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19.01.2013

17:06 Uhr

Operation Serval

Frankreich schickt weitere Soldaten nach Mali

Im Kampf gegen die Islamisten in Mali hat Frankreich weitere Soldaten in das Krisengebiet geschickt. Gleichzeitig will Paris die Verantwortung für den Einsatz rasch an den westafrikanischen Staatenbund übergeben.

Verstärkung der Truppen: Französische Soldaten treffen in Mali ein. Reuters

Verstärkung der Truppen: Französische Soldaten treffen in Mali ein.

Abidjan/ParisFrankreich hat nach Angaben von Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian seine Truppen in Mali weiter aufgestockt. „Heute befinden sich 2000 französische Soldaten auf malischem Boden“, sagte Le Drian am Samstag im Fernsehsender „France 3 Bretagne“. Eine weitere Verstärkung auf mehr als 2500 Soldaten sei nicht auszuschließen.

Gemeinsam mit den benachbarten Ländern sind laut Le Drian derzeit 2900 französische Soldaten an der Operation Serval in dem westafrikanischen Land beteiligt.

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Mali

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Hollandes Entscheidung, in Mali militärisch einzugreifen, sieht wie ein Abenteuer aus. Doch sie ist populär, weil viele Franzosen nicht bereit sind, Afrika den Islamisten zu überlassen. Aber auch sie stellen Fragen.

Bei einem Krisengipfel in der Elfenbeinküste haben auch die Staatschefs des westafrikanischen Staatenbundes ECOWAS die Truppenentsendung nach Mali vorangetrieben. Im „Krieg gegen den Terror in Mali“ rief die ECOWAS am Samstag zugleich die Weltgemeinschaft zu mehr Unterstützung auf.

„Die Zeit ist gekommen für ein umfassenderes Engagement der Großmächte“, sagte der amtierende ECOWAS-Vorsitzende, der ivorische Präsident Alassane Ouattara, in Abidjan. Der französische Außenminister Laurent Fabius sagte zur Eröffnung des Gipfels, die Franzosen hätten nicht die Absicht, den Einsatz der westafrikanischen Internationalen Unterstützungsmission für Mali (MISMA) zu ersetzen. Das Ziel des Gipfels sei es, dafür zu sorgen, dass die ECOWAS-Eingreiftruppe „so bald wie möglich“ zum Einsatz komme. Bis Samstag waren rund hundert Soldaten aus Nigeria und Togo vor Ort.

Die ECOWAS will bis zum 26. Januar rund 2000 Soldaten nach Mali schicken. Insgesamt haben ihre Mitgliedsländer 3800 Soldaten zugesagt. Zudem will der Tschad, der nicht zu dem Staatenbund gehört, dessen Präsident Idriss Deby aber ebenfalls am Gipfel in Abidjan teilnahm, 2000 Soldaten stellen. Somit sollen der MISMA letztlich 5800 Soldaten zur Verfügung stehen. Mehrere europäische Staaten, darunter Deutschland, sagten logistische Unterstützung zu.

Die islamistischen Milizen, die seit April den Norden Malis kontrollieren, hatten vergangene Woche überraschend die Stadt Konna im Osten des Landes eingenommen. Um ein weiteres Vordringen der Extremisten nach Süden in Richtung der Hauptstadt zu verhindern, schritt die französische Luftwaffe ein. Mit ihrer Unterstützung gelang es der malischen Armee am Freitag schließlich, Konna vollständig wieder einzunehmen.

Was in Mali auf dem Spiel steht

Wieso schreitet die alte Kolonialmacht Frankreich erst jetzt ein?

Frankreich hat in den vergangenen Monaten wiederholt die USA und die UN zum Eingreifen im Norden Malis bewegen wollen, allerdings mit wenig Erfolg. Bei allen Handlungen muss Paris auch immer das Schicksal der französischen Geiseln in der Hand von Islamisten in Afrika berücksichtigen. Es geht auch um Wirtschaftsinteressen. Der Vormarsch der Islamisten auf die strategisch wichtige Stadt Mopti zwang Paris zum Handeln. Seit langem sieht Frankreich seinen Einfluss in der Sahelzone, drei Flugstunden südlich von Europa, in Gefahr. Der Terror dort könnte auf Frankreich selbst übergreifen, weil viele der Gotteskrieger französisch sprechen und Verwandte im Land haben.

Aus welchen Kräften setzt sich die Dreier-Allianz der islamistischen Rebellen im Norden Malis zusammen?

Die Kämpfer der Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQM) gelten als Anführer. Sie sollen durch Drogenschmuggel und Lösegelder für entführte Ausländer über Dutzende Millionen Dollar verfügen. Geheimdiensten zufolge haben die Islamisten insgesamt 6000 ausgebildete Kämpfer in Nordmali, darunter Dschihadisten aus Ägypten, dem Sudan und anderen Staaten. In den Reihen der Islamisten kämpfen auch Männer des nordmalischen Volks der Tuareg. Sie nennen sich Ansar Dine. An ihrer Seite steht die „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (MUJAO), die ebenfalls die Scharia durchzusetzen will.

Wieso droht ausgerechnet Mali zum „zweiten Afghanistan“ werden?

Mali galt lange als einer der wenigen demokratischen Musterstaaten Afrikas. Nach einem Militärputsch in der im Süden gelegenen Hauptstadt Bamako im März 2012 eroberten Tuareg-Kämpfer gemeinsam mit Islamistengruppen den Norden Malis. In Timbuktu, wo Moscheen, Mausoleen und Friedhöfe zum Weltkulturerbe gehören, ließen die Islamisten mehrere historische Heiligtümer zerstören. Experten fürchten, dass der riesige Norden Malis ohne staatliche Kontrolle ebenso wie Afghanistan unter den Taliban zu einer Brutstätte für islamistische Terrornetzwerke wird. Auch in Afghanistan wurde die Weltöffentlichkeit erst durch die Zerstörung von Kulturgütern auf den Konflikt aufmerksam.

Afrika-Kenner schreiben, der Konflikt in Mali sei eine späte Rache des ermordeten libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Wie hängt das zusammen?

Der libysche Diktator hatte kampferprobte Tuareg-Männer aus dem benachbarten Nordmali für seine Streitkräfte rekrutiert. Nach Gaddafis Sturz kehrten viele mit modernen Waffen in die Heimat zurück. Dort verschafften sie den Aufständischen die entscheidende Schlagkraft im Kampf gegen die Zentralregierung im Süden.

Hat die internationale Staatengemeinschaft zu lange die Entwicklungen in Mali ignoriert?

Die dramatische Entwicklung ist eine Katastrophe mit Ankündigung. Über Monate warnten Frankreich, die USA und auch die Vereinten Nationen wechselseitig vor den Gotteskriegern aus Nordmali. Doch aus Sicht der Interimsregierung passierte viel zu wenig. Alarmiert von den jüngsten Vorstößen der Islamisten rief der Weltsicherheitsrat am Freitag dazu auf, die afrikanisch geführte Unterstützungsmission Afisma müsse schneller in Gang gesetzt werden. Dabei war die Entsendung schon Wochen vorher beschlossen worden. Ein Hindernis war bislang, dass es in Mali Vorbehalte gegen den Einmarsch von Soldaten aus Nachbarstaaten gab. Zudem wurde befürchtet, dass der Konflikt sich auch auf andere Länder der Region ausweiten könnte.

Kann es sein, dass deutsche Soldaten bald Seite an Seite mit den Franzosen in Mali kämpfen werden?

Deutschland schließt einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in dem westafrikanischen Krisenstaat derzeit aus. Die Europäische Union plant seit längerem, etwa 200 Militärberater zu entsenden. Sie sollen malische Soldaten auf den Kampf gegen Rebellen vorbereiten. Auch Bundeswehrsoldaten dürften bei der Ausbildung mit dabei sein. Bisher war geplant, die Ausbilder innerhalb der ersten drei Monate dieses Jahres nach Mali zu schicken. Nach den jüngsten Entwicklungen hat die EU angekündigt, die Militärausbilder schneller zu entsenden. Quelle: dpa

Auch in Diabali im Westen, das am Montag von Islamisten eingenommen worden war, verzeichnete die Armee einen Erfolg. Der örtliche malische Armeekommandeur sagte am Samstag, die Extremisten seien geflohen und die Armee bereite sich auf die Rückkehr in die Stadt vor. Mehrere Augenzeugen bestätigten, dass sich die Islamisten nach mehreren französischen Luftangriffen zurückgezogen hätten.

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