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24.06.2015

18:50 Uhr

Ortsbesuch in Athen

Die enttäuschten Griechen

VonGeorgios Kokologiannis

Unser Autor Georgios Kokologiannis spricht mit Athenern über die Griechenland-Krise und die Wahlversprechen von Syriza-Chef Tsipras. Viele machen sich kaum noch Hoffnungen – und sehen auch Fehler bei Kanzlerin Merkel.

Griechische Bürger in einem Athener Cafe. Viel erwarten sie von Regierungschef Tsipras nicht mehr. dpa

Niedergeschlagen

Griechische Bürger in einem Athener Cafe. Viel erwarten sie von Regierungschef Tsipras nicht mehr.

AthenNur hin und wieder wendet Antonis an diesem strahlend sonnigen Mittag seinen Blick von der vorbeiflanierenden Menge ab, während wir uns vor seiner Taverne im wuseligen Touristenviertel Plaka unterhalten. Sobald einer der ganz besonders sommerlich Gekleideten auch nur den Anschein erweckt, sich nach einem freien Tisch umzuschauen, unterbricht der großgewachsene Endfünfziger unser Gespräch und sagt kurz „signomi“ – Entschuldigung.

Dann prescht er zwei Schritte vor und fragt den potenziellen Gast wie selbstverständlich: „One or two person?“ – und ob man denn lieber drinnen oder draußen zu sitzen gedenke. Überraschend oft hat Antonis mit seiner leicht überrumpelnden Art sogar Erfolg. Dann winkt er einen seiner zwei Mitarbeiter heran und kann sich wieder vorübergehend mir zuwenden.

Georgios Kokologiannis war für das Handelsblatt heute in Athen unterwegs.

Krisenstimmung

Georgios Kokologiannis war für das Handelsblatt heute in Athen unterwegs.

„Wenn die einzige Möglichkeit den Euro zu behalten, wirklich die sein sollte, ein weiteres Sparprogramm verpasst zu bekommen, dann hätten wir auch bei der alten konservativen Regierung bleiben können“, sagt der Gastronom. Sollte Ministerpräsident Alexis Tsipras nichts Besseres einfallen, als am Ende doch nur die Politik seines konservativen Amtsvorgängers Antonis Samaras fortzusetzen, dann seien auch die Tage der amtierenden Regierung gezählt.

Viele Bürger hier am Fuße der Akropolis beurteilen die sich abzeichnende Kompromisslösung im Schuldenstreit zwischen der griechischen Regierung und den internationalen Gläubigerinstitutionen ähnlich ernüchtert: „So erfreulich es ist, dass der Beginn der Spaltung Europas offenbar abgewendet wurde – eine Frage bleibt: Was ist mit den Wahlversprechen der Syriza-Partei von Tsipras?“, kritisiert Stavros.

„Das Einzige, was Tsipras bisher tatsächlich von seinem ‚Thessaloniki-Programm‘ umgesetzt hat: Unser staatlicher Fernsehsender ERT, den die Samaras-Regierung abgestellt hatte, ist wieder in Betrieb. Und die Kündigungen der Putzfrauen in den Athener Behörden wurden wieder rückgängig gemacht“, spöttelt der Jura-Student mit ernster Mine. „Das war es aber auch schon.“

Wie reagiert der IWF auf einen Zahlungsverzug?

Zahlungsverzug tritt sofort ein

Zahlungsaufforderung durch Stab des Internationalen Währungsfonds (IWF); betreffender Staat hat keinen Zugriff mehr auf IWF-Mittel.

Quelle: IMF Financial Operations 2014, S. 139

Zwei Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Leitung kontaktiert zuständigen IWF-Gouverneur, drängt auf sofortige Zahlung.

Ein Monat nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor setzt Exekutivausschuss von Zahlungsverzug in Kenntnis.

Sechs Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor benachrichtigt betreffenden Staat, dass ohne sofortige Zahlung eine Beschwerde beim Exekutivausschuss eingereicht wird.

Zwei Monate nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor leitet Beschwerde an Exekutivausschuss.

Drei Monate nach Zahlungsverzug

Beschwerde wird im Exekutivausschuss behandelt; Zugriff des betreffenden Staates auf allgemeine Mittel des IWF wird beschränkt. Bei Verzug von Verpflichtungen bezgl. Sonderziehungsrechten (SZR) wird Recht auf Nutzung von SZR ausgesetzt.

Der Hintergrund: Als richtungsweisend für Tsipras' Pläne galt bisher vor allem seine wirtschaftspolitische Grundsatzrede, die er vergangenen September auf der internationalen Messe in Thessaloniki gehalten hat. Damals versprach der Syriza-Chef, dass Griechenland durch Verhandlungen mit den Geldgebern einen Großteil seiner Schulden loswerden wird.

Außerdem: Ein zwei Milliarden Euro umfassendes Sozialprogramm, ein 6,5-Milliarden-Euro-Paket zur Ankurbelung der Wirtschaft, die Schaffung von 300.000 neuen Arbeitsplätzen im privaten und öffentlichen Sektor und eine Änderungen im Steuersystem. Der Einkommensfreibetrag sollte auf 12.000 Euro angehoben werden, die Immobilienbesitzsteuer wegfallen, der Mindestlohn sollte auf 751 Euro steigen.

Kommentare (16)

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Frau Ich Kritisch

24.06.2015, 19:02 Uhr

tja, auch Syriza kann nur das Geld ausgeben das ihr zur Verfügung steht. und wir (die restlichen Bürger Europas) wollen nicht für Griechenland Steuern zahlen.
und es gibt weder einen Weinachtsmann, noch einen Osterhasen.

Herr Neuer Neumann

24.06.2015, 19:05 Uhr

Es wird langweilig.

Herr Jürgen Jantschik

24.06.2015, 19:17 Uhr

Ich sehe vor allen Dingen Fehler bei der Presse, die diese "fehlgeleitete" Rettungspolitik Jahre lang unterstützt hat.

Handelsblatt-Aktion vom 03.05.2010
Wir kaufen griechische Staatsanleihen!

EINE AKTION DES HANDELSBLATTS am 03.05.2010 !!!

„Ich kaufe zum ersten Mal in meinem Leben Staatsanleihen – und zwar griechische“, sagt der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel. Warum ein Zeichen der Solidarität mit Griechenland genau in diesem Moment notwendig ist, erklären der SPD-Politiker und andere Unterstützer der HANDELSBLATT-AKTION, darunter Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer.

Am Freitag habe ich daher für 5000 Euro griechische Staatsanleihen geordert (Gabor Steingart, Chefredakteur des Handelsblatt)

DAS WAR IM MAI DES JAHRES 2010 !!

Man sieht, dass die Presse - hier das Handelsblatt - diese fehlgeschlagene Austeritätspolitik von Anfang an mehr als unterstützt hat !!! Das seit dem Jahre 2010 ! Man kann sich nun selbst ein Bild machen von der so genannten freien und unabhängigen Presse ! Man hat hier offensichtlich ganz klar Partei ergriffen !! Für wen .. und warum…. das kann nun jeder selbst beurteilen !! Die Presse trägt eine ganz große Mitschuld an der Tatsache, dass deutsche Steuerzahler mit ca. 320 Milliarden Euro für diese „Rettungsmisere“ haften.

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