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03.03.2014

13:02 Uhr

Osteuropa-Experte im Interview

„Russland hat kein Interesse an Krieg“

VonJan Mallien

ExklusivRusslands Präsident Putin setzt im Krim-Konflikt auf Konfrontation. Im Interview erklärt Osteuropa-Experte Stefan Meister, welche Ziele Russland damit verfolgt – und wie der Westen darauf reagieren sollte.

Russlands Präsident Vladimir Putin: "Allein aus innenpolitischen Gründen muss er darauf achten, dass die Situation nicht eskaliert." dpa

Russlands Präsident Vladimir Putin: "Allein aus innenpolitischen Gründen muss er darauf achten, dass die Situation nicht eskaliert."

Droht ein Krieg auf der Krim?
Das ist unwahrscheinlich. Russland hat kein Interesse an Krieg. Wladimir Putin wurde von der Entwicklung in der Ukraine überrollt. Jetzt setzt Putin die Krim als Faustpfand ein, um den russischen Einfluss auf die Ukraine zu wahren.

Welches Ziel verfolgt er?

Die Russen sind sehr professionell vorgegangen. Sie wollen ein Referendum über den Status der Krim herbeiführen. Die Krim könnte dann unabhängig werden oder sie wird an Russland angegliedert. Damit hätten die Russen einen Hebel, um einen EU- oder Nato-Beitritt der Ukraine zu verhindern.

Stefan Meister ist Russland-Experte des Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR).

Stefan Meister ist Russland-Experte des Think-Tanks European Council on Foreign Relations (ECFR).

Wie schätzen sie die Gefahr ein, dass der Konflikt weiter eskaliert?

Das hängt stark davon ab, ob sich Kiew provozieren lässt. Wenn dort die Nationalisten Oberwasser bekommen,  könnte sich der Konflikt ausweiten. Allerdings ist die Krim ein Sonderfall. Sie gehört erst seit den 50er Jahren zur Ukraine und es gibt eine russische Bevölkerungsmehrheit. In der restlichen Ukraine – auch im Osten des Landes – ist das anders.

Wie lässt sich der Konflikt lösen?

Der Westen muss auf allen Ebenen mit Russland reden. Eine Internationalisierung des Konfliktes unter Einbindung Russlands könnte die Situation entschärfen.

Die wichtigsten Daten der Krise in der Ukraine – Teil 2

20. Februar 2014

Die Sicherheitskräfte eröffnen das Feuer auf Demonstranten. Bei den Kämpfen werden nach offiziellen Angaben fast 80 Menschen getötet. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission in Kiew.

21. Februar 2014

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Janukowitsch eine Vereinbarung, die neben der Wahl auch die Bildung einer Übergangsregierung vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Präsidenten.

22. Februar 2014

Janukowitsch reist überraschend von Kiew in den Osten der Ukraine, wo er seine Hochburgen hat. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden, einen Vertrauten von Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Timoschenkos. Das Parlament setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Präsidentschaftswahl an und enthebt Janukowitsch seines Amts. Die aus der Haft entlassene Timoschenko reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan unter Tränen zur Fortsetzung des Protests auf.

23. Februar 2014

Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht. Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten.

24. Februar 2014

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro). Russland zweifelt die Legitimität der neuen Führung in Kiew an.

25. Februar 2014

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

26. Februar 2014

Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Westgrenze der Ukraine an. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew. Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert.

27. Februar 2014

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

28. Februar 2014

Bewaffnete in Uniformen ohne Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel.

Janukowitsch bekräftigt bei einer Pressekonferenz im westrussischen Rostow am Don seinen Anspruch auf das Präsidentenamt. Während Putin vor einer weiteren Eskalation der Gewalt in der Ukraine warnt, droht US-Präsident Barack Obama mit ernsten Konsequenzen, sollte Moskau die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzen.

1. März 2014

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Auf der Krim umstellen dutzende Bewaffnete das Regionalparlament. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben.

Das Referendum über den künftigen Status der autonomen Region wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird angesichts eines drohenden russischen Militäreinsatzes in Alarmbereitschaft versetzt.

1. März 2014

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten.

Muss der Westen nicht Druck ausüben?

Auf jeden Fall! Für Putin ist die Ukraine ein Präzedenzfall. Es geht um eine massive Machtdemonstration gegenüber den früheren Sowjetrepubliken. Das kann der Westen so nicht hinnehmen. Er muss eine rote Linie geben, Sanktionen sollten nicht ausgeschlossen werden  

Kann er das überhaupt?

Ich glaube schon. Für Putin ist die internationale Anerkennung wichtig. Wenn der Westen den G8-Gipfel in Sotschi absagt, würde ihn das treffen. Die krasse Reaktion an der Moskauer Börse zeigt außerdem, dass Russland auch wirtschaftlich anfällig ist. Allein schon aus innenpolitischen Gründen hat Putin ein Interesse daran, dass die Situation nicht eskaliert.

Lage auf der Krim

Kann Putin aufgehalten werden?

Lage auf der Krim: Kann Putin aufgehalten werden?

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Kommentare (9)

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03.03.2014, 14:42 Uhr

..Wladimir Putin wurde von der Entwicklung in der Ukraine überrollt. ...

Falsch, wurde nicht übberrollt.

Schuld waren die Oympischen Winterspiele. Er konnte nicht eingreifen. Das war seine Achillesferse.

Account gelöscht!

03.03.2014, 17:53 Uhr

Zitat : Ich glaube schon. Für Putin ist die internationale Anerkennung wichtig. Wenn der Westen den G8-Gipfel in Sotschi absagt, würde ihn das treffen.

Nach dem es nun auch G20 Treffen gibt, könnte man getrost die Show-Veranstaltung um den G8-Gipfel abschaffen….und Putin Weiß das auch ! Die Amis werden es auch nicht schaffen, Russland von der restlichen Welt zu isolieren…….das ist eine märchenhafte Vorstellung !

Wenn das das einzige Instrumentarium sein sollte, das die Amis gegen die Russen vorzuweisen haben, sollten sie besser die Klappe halten und sich aus Sachen Europa raushalten ! Sonst ziehen die Russen noch ihre Gelder, die sie in den Dollar angelegt haben, zurück !

Und das ist bei weitem ein stärkerer Hebel, als die bankrotten Amis vorweisen können !

Account gelöscht!

03.03.2014, 17:54 Uhr

Putin macht alles richtig. Warum erregt man sich so sehr? Was ist der Grund? Krim ist seit 200 Jahren russich, in drei Kriegen gegen Türkei erobert. Das ukrainisch-stammiger Hruschev Krim an Ukraine "geschenkt" hat war ein historischer Fehler, den Putin gerade korrigiert.

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