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30.08.2012

15:00 Uhr

Opposition greift Putin an

„Luxuriöser als Oligarchen oder Scheichs“

VonOliver Bilger

Offiziell verdient Russlands Präsident 90.000 Euro im Jahr. Nach einer Aufstellung der Opposition ist Putin dennoch Millionär, wenn nicht gar Milliardär. Alleine seine Uhrensammlung sei einen sechsstelligen Betrag wert.

In Russland stellen sich die Menschen die Frage, wie reich ihr Präsident Wladimir Putin wirklich ist. AFP

In Russland stellen sich die Menschen die Frage, wie reich ihr Präsident Wladimir Putin wirklich ist.

MoskauSeit zwölf Jahren lenkt Wladimir Putin die Geschicke Russlands und hat in dieser Zeit viel Macht an sich gezogen. Doch hat er in diesen Jahren auch ein Vermögen angehäuft? Diese Frage treibt Russland regelmäßig um. Offiziell beläuft sich das Einkommen des Präsidenten auf knapp 90.000 Euro im Jahr. Doch angeblich soll er Millionen, wenn nicht Milliarden, sein Eigen nennen. Ein neuer Bericht wirft ein Schlaglicht auf die Besitzverhältnisse des ersten Mannes im Staat.

Die darin aufgeführten Zahlen machen sprachlos. Demnach soll Putin 20 verschiedenen Villen und Residenzen besitzen, 43 Flugzeuge und 15 Hubschrauber, vier Jachten und einen Fuhrpark von 700 Autos. Die Kosten gehen in die Milliarden. Allein der Wert seiner Kollektion edler Uhren soll 550.000 Euro betragen. Putin lebe luxuriöser als Oligarchen oder Scheichs, sagt Boris Nemzow, einst Vizepremier und seit vielen Jahren einer der Anführer der nichtparlamentarischen Opposition.

Er hat das 32 Seiten starke und bildreiche Dossier gemeinsam mit Leonid Martynjuk von der oppositionellen Bewegung Solidarnost erstellt. „Aus dem Leben eines Galeerensklaven“, lautet der Titel, in Anspielung auf eine frühere Aussage Putins: Wie ein Sklave auf einer Galeere habe er geschuftet, erklärte er am Ende seiner zweiten Amtszeit.

Der Kreml wies die Vorwürfe zurück und wollte „solchen Unsinn“ nicht kommentieren. Der Präsident benutze nur Staatseigentum, hieß es knapp. Nemzow kritisiert, für Putin gebe es kaum einen Unterschied zwischen Staats- und Privatbesitz. Weil er sich an den Reichtum gewöhnt habe, klammere sich Putin an die Macht, heißt es im Bericht.

Nemzow und Martynjuk Ergebnisse haben einen Haken: zwar belegen die Autoren ihre Aussagen mit Fotos, eindeutig belegbar sind die Besitzverhältnisse jedoch nicht. Und so bereichern lediglich einige Zahlen die schon lange geführte Diskussion um die Frage, wie reich der Präsident tatsächlich ist.

Russland in Zahlen

Landfläche und Bevölkerung

Russland erstreckt sich über eine Fläche von 16,4 Millionen Quadratkilometern - etwa ein Viertel davon liegt in Europa, der Rest in Asien. 142 Millionen Einwohner zählt das Land. Rund 14,8 Prozent der Einwohner Russlands sind unter 15 Jahre alt - aber nur 13,1 ist über 65. Zum Vergleich: 13,5 Prozent der Deutschen ist unter 15 Jahren - aber mehr als 20 Prozent ist älter als 65.

Bruttoinlandsprodukt und Staatsschulden

2010 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Russland rund 10.356 US-Dollar, 2011 lag es bei 13.235 US-Dollar. Das Wachstum des BIP im Jahr 2011 war vor allem den hohen Ölpreisen geschuldet. Das Wirtschaftswachstum hat sich seit der globalen Krise 2008/09 auf jährlich noch rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eingependelt. Der tiefste Einbruch wurde 2009 verzeichnet, als die Wirtschaft um knapp acht Prozent schrumpfte. Zuvor waren Wachstumsraten um sechs bis sieben Prozent erreicht worden. Allerdings ist Russland fast schuldenfrei: Die Staatsverschuldung liegt bei zehn Prozent des BIP. Russland verfügt zudem über Zentralbankreserven von einer halben Billion Dollar - die drittgrößten der Welt.

Russland, wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt

Russland gilt als wichtigster Öl- und Gasproduzent der Welt. Gleichzeitig ist das Land dadurch abhängig von seinen Rohstoffexporten. Die machen 65 Prozent aller Exporte des Landes und mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Arbeitslose

Die Arbeitslosenquote lag 2009 in Russland 6,4 Prozent.(Deutschland 7,4 Prozent). Das Bruttonationaleinkommen lag je Einwohner bei 9.340 US-Dollar. In Deutschland betrug es hingegen bei 42.450 US-Dollar.

Dienstleistungen

57 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet Russland mit Dienstleistungen (Deutschland: 69 Prozent). Das produzierende Gewerbe liegt bei 37,2 Prozent des BIP, die Landwirtschaft bei fünf Prozent (Deutschland: 30,1 Prozent und 0,8 Prozent des BIP). Nur 13,2 Prozent der Fläche wird in Russland landwirtschaftlich genutzt. In Deutschland ist das 48,5 Prozent der Landesfläche.

Das Einkommen der Russen

Der Großteil der Bevölkerung ist arm: Nach Angaben des russischen Statistikamtes verdiente 53,2 Prozent 2011 der Russen nicht mehr als 15.000 Rubel (rund 386 Euro) im Monat. Bei 35,5 Prozent lagt das Monatseinkommen bei 35.000 Rubel (890 Euro). Nur 7,3 Prozent der Bevölkerung  hatten ein monatliches Einkommen zwischen 35.000 und 50.000 Rubel (900 bis 1.287 Euro).

Millionäre in Russland

Die Anzahl der Milliardäre stieg in einem einzigen Jahr von 62 auf 101 (2010). Das Vermögen der zweihundert reichsten Russen betrug 2010 499 Milliarden Dollar, das der hundert reichsten 432 Milliarden Dollar. Das heißt: in Moskau leben mittlerweile mehr Superreiche als in New York. Im Jahr 2011 lebten hier laut "Forbe"s 79 Milliardäre.

Die Antworten sind stets unbestätigte oder vom Kreml widersprochene Gerüchte. Dabei geht es um Firmenbeteiligungen an Rohstoffunternehmen wie Gazprom oder Surgutneftegaz, die Putin angeblich zu einem reichen Mann machen.

Gemunkelt wird über Vertraute des Präsidenten, über die er Unternehmen kontrollieren soll. Vor einigen Jahren behauptete ein Politologe Putins Vermögen belaufe sich auf 40 Milliarden Dollar. Beweise erbrachte der Politologe nicht.

Auch das neue Dossier dürfte kaum mehr mehr bewirken, als das Rätselraten weiter am Leben zu halten.

Kommentare (9)

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Diogenis

30.08.2012, 15:29 Uhr

Alberne Stimmungsmache. Vielleicht löst sich der Autor von der längst überholten infantilen Vorstellung, dass Russland ein 'kommunistischer' Staat ist. Es ist nur legitim, dass das Staatsoberhaupt des größten Landes eine bescheidene Uhrensammlung sein eigen nennt. Gleiches sei auch Frau Merkel oder Herrn Schimon Peres, Obama oder sonst einem Häuptling gegönnt

Hagbard_Celine

30.08.2012, 15:36 Uhr

Nun also zur Abwechslung mal die Neidschiene...

Quo plures hostes, tanto maior honor.

Fürchten müssen wir diejenigen die in den Medien der Springer und Murdochs dieser Welt beweihräuchert werden.

Account gelöscht!

30.08.2012, 15:43 Uhr

Na ja, um mal wieder den Vorwurf einer "Neiddebatte" voranzutreiben, wage ich anzumerken, daß 550.000 EUR in Uhren mitnichten "bescheiden" sind. Wobei mir die Uhren oder Häuser eines jeden Staatschefs im Grunde egal sind, sofern er belegt, womit er es bezahlt hat. Bei eklatanten Unterschieden von Einkommen und Vermögen muß die Frage erlaubt sein, wo die Kohle herkommt. Da gibt es soooo viele dubiose Quellen, da sollte ein integrer Staatschef schon alleine aus dem Grund mit derartigen Nachweisen nicht hinter dem Berg halten; man könnte auf die Idee kommen, er wäre käuflich. Und das wollen wir doch nicht mal ansatzweise denken... :-)

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