Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2016

19:18 Uhr

„Organisierte Invasion“

Tschechiens Präsident wettert gegen Flüchtlinge

Tschechiens Präsident Milos Zeman macht Stimmung gegen Flüchtlinge: „Ich bin der Ansicht, dass die Muslimbruderschaft diese Invasion organisiert.“ Rückendeckung bekommt er auch von seinem Amtsvorgänger.

Tschechiens Präsident Milos Zeman macht die islamistischen Muslimbrüder für die Flüchtlingsbewegung nach Europa verantwortlich. Reuters

Milos Zeman

Tschechiens Präsident Milos Zeman macht die islamistischen Muslimbrüder für die Flüchtlingsbewegung nach Europa verantwortlich.

PragDer tschechische Präsident Milos Zeman und sein Vorgänger Vaclav Klaus haben mit Verschwörungstheorien Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. In einem Rundfunkinterview machte der 71-jährige Zeman am Montag die islamistischen Muslimbrüder für die Flüchtlingsbewegung nach Europa verantwortlich.

„Ich bin der Ansicht, dass die Muslimbruderschaft diese Invasion organisiert, freilich mit finanzieller Unterstützung einer Reihe von Staaten“, sagte der Präsident im Sender CRo.

Die Organisation habe keine Kraft, einen Krieg gegen Europa zu führen, argumentierte Zeman. Daher wähle sie nun andere Methoden wie eine Zuwanderungswelle, um Europa „schrittweise zu beherrschen“.

Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten als Bund von Islamgelehrten gegründet. „Auf der einen Seite steht die Willkommenskultur, auf der anderen das Bemühen der Muslimbruderschaft, ihre Ziele zu verwirklichen“, sagte Zeman.

Zeman hatte bereits in seiner Weihnachtsansprache vor der Flüchtlingsbewegung als einer „organisierten Invasion“ gewarnt und erklärt: „Dieses Land ist unser Land.“

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Rückenwind bekam er nun von seinem Amtsvorgänger Vaclav Klaus, der vor einem auf Europa zurollenden „Migrations-Tsunami“ warnte. „Es geht darum, ob wir unsere europäische Kultur, Zivilisation und Lebensweise durch Horden von Menschen zerstören lassen, die von anderen Kontinenten zu uns kommen“, sagte der 74-Jährige nach einem Bericht der Zeitung „Lidove noviny“ (Montag).

Hinter der Flüchtlingsbewegung vermutet Klaus nicht wie Zeman Islamisten, sondern die EU-Institutionen. Die Zuwanderung diene Brüssel dazu, die Nationalstaaten aufzulösen und einen neuen europäischen Menschen der Zukunft zu schaffen. „Das wollten Diktatoren wie Hitler und Stalin in der Vergangenheit immer erreichen“, sagte Klaus.

Der neoliberale Politiker stand von 2003 bis 2013 an der Spitze seines Landes. Sowohl Klaus als auch Zeman gelten als russlandfreundlich und dem Kreml nahestehend.

Flüchtlinge machen bislang einen großen Bogen um das mitteleuropäische EU-Mitgliedsland. Von Jahresanfang bis Mitte Dezember 2015 wurden in Tschechien nur 1425 Asylanträge registriert - in Deutschland waren es Hunderttausende. Im gleichen Zeitraum erhielten 71 Personen Asyl und 385 wurden vorübergehend aufgenommen, wie das Innenministerium in Prag mitteilte.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×