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14.02.2011

11:05 Uhr

Ohne Reformen

Spanien droht erneute Rezession

VonAnne Grüttner, Dorit Marschall, Dirk Heilmann

Zuletzt konnte sich Spanien durch unerwartet hohe Ausgaben der privaten Haushalte wirtschaftlich gut schlagen. Doch ohne zusätzliche Reformen ist der wirtschaftliche Abschwung kaum aufzuhalten. Die Regierung Zapatero ist gefordert.

Spaniens Präsident muss sein Land nach der Finanzkrise wirtschaftlich reformieren. Quelle: Reuters

Spaniens Präsident muss sein Land nach der Finanzkrise wirtschaftlich reformieren.

Madrid/Düsseldorf/FrankfurtSchlechte Nachrichten musste Spaniens Wirtschaft zuletzt zuhauf einstecken. Eine wirklich gute unterbrach diesen Reigen vergangenen Freitag zwar auch nicht, aber zumindest kam kein weiterer Dämpfer hinzu: Die spanische Wirtschaft legte im vierten Quartal 2010 um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, meldete das Statistikinstitut INE.

Im Gesamtjahr 2010 schrumpfte die Wirtschaft allerdings immer noch, wenn auch nur äußerst gering um 0,1 Prozent im Vorjahresvergleich und damit weniger stark als von der Regierung mit minus 0,3 Prozent erwartet. Spanien war zur Jahresmitte 2008 in die Rezession abgerutscht und leidet seither vor allem an den Folgen der geplatzten Immobilienblase.

„Diese Ergebnisse sind nicht optimal, aber deutlich besser als erwartet“, sagte Juan José Toribio, Ökonom an der Managementschmiede IESE in Barcelona.

Das Wachstum am Jahresende ging den spanischen Statistikern zufolge sowohl auf einen positiven Beitrag der Binnennachfrage als auch des Exportsektors zurück. Wie stark diese beiden Bereiche jeweils gewachsen sind, wird allerdings erst mit den endgültigen Zahlen von INE diese Woche bekanntgegeben.

Dass sich Spanien zuletzt relativ gut geschlagen hat, liegt aus Sicht des Europa-Volkswirts des unabhängigen Analysehauses Capital Economics, Ben May, vor allem an den unerwartet starken Ausgaben der privaten Haushalte. „Angesichts der staatlichen Sparprogramme, weiterhin hoher Arbeitslosenzahlen und einer steigenden Inflationsrate ist es allerdings sehr unwahrscheinlich, dass der Konsum so kräftig bleiben wird“, kommentierte er. Die Gefahr sei „recht groß“, dass Spanien 2011 in die Rezession zurückrutsche, warnte er.

Die spanische Regierung rechnet dagegen damit, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr bereits wieder um 1,3 Prozent wachsen wird. Während Capital Economics-Experte May das für viel zu optimistisch hält, schließt sich José Carlos Díez vom Brokerhaus Intermoney der Regierungsprognose im Trend an: Er traut der Wirtschaft ein Prozent Wachstum zu – und wenn die Finanzmärkte sich bald wieder beruhigen und die spanischen Banken und Sparkassen sich wieder normal finanzieren können, wäre seiner Meinung nach sogar noch ein höheres Wachstum möglich.

Die Regierung setzt darauf, dass die Wirtschaft gegen Ende des Jahres wieder in einen schnelleren Wachstumsrhythmus kommt – nicht zuletzt weil dann die Reformen am Arbeitsmarkt zu greifen beginnen sollen. Am Freitag verabschiedete sie erneut Maßnahmen, um die Arbeitslosenquote, die bei mehr als 20 Prozent liegt, zu senken. Firmen, die arbeitslose Jugendliche in Teilzeit beschäftigen, müssen geringere Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Auch bei der Arbeitsvermittlung werden zusätzliche Anstrengungen unternommen.

Ökonomen bezeichnen die geringe Produktivität als ein Kernproblem

Reformen auf dem Arbeitsmarkt sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung, schreibt auch die European Economic Advisory Group (EEAG), die sich selbst als europäischer Sachverständigenrat versteht. Sie allein reichten allerdings bei weitem nicht aus, um das Wachstumstempo zu erhöhen. „Ohne eine Serie von Reformen, die die Produktivität steigern, wird sich in Spanien die Phase schwachen Wirtschaftswachstums und hoher Arbeitslosigkeit weiter in die Länge ziehen“, heißt es in dem Gutachten, das kommende Woche in Brüssel vorgestellt wird, dem Handelsblatt aber bereits in Auszügen vorliegt.

Die inländische Nachfrage in Spanien, die in den vergangenen Jahren größtenteils von Kapitalimporten stimuliert worden sei, werde noch für einige Zeit als Wachstumsmotor ausfallen, prognostizieren die EEAG-Ökonomen. Daher müsse Spanien seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern und seinen Exportsektor stärken.


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