Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2014

19:11 Uhr

Ost-West-Krise

G 7 wollen sich von Russland abkoppeln

Alternativen zu russischem Gas finden – das ist eines der dringlichsten Anliegen der G 7 Gruppe. Die Abkopplung ist äußerst schwierig, als eine mögliche Option rückt nun –wenig überraschend– US- Fracking auf den Plan.

Sie haben teils unterschiedliche Positionen, etwa zur Atomkraft. Dennoch wollen die Minister Gabriel, Royal (Frankreich) und Motegi (Japan) sich in Rom auf gemeinsame Energiekonzepte einigen. dpa

Sie haben teils unterschiedliche Positionen, etwa zur Atomkraft. Dennoch wollen die Minister Gabriel, Royal (Frankreich) und Motegi (Japan) sich in Rom auf gemeinsame Energiekonzepte einigen.

RomÜber Sigmar Gabriel schweben die Engel, sie reichen sich die Hand. Die Weltpolitik erweckt gerade einen weniger friedvollen Eindruck. Weshalb der Bundeswirtschaftsminister nun hier in Rom unter den Deckenfresken im Sala Verdi des Hotels Majestic sitzt. Freudig umarmt er Italiens Premier Matteo Renzi, auch die Ex-Frau von Frankreichs Präsident François Hollande und neue französische Energieministerin, Ségolène Royal, ist dabei. So ist es auch ein kleines sozialdemokratisches Familientreffen.

Ende März wurde Russland wegen der Annexion der Krim aus der seit 1998 bestehende G8-Gruppe ausgeschlossen, nun tüfteln die Energieminister der sieben führenden Industriestatten am Dienstag in Rom an einem Masterplan für eine geringere Abhängigkeit von den Gaslieferungen Wladimir Putins. Für die Ukraine sollen Notfall-Pläne erarbeitet werden, falls Russland dem Land den Gashahn zudreht. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) betonte zugleich: „Es wird keine Lösung geben, da waren wir uns einig.“ Der 13-Punkte-Plan dient also noch nicht als fixes Papier, sondern als Vorlage für den G7-Gipfel der Staatschefs aus den USA, Kanada, Großbritannien, Italien, Deutschland, Frankreich und Japan am 4. und 5. Juni in Brüssel.

Eine erste Einigung gibt es am Abend aber doch, wenn auch ohne konkreten Zeithorizont: Mehr Importe von Schiefergas aus Nordamerika sollen die Abhängigkeit von Russischem Gas verringern. Dafür sollten die USA und Kanada Flüssiggas liefern, das verkündet Italiens Industrieministerin Federica Guidi nach dem Treffen. Der britische Energieminister Ed Davey erklärte, man habe eine strategische Entscheidung getroffen, "die russische Energiewaffe zu entschärfen". Dies werde allerdings dauern. Die USA hätten den Europäern mitgeteilt, dass sie frühestens Ende des Jahrzehnts mit Schiefergas-Lieferungen rechnen könnten.

Der Westen wirft Russland vor, im Streit mit der Ukraine die Erdgaslieferungen als Druckmittel zu verwenden. Die Regierung in Moskau weist dies zurück. Europa erhält etwa ein Drittel seines Erdgases aus Russland. In Nordamerika wird Schiefergas in großen Mengen durch das umstrittene Fracking-Verfahren gewonnen.

Das große Einmaleins der G-Formate

G 2

Dieser Begriff wird vor allem in den USA für die Abstimmung zwischen den USA und China verwendet. Ziel ist eine Verständigung über zentrale strategische Fragen.

G 4

Für Deutschland beschreibt diese Gruppe das Bündnis von Deutschland, Japan, Brasilien und Indien, als diese gemeinsam eine Reform des UN-Sicherheitsrates anstrebten.

G 5

Schon als Innenminister hatte Schäuble die informelle Abstimmung der großen EU-Staaten untereinander forciert. Auf dem G 5-Treffen am Montag sollten sich die Finanzminister Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Spaniens treffen.

G 6

Zu den G 5-Staaten gesellt sich hier Polen. Die Abstimmung findet etwa auf Ebene der Innenminister statt.

G 7

Dies ist der Klub der sieben großen Industrieländer USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada. Das Format gewinnt derzeit wieder an Bedeutung und koordiniert etwa die westlichen Sanktionen gegen Russland in der Ukraine-Krise. Die G7-Staaten legen Wert darauf, dass sie als Demokratien auch eine gemeinsame Wertebasis haben.

G 8

Hierbei handelt es sich um den Klub der G7-Staaten mit Russland. Die G7-Staaten haben den im russischen Sotschi geplanten Gipfel wegen der Entwicklung in der Ukraine aber abgesagt. Formal ist das Format noch nicht beerdigt worden. Allerdings gilt in westlichen Hauptstädten die Aussicht, das G8-Format wieder aufleben lassen zu können, derzeit als gering.

G 20

Damit sind die zwanzig wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt gemeint - im Prinzip. Denn oft nehmen noch weitere Länder teil wie etwa die Niederlande oder Spanien teil. Dennoch spricht man von G20-Gipfeln. Absicht der Treffen ist vor allem die Koordination für ein gemeinsames Vorgehen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, etwa die Verständigung über eine straffere Regulierung der Finanzmärkte.

G 33/ 77

Es gibt weitere Staatenbündnisse wie die G33 und die G77, mit denen vor allem Entwicklungsländer versucht haben, ihre Interessen gegenüber den westlichen Industriestaaten besser zu vertreten - etwa in Handelsfragen. Gerade die 1964 gegründeten G77 haben aber an Bedeutung verloren, weil sich die Mitgliedsländer sehr unterschiedlich entwickelt haben. China etwa wird längst nicht mehr als Sprachrohr angesehen. Wie für alle G-Formate gilt: Meistens werden die Formate nicht formell aufgelöst, sondern die Absprachen schlafen einfach ein.

So schmalbrüstig und womöglich auch energiepolitisch kurzsichtig die erste Einigung erscheinen mag, schon dorthin war es kein leichter Weg. Ein erster Entwurf für die Rom-Initiative umfasste noch etwas, das Deutschland so nicht mittragen kann. So sollen alle CO2-armen Technologien gefördert werden, neben erneuerbaren Energien auch Atomkraft. Am Ende wurde der Passus abgeschwächt, die Förderung bleibt Staaten selbst überlassen. Gabriel pocht besonders auch auf mehr Anstrengungen etwa bei der Dämmung von Gebäuden, damit weniger Gas zum Heizen nötig ist.

„Das zentrale Thema ist, wie man mittel- und langfristig verhindern kann, dass in einer zusammenwachsenden Welt Energie als Waffe benutzt wird“, betont der Vizekanzler. Doch er warnt zugleich vor Aktionismus und fordert mehr Realismus - eine schnelle Änderung und Diversifizierung ist kaum machbar.

Aber: Ein Ergebnis von Rom ist, dass nun umfassende Notfallpläne erarbeitet werden, für den Fall, dass Russland der Ukraine den Gashahn zudreht. Es ist vor allem ein europäisches Problem, wobei Deutschland dank der Ostseepipeline Nord Stream unabhängiger vom Transitland Ukraine ist als mehrere osteuropäische EU-Staaten.

Deutschland bezieht 38 Prozent seines Erdgases aus Russland, zudem sind Konzerne wie Eon mit der russischen Energiewirtschaft verbandelt. EU-weit haben russische Gasimporte einen Anteil von 30 Prozent, die Baltenstaaten kommen auf bis zu 100 Prozent. Einige Hoffnungen ruhen in Rom auf der Trans Adriatic Pipeline (TAP), die ab 2019 von Aserbaidschan aus Europa beliefern soll.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.05.2014, 16:04 Uhr

@"So ist es auch ein kleines sozialdemokratisches Familientreffen".
Noch keine paar Jahre sind's her, dass uns unsere Gutmenschenpolitiker mit den aus Osten kommenden Nabelschnüren physisch verbunden haben, und sich dafür auch noch feiern ließen. Und jetzt soll das schon wieder vorbei sein? Was kostet denn das Ganze? Und wer zahlt letztlich? Ich weiß, wer's zahlt. Wie immer in der Geschichte, die Dummen zahlen -- und Dumme gibt's hierzulande zu Hauf -- sieht man ja auch an anderen Beispielen, wie EU, ESM, EZB, Bankenunion, indirekt natürlich auch NSA usw. usw. Ja, liebe Mitbürger, Dummheit kann teuer werden.

Account gelöscht!

06.05.2014, 16:33 Uhr

Die Puppen tanzen brav nach dem Muster, das die US-Overlords vorgegeben haben und dienen damit allerlei möglichen Interessen nur nicht denen Europas. Die Interessen der USA und deren Geldeliten sind:

a) Spaltung: die politisch-wirtschaftliche Spaltung Europas in zwei Teile: den EU-Teil und Rußland. Die Integration der Ukraine in EU/NATO ist dabei zweitrangig - es geht um die Isolation Rußlands und Desintegration eines eurasischen Wirtschaftsraumes, den die Amis nicht kontrollieren können. Dies folgt der uralten angloamerikanischen Hearthland-Theorie und die Strategie, die hier verfolgt wird, ist ganz primitiv das bekannte "Teile und Herrsche" bzw. die britische Version davon, "Balance of Power" in (Kontinental)Europa. Die Amerikaner werden also alles tun, um die Russen zu provozieren und zu einer militärischen Aktion zu veranlassen. Die ganz offensichtliche Kriegshetze der US-gesteuerten deutschen und internationalen Presse spricht Bände.
Geradezu primitiv mutet es an, wenn US-Außenminister Kerry offenbar ganz direkt von Europa fordert, (entgegen seinen eigenen vitalen Interessen) Rußland zu isolieren und sich handelspolitisch selbst ins Bein zu schießen. Deutlicher kann man seine bösen Absichten nicht bloßstellen! Danke!

b) Neben dieser Spaltung ist das zweite Interesse die Beherrschung Rest-Europas (den EU-Teil), was nach Kissinger am besten durch die Kontrolle des Öls (Energierohstoffe) zu erreichen ist. Hierzu wurde Europa durch den "arabischen Frühling" und die Finanzangriffe auf Griechenland und Zypern von den Gasfeldern des östlichen Mittelsmeers und Pipeline-Projekten (Syrien) abgeschnitten - das wird solange der Fall sein, bis die anglo-amerikanischen Geld- und Ölbarone sich diese Resourcen komplett unter den Nagel gerissen haben.
Parallel dazu wird jetzt an der Gasversorgung Europas durch die Russen gesägt. Mit dem schon existierenden US-Vasallenregime in Polen und einem künftigen in der Ukraine hätte man immer die Möglichkeit die Pipelines zu kappen.

Account gelöscht!

06.05.2014, 16:36 Uhr

c.) Finanzkrieg („the Big Picture“)
Ähnlich wie in Europa/Rußland gehen die US-Strategen derzeit übrigens auch in Asien vor mit China in der Rolle Rußlands gegen das derzeit Japan, Taiwan, Indonesien etc. aufgehetzt werden, indem alte, lange ruhende, Besitzrechtsstreitigkeiten über Inseln hochgepuscht werden.
Zufällig sind darüberhinaus die Amerikaner auch dort dabei ein "transpazifisches Freihandels-Abkommen" durchzudrücken - und zwar Ex-China natürlich.

Das Ganze geschieht vor dem Hintergrund eines gerade ablaufenden Finanzkrieges um den Dollar.
Die Ukraine ist ein Baustein im Finanzkrieg der US-Finanzelite gegen den Rest der Welt. Es geht für diese um ihr Überleben!

Rußland und China sind nämlich gerade dabei den Dollar als Welttransferwährung anzugreifen, indem sie künftige wechselseitigen Handel miteinander und mit Drittstaaten in Nichtdollar-Währung abwickeln. Das ist, wie verschiedene Regierungen angefangen mit Saddam Hussein mittlerweile erfahren haben, absolut tödlich.

Rußland und China sind aber andere Kaliber und sie haben in vielen Entwicklungsländern (und nicht nur dort) mittlerweile Bündnispartner gefunden. Die Frage (besonders für uns Europäer) ist daher, ob die Herren des Dollars (und damit meine ich nicht unbedingt die US-Regierung) bis zum Letzten gehen werden oder nicht. EUROPA sollte da jedenfalls KEINESFALLS MITGEHEN!

Angenehmer Nebeneffekt dieses Finanzkrieges: Kapitalrückflüsse ins Zentrum
Durch Provokation von Krisen wird der Dollar bzw. die T-Bonds gestärkt, da Geld aus den Krisenländern in die Leitwährung (bzw. die USA) zurückfließt. Diese Dollarstärkung kann man für strafloses Gelddrucken nutzen, dh. ohne daß der Dollar spürbar fällt. Die USA provozieren auch aus diesem Grund periodisch Krisen, angefangen mit Ende der 90er die Ostasienkrise, auch gegen ihre „Freunde“ (uns, siehe Eurokrise)
Wir erinnern uns an 2008, u.a. der Finanzangriff auf Osteuropa, der mit dem von den USA provozierten Georgienkonflikt „unterstützt" wurde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×