Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2013

20:56 Uhr

Ohio und Texas

US-Lehrer belegen zu Hunderten Waffenkurse

Nach dem Amoklauf Mitte Dezember in Newton wollen viele US-Bürger vorsorgen: Vor allem Lehrer und Kindergärtner wollen auf Schießereien vorbereitet sein – und belegen in Scharen Waffenkurse.

Waffenmesse in Connecticut. AFP

Waffenmesse in Connecticut.

Cleveland/San Antonio/WashingtonHunderte US-Lehrer und Kindergärtner haben seit dem Massaker an einer Grundschule in Connecticut Waffenkurse belegt. Viele wollen vorbereitet sein, sollte es in ihren Klassenzimmern zu ähnlichen Ereignissen kommen, und sind entschlossen, ihre Schüler mit Waffen zu schützen - selbst wenn sie das den Job kosten könnte, erklärt der Waffenverband Buckeye. "Jeder Lehrer, der eine Lizenz hat und bewaffnet sein möchte, sollte auch bewaffnet sein können", sagt der Mitbegründer der Gruppe, Gerald Valentino. "Jeder Lehrer sollte die Wahl haben."

Mitte Dezember hatte ein 20-Jähriger bewaffnet mit einem Sturmgewehr in Newton im Bundesstaat Connecticut 20 Grundschüler und sechs Erwachsene getötet, bevor er sich selbst richtete. Präsident Barack Obama kündigte daraufhin an, die Waffenregeln verschärfen zu wollen. Das stößt jedoch auf erheblichen Widerstand. Waffenlobbyisten argumentieren, ein bewaffneter Lehrer hätte das Massaker in Newton stoppen können.

Die USA und die Waffen

Undurchsichtige Rechtslage

Im Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung ist das Recht auf privaten Waffenbesitz verbrieft. Dort heißt es: "Weil eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." Die Frage, wie weit dieses Recht reicht und welchen Beschränkungen es unterworfen werden darf, ist Gegenstand kontroverser Debatten.

Seit 1993 steht etwa eine Überprüfung von Waffenkäufern im Bundesrecht. Verurteilte Kriminelle, Menschen mit psychischen Störungen oder Drogenabhängige dürfen demnach keine Schusswaffen erwerben. Ein im Folgejahr erlassenes Verbot halbautomatischer Gewehre wurde dagegen 2004 nicht verlängert. Dazu kommt ein Dschungel an Gesetzen und Verordnungen auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen. Immer wieder landeten regionale Beschränkungen für Waffenerwerb und -besitz dabei vor dem Obersten Gerichtshof, der in Grundsatzurteilen 2008 und 2010 ein Recht auf private Waffen anerkannte.

Zahl der Schusswaffen

Mehreren Studien zufolge sind in den USA bis zu 300 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz - das entspricht fast einer Waffe pro Einwohner. In einer Erhebung des Gallup-Instituts aus dem vergangenen Jahr gaben 47 Prozent der Befragten an, in einem Haushalt mit mindestens einer Schusswaffe zu leben. Jeder dritte US-Bürger ist demnach selbst Waffenbesitzer.

Die Waffenschmieden des Landes produzierten im Jahr 2011 knapp 2,5 Millionen Pistolen, 573.000 Revolver sowie mehr als drei Millionen Gewehre, wie die Statistiken der Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) zeigen. In den USA gibt es fast 130.000 lizensierte Waffenhändler.

Opfer durch Waffengewalt

Mehr als 30.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen - darunter sind mehr als 12.000 Morde. Die Anti-Waffen-Lobbyisten der Brady Campaign geben in ihrer Berechnung aus dem Jahr 2011 an, dass 270 Menschen täglich durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden. Darunter seien auch 38 verletzte und acht getötete Minderjährige. Nach Angaben der Bundespolizei FBI wurden im vergangenen Jahr 68 Prozent aller Morde mit Schusswaffen verübt.

Im Bundesstaat Ohio bietet Buckeye deshalb seit kurzem einen kostenfreien, extra neu geschaffenen dreitägigen Intensivkurs an, auf dem man lerne, wie man sich im Ernstfall zu verhalten habe. 900 Bewerbungen lägen bereits vor. In Texas wird für Lehrer ein Kurs umsonst angeboten, auf dem man einen Schein zum versteckten Tragen von Waffen erwerben kann. Normalerweise kostet er 85 Dollar.

Die 400 verfügbaren Plätze waren rasch ausgebucht, weshalb es in Kürze eine weitere Auflage geben soll. Einer der Ausbilder ist Josh Felker, der die Kurse in einer Vorstadt von San Antonio unterrichtet. Viele der Teilnehmer hätten ihm gesagt, sie hätten vor, Waffen in ihren Klassenzimmern zu tragen, auch wenn dies verboten sein sollte und sie deshalb entlassen werden könnten. "Sie sind bestürzt über das, was passiert ist. Niemand wird ihren Kindern wehtun."

US-Zeitungsbericht: Obama will Waffengesetze massiver verschärfen

US-Zeitungsbericht

Obama will Waffengesetze massiver verschärfen

US-Präsident Obama will eine Initiative gegen die laxen Waffengesetze starten.

Die Buckeye Firearms Association hat sich 2004 erfolgreich dafür eingesetzt, dass Waffen verborgen getragen werden dürfen. Lehrer, die eine entsprechende Lizenz haben, dürfen dies auch in Klassenzimmern öffentlicher Schulen - sofern dies von der zuständigen Bezirksschulbehörde gestattet ist. David Thweatt leitet eine solche Behörde, die für einen ländlich geprägten Schulbezirk 280 Kilometer nordwestlich von Dallas zuständig ist. Er hat seinen Lehrern die Erlaubnis erteilt mit dem Argument, dass die Polizei es im Ernstfall "hier niemals rechtzeitig her schaffen würde".

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

08.01.2013, 22:58 Uhr

Diese Gedankengänge lassen sich für einen Europäer kaum nachvollziehen. Hätte ein Lehrer das Massaker stoppen können, so hätte er es auch anrichten können.
Wir dürfen also gespannt sein, wenn der erste Lehrer in den USA ausrastet und seine Schüler umbringt. Und dann? Sollten dann als nächstes die Schüler Waffen tragen dürfen?

Account gelöscht!

08.01.2013, 23:33 Uhr

Klar. Bis zum Kindergartenkind alle bewaffnen. Ab morgen werden Kriege im Sandkasten nicht mehr mit Schäufelchen und Förmchen ausgefochten. Die NRA freut's.

Account gelöscht!

09.01.2013, 00:10 Uhr

US-Lehrer belegen zu Hunderten Waffenkurse, was kommt danach.

Wenn der erste Lehrer einen Schüler voreilig erschießt, weil er meint der Schüler wollte Amok laufen, geht der Lehrer in den Knast. Notwehr und fahrlässige Tötung liegen eng beieinander.

In einem großen Land wie das der USA, sind Tragödien mit Schusswaffen nicht vermeidbar. Zum anderen ist die große Armut der unkalkulierbare Sprengstoff schlechthin. Das trifft auch in Europa zu.

Stellen wir uns einmal vor:
Menschen wachsen in Armut auf. Sie arbeiten schwer und sind immer noch arm. Später kriegen die Menschen eine armselige Rente, die nicht zum Leben und zum Sterben reicht. Wie lange können Menschen diese Zustände aushalten?

Die Welt ist sehr reich,
nimmt aber immer weniger Menschen mit. Das ist das Problem weltweit. Terror ist ein Ausdruck von tiefster Unzufriedenheit. Wenn Menschen nichts haben, jagen sie sich in die Luft, und reisen viele unschuldige Menschen mit in den Tod.

Die Waffen sind nicht das Problem, die Perspektivlosigkeit ist das Problem. Wenn ein Land die Amokläufe verhindern will sind mehr Anstrengungen nötig.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×