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24.07.2015

20:38 Uhr

Operation „Yalcin Nane“

Türkei lässt gegen den IS die Waffen sprechen

VonGerd Höhler

Der türkische Präsident Erdogan hat die Gefahr, die vom IS ausgeht, lange Zeit heruntergespielt. Nun trägt die Terrormiliz den Krieg in die Türkei, Ankara antwortet mit Luftangriffen – der Konflikt kommt Europa näher.

Zeremonie für Yalcin Nane, einen türkischen Offizier, der am Donnerstag bei einem Feuerüberfall des IS auf einen Militärposten in der Grenzprovinz Kilis erschossen wurde. Reuters

Türkische Soldaten

Zeremonie für Yalcin Nane, einen türkischen Offizier, der am Donnerstag bei einem Feuerüberfall des IS auf einen Militärposten in der Grenzprovinz Kilis erschossen wurde.

AnkaraLuftwaffenbasis Diyarbakir in der Südosttürkei: Am Freitagmorgen um 3.12 Uhr heben drei F-16-Kampfflugzeuge der türkischen Streitkräfte von der Startbahn ab, steigen steil in den nächtlichen Himmel. Die Maschinen donnern nach Südwesten, nehmen Kurs auf die Provinz Kilis an der syrischen Grenze.

Keine 20 Minuten dauert der Flug, dann haben die Kampfpiloten ihre Ziele im Visier: militärische Stellungen und ein Versammlungsplatz der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) jenseits der Grenze, nahe der syrischen Ortschaft Havar. Aus dem türkischen Luftraum feuern die Piloten ihre Lenkwaffen ab. 13 Minuten dauern die in mehreren Wellen geflogenen Angriffe. Um 3.53 Uhr ist der Einsatz beendet, die Maschinen kehren nach Diyarbakir zurück.

Die Operation trug den Codenamen „Yalcin Nane“ – so hieß ein türkischer Offizier, der am Donnerstag bei einem Feuerüberfall des IS auf einen Militärposten in der Grenzprovinz Kilis erschossen wurde. Der Angriff auf den Grenzposten war der zweite schwere Zwischenfall, nachdem ein mutmaßlicher IS-Selbstmordattentäter am Montag in der Grenzstadt Suruc bei einem Anschlag auf eine Versammlung junger Kurden 31 Menschen mit in den Tod gerissen hatte.

Die Entscheidung zu den Luftangriffen fiel am späten Donnerstagabend bei einer Krisenkonferenz in Ankara. „Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen“, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu. Mindestens 35 IS-Kämpfer seien bei dem Luftangriff getötet worden, meldete die Nachrichtenagentur Dogan. „Die türkische Republik ist entschlossen, alle nötigen Maßnahmen zur nationalen Sicherheit zu ergreifen“, hieß es in einer Mitteilung der Regierung.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Dieser erste direkte Militäreinsatz der Türkei gegen den IS in Syrien markiert eine Wende in der Politik Ankaras gegenüber der Terrormiliz. Die Türkei hatte den IS zwar bereits 2013 als Terrororganisation eingestuft und ist Mitglied der Koalition gegen den IS, hielt sich aber bisher militärisch zurück und bremste die Koalition sogar.

So durften die USA den Nato-Stützpunkt Incirlik nicht für Angriffe auf den IS nutzen. Hintergrund ist ein Dissens über die Syrienpolitik: Während die USA dem Kampf gegen den IS Priorität einräumen, arbeitet die Türkei vor allem am Sturz des Assad-Regimes in Damaskus – gegen das auch der IS kämpft.

Lange hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan deshalb die Gefahr, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ausgeht, heruntergespielt. Nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ließ er die Dschihadisten gewähren. Verwundete IS-Kämpfer wurden in der Türkei verarztet, ungestört konnte die Terrormiliz angeworbene Rekruten über die Türkei nach Syrien schleusen. Türkische Oppositionspolitiker werfen der Regierung sogar vor, sie habe Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an die Terrormiliz autorisiert.

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