.

Die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellengruppen hatten am Mittwoch die Grenze nach Syrien überquert, um nach eigener Darstellung dort gegen die Extremisten-Miliz IS zu kämpfen und zu verhindern, dass kurdische Rebellen weitere Gebiete von den Dschihadisten erobern. Die Türkei befürchtet, dass ansonsten kurdische Aufständische im eigenen Land erstarken. So wurde Medienberichten zufolge der Flughafen Diyarbakir in der Nacht zum Sonntag von mutmaßlich kurdischen Extremisten mit Raketen angegriffen. Tote und Verletzte gab es demnach nicht.

Wer kämpft gegen wen im Norden Syriens?

Idlib

Die Provinz im Nordwesten des Landes wird von dem Rebellenbündnis Dschaisch al-Fatah kontrolliert, das aus verschiedenen moderaten bis radikalen Gruppen besteht. Darunter die dschihadistische Miliz Fatah al-Scham. Das syrische Regime fliegt mit seinen Verbündeten – zu denen unter anderem Russland gehört – Luftangriffe auf Stellungen der Aufständischen. Einige der islamistischen Rebellen sollen Saudi-Arabien und Katar nahestehen.

Aleppo

Die einstige Handelsmetropole ist seit Jahren zwischen Regime und verschiedenen Rebellengruppen geteilt. Die Regierung kontrolliert den Westteil der Stadt. Die Aufständischen im Osten gehören einem weiten Spektrum zwischen extremistisch, islamistisch bis hin zu moderat an. Einige werden auch von den USA unterstützt. Das gilt auch für die kurdischen Kämpfer, die einige Viertel im Norden der Stadt kontrollieren. Westlich und südwestlich Aleppos herrscht das Bündnis Dschaisch al-Fatah, das auch die Provinz Idlib kontrolliert.

Grenzregion bei Dscharablus

Nach der Invasion der türkischen Armee zusammen mit Rebellengruppen am Mittwoch eroberten die Kräfte westlich des Euphrat die Grenzstadt Dscharablus von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Dschihadisten halten immer noch einige Gebiete an der Grenze zur Türkei, darunter die Stadt Al-Bab.

Die Kurdenmiliz YPG hatte die strategische Stadt Manbidsch vor wenigen Wochen vom IS befreit und war vom Osten her weit in das Gebiet der Extremisten vorgerückt. Dies ist der Türkei ein Dorn im Auge, weil die Kurdenmiliz YPG der bewaffnete Arm der Kurdenpartei PYD in Syrien ist. Bei der PYD wiederum handelt es sich um den Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei.

Der Nordosten

Die Kurden unter Führung ihrer Partei PYD haben im östlichen Teil der Provinz Aleppo sowie den Landesteilen Al-Rakka und Hasaka eine zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle geschaffen. In dem mehrere hundert Kilometer langen Streifen an der türkischen Grenze haben sie eine Selbstverwaltung ausgerufen. Die Kurden schienen sich trotz zeitweiser Gefechte mit Regimetruppen in zwei Enklaven arrangiert zu haben. Allerdings kam es zuletzt zu ungewöhnlich heftigen Kämpfen, die erst mit einer Waffenruhe eingedämmt werden konnten.

Zu den Kämpfen in Syrien äußerte sich die YPG-Miliz zunächst nicht. Mit ihr verbündete Rebellen erklärten aber, die YPG habe sich schon vor Beginn der Offensive aus den jetzt angegriffenen Gebieten zurückgezogen. Nach Erkenntnissen der in Großbritannien ansässigen Beobachtungsstelle konnte die türkische Allianz die Ortschaften Dschub al-Kusa und Al-Amarna einnehmen. Sie hätten dabei gegen Rebellen gekämpft, die dem Bündnis SDF nahe stünden, in dem die Kurden eine wichtige Rolle spielen. Das Vorgehen des Nato-Staates Türkei in Syrien ist heikel, weil die USA die SDF-Allianz im Kampf gegen den IS unterstützen.

Die Türkei setzte der Beobachtungsstelle zufolge auch am Sonntag Panzer ein. Bereits am Samstag war ein türkischer Panzer nach offiziellen Angaben von einer Rakete getroffen worden. Ein Soldat sei dabei ums Leben gekommen. Das Geschoss wurde der Türkei zufolge von einem Gebiet aus abgefeuert, das die YPG kontrolliert.

Die Kurden - ewiger Streit

Kurdengebiete

Das Kurdengebiet erstreckt sich vom Osten der Türkei über Syrien, bis in den Irak und Iran. Kurdische Nationalisten fordern seit jeher ein eigenes Staatsgebiet für die Kurden. Die Staaten in diesem Gebiet, allen voran die Türkei, lehnen das jedoch ab.

Tradition und Religion

Die Kurden sind eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen Sprache, traditionellen Festen, Musik und Literatur und einer eigenen kurdischen Küche. Religiös sind die Kurden hingegen gespalten: Die Mehrheit der Kurden sind Sunniten. Daneben gibt es, wenn auch wenige, Schiiten, Jesiden, Christen und Juden.

Politik

In der Türkei, in Syrien und im Iran gründeten Kurden eigene Parteien, die jedoch zum Teil nur im Untergrund agieren können, da sie von den nationalen Regierungen unterdrückt werden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die PKK in der Türkei. Nur die autonome Region Kurdistan, im Irak, hat ein eigenes Parlament und wählt ihren eigenen Präsidenten.

Türkei Konflikt

Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK gilt als der längste Konflikt zwischen Kurden und der türkischen Regierung. Die PKK fordert seit ihrer Gründung im Jahr 1978 einen unabhängigen Kurdenstaat. Diesen versucht sie, zum Teil auch gewaltsam, durchzusetzen. Die Türkei lehnt einen autonomen Kurdenstaat ab und ging ihrerseits immer wieder militärisch gegen die PKK vor. Die PKK wird von der der Türkei, von den USA und von der EU als terroristische Vereinigung eingestuft.

Sport

Die beliebteste Sportart in der autonomen Region Kurdistan ist Fußball. Vor zehn Jahren gründete sich der kurdische Fußballverband „Kurdistan Football Association“, in dem heute 24 Mannschaften spielen. Außerdem gibt es eine kurdische Fußballauswahl, die von der FIFA jedoch nicht anerkannt wird und deshalb nicht an den Weltmeisterschaften teilnehmen darf.

Die türkische Allianz will verhindern, dass die Kurden westlich des Flusses Euphrat weitere Gebiete erobern. Ein Kommandeur der Gruppe Sultan Murad sagte der Nachrichtenagentur Reuters, man rücke in Richtung Manbidsch nach Süden vor. Kurdische Kämpfer hatten die Stadt erst in diesem Monat mit Unterstützung der USA vom IS erobert. Der Kommandeur erklärte weiter, man wolle auch gegen den IS weiter im Westen vorgehen.

Die Türkei wird immer wieder von IS-Anschlägen erschüttert. So sollen die Islamisten für die Attacke auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep nahe der Grenze verantwortlich sein. Dabei kamen in diesem Monat 54 Menschen ums Leben. Präsident Recep Tayyip Erdogan wollte am Sonntag in die Stadt reisen, um den Angehörigen der Opfer seinen Respekt zu bekunden.

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