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16.04.2014

15:27 Uhr

Ostukraine

Der Kampf ums Geld

VonHelmut Steuer

Wer kann, der tauscht in der Ostukraine die heimische Währung gegen Euro oder Dollar. Denn das Geld verliert rasant an Wert, die Preise steigen. Dramatisch für die meisten Ukrainer. Doch es gibt auch Gewinner.

Es herrscht Verwirrung: Hier in Simferopol auf der Krim wollen die Menschen an ihr Geld. In der Ostukraine wollen sie lieber Euro. Denn die heimische Währung ist nichts mehr wert. Reuters

Es herrscht Verwirrung: Hier in Simferopol auf der Krim wollen die Menschen an ihr Geld. In der Ostukraine wollen sie lieber Euro. Denn die heimische Währung ist nichts mehr wert.

DnipropetrowskEs ist wie an jedem Tag in diesen Wochen: Vor dem kleinen Elektrogeschäft in der ostukrainischen Industriestadt Dnipropetrowsk verfolgen wieder mehrere Menschen die dramatischen Ereignisse in Slawjansk und Kramatorsk, wo sich ukrainische Soldaten und prorussische Rebellen einen erbitterten Kampf liefern. Der Ladeninhaber hat einen Fernseher im Schaufenster aufgestellt, auf dem die dramatischen Bilder laufen. „Jetzt ist es aus“, seufzt ein älterer Herr als er einen Panzer mit russischer Flagge sieht. Der Fernsehkommentator sagt, der ukrainische Panzer sei von den Aufständischen erobert worden. Später wird berichtet, die ukrainische Panzer-Besatzung sei zur prorussischen Seite übergelaufen. Verwirrung total, niemand weiß mehr, was sich da rund drei Autostunden von Dnipropetrowsk gerade abspielt.

Sicher ist dagegen, was die Menschen hier nur zehn Meter weiter beobachten können: Neben dem Elektrofachgeschäft leuchtet in grell-gelben Farben auf einem großen Digital-Display der Wechselkurs der einheimischen Währung. Hrywnja zum Dollar, Euro zum Hrywnja, Hrywnja zum Rubel. Wie man es dreht und wendet, es wird nicht besser. Vera, eine Rentnerin erzählt, dass sie mit ihren 1.500 Hrywnja im Monat schon vor der Krise nicht zurechtkam. „Jetzt muss mir meine Tochter helfen. Mein Geld reicht nicht mehr“, klagt die alte Frau.

1.500 Hrywnja, das sind nicht einmal 85 Euro. Im Monat. Und dafür soll Vera ihren Lebensunterhalt bezahlen. Die ukrainische Währung hat seit Jahresbeginn mehr als 35 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Euro verloren. Damit hält sie einen traurigen Rekord: Keine andere Währung auf der Welt ist in diesem Jahr so stark gefallen wie der Hrywnja. Und seit der dramatischen Zuspitzung der Lage im Osten des Landes hat sich Fall des Hrywnja noch einmal beschleunigt. Wer derzeit Euro besitzt und sie gegen die ukrainische Währung eintauscht, kann in diesen Tagen günstig in der Ukraine leben: Ein Cappuccino für 80 Cent, ein Marken-Smartphone für 70 Euro, ein Abendessen für vier Euro.

Fragen und Antworten zur Krise in der Ostukraine

Welche Seiten stehen sich gegenüber?

Nach langem Zögern hat Interimspräsident Alexander Turtschinow einen „Anti-Terror-Einsatz“ zum Schutz der Bevölkerung angeordnet. Schwer bewaffnete Einheiten sollen auf die von Separatisten kontrollierte Stadt Slawjansk vorrücken. Dort halten martialisch gekleidete und mit Sturmgewehren ausgerüstete Aktivisten strategisch wichtige Punkte besetzt. Die Behörden berichten von mindestens acht Verletzten bei Schusswechseln. Auch in anderen Großstädten im Gebiet nahe der Grenze zu Russland sind prorussische Kräfte im Einsatz. Von einer sehr angespannten Lage sprechen Experten der Vereinten Nationen.

Wie verhält sich die Bevölkerung zu den Separatisten?

Viele Menschen in der Ostukraine lehnen die prowestliche Regierung in Kiew eindeutig ab. Sie fürchten, dass die Führung um Ministerpräsident Arseni Jazenjuk unter dem Einfluss nationalistischer Gruppen ihre Interessen absichtlich missachtet. Auch viele Berichte Moskauer Staatssender schüren Ängste, dass Rechtsradikale aus dem Westen Jagd auf die russischstämmige Mehrheit machen wollten. Unklar ist, wie groß der tatsächliche Rückhalt der Aktivisten ist. In einigen Orten sollen Separatisten mangels Unterstützung wieder abgezogen sein.

Wer steckt hinter den Unruhen?

Für die jüngste Eskalation werden russische Geheimdienstler und Freischärler von der Krim verantwortlich gemacht. Experten verweisen auf die professionelle Ausrüstung und das planmäßige Vorgehen der „grünen Männchen“. Auch ein UN-Bericht weist darauf hin, dass russische Agenten hinter der Eskalation stecken könnten. Das sollen auch Gesprächsmitschnitte belegen, die der Geheimdienst in Kiew veröffentlichte. Eindeutige Beweise gibt es jedoch nicht, Russland dementiert die Vorwürfe strikt. Ebenso unbewiesen sind Vorwürfe, dass der reichste Mann der Ukraine, Rinat Achmetow, und Alexander Janukowitsch, Sohn des geflüchteten Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch, die Proteste lenken.

Was fordern die Separatisten?

In erster Linie ein Referendum. Allein: Die Fragestellung eines solchen Volksentscheids ist völlig offen. Mal soll es um eine weitreichende Föderalisierung der Ukraine gehen, mal um die Unabhängigkeit von Kiew. Teils wird auch der Anschluss an Russland gefordert. Einig sind sich die Aktivisten in der Ablehnung der Regierung in Kiew und der Präsidentenwahl am 25. Mai.

Was bietet Kiew dem Osten?

Wochenlang ließ sich kaum ein Mitglied der Führung im Osten blicken. Nun kann es mit Vorschlägen nicht schnell genug gehen. Interimspräsident Alexander Turtschinow und Regierungschef Arseni Jazenjuk stellen Verfassungsänderungen in Aussicht mit einer Dezentralisierung der Machtbefugnisse. Damit erhielten die russisch geprägten Gebiete mehr Freiheiten in der Steuer- und Wirtschaftspolitik. Es fehlt jedoch an konkreten Angeboten. Turtschinow sprach auch von der Möglichkeit eines landesweiten Referendums zeitgleich mit der Präsidentenwahl am 25. Mai. Auch hier fehlt es an einer konkreten Fragestellung.

Ist die Präsidentenwahl gefährdet?

Ja. Viele Menschen in der Ostukraine lehnen die Wahl als illegal ab - und folgen damit der Linie Russlands und des gestürzten Präsidenten Janukowitsch. Kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen oder ruft die Regierung den Ausnahmezustand aus, könnte wohl kaum von einer freien und fairen Wahl die Rede sein. Zudem wäre die Legitimität des neuen Präsidenten sofort infrage gestellt, vor allem von russischer Seite.

Welche Interessen verfolgt Russland?

Moskau habe kein Interesse an einer Eingliederung der Süd- und Ostukraine, betont Außenminister Sergej Lawrow. Mit den Maskierten und Bewaffneten habe Russland nichts zu tun, es handele sich um „friedliche Demonstranten“. Doch der Kreml fordert weitreichende Verfassungsänderungen und eine Föderation. Russisch müsse zweite Amtssprache werden. Zugleich hält Russland eine Drohkulisse mit angeblich Zehntausenden Soldaten an der ukrainischen Grenze aufrecht. Kremlsprecher Dmitri Peskow betont, Präsident Putin habe bereits unzählige Briefe mit Bitten um Hilfe erhalten.

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Vom Umrechnungskurs wollen auch viele Ukrainer profitieren. Die meisten Menschen tauschen ihr Erspartes, wenn sie denn überhaupt etwas übrig haben, sofort in Dollar oder Euro um. Die Delta Bank in Dnipropetrowsk zahlt an diesem Mittwoch 17,10 Hryvnja für einen Euro. Zu Beginn vergangener Woche erhielt man nur 14 Hrywnja. Ein kleiner Gewinn. Doch: „Die Milch ist teurer geworden, Käse, Eier, Brot, einfach alles“, sagt Swetlana. Die 32-jährige Krankenschwester verdient im Monat gerade einmal 1.600 Hrywnja, ein paar Euro mehr als die Rentnerin. Und sie ist böse. „Im Fernsehen erzählen sie, der Durchschnittslohn würde 3.000 Hrywnja betragen, aber ich kenne unter meinen Freunden und Bekannten niemanden, der soviel bekommt“, klagt sie.

Im kleinen Kaufhaus mit dem in diesen Zeiten höchst aktuellen Namen „Europa“ haben Verkäuferinnen wieder einmal begonnen, die Waren neu auszuzeichnen. „Es ist schon das zweite Mal nur in diesem Monat“, sagt eine junge Angestellte. Noch sind es nur ein paar Hrywnja mehr für einen Pullover, doch sollte sich das äußerst angespannte Verhältnis zu Russland nicht bald deutlich verbessern, wird es bei dieser einen Preiskorrektur nicht bleiben.

Kommentare (2)

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16.04.2014, 16:48 Uhr

Zitat : Der Fernsehkommentator sagt, der ukrainische Panzer sei von den Aufständischen erobert worden. Später wird berichtet, die ukrainische Panzer-Besatzung sei zur prorussischen Seite übergelaufen.

- und letztendlich spricht alles dafür, das die Panzerbesatzung wohl russisch war !

Die Ukrainer haben entweder keine Panzer oder keine Besatzung für diese.

Peinlicher kann man wohl einen Militäreinsatz nicht planen.

Und wie wollen diese Knaben mit der Nato in den Krieg ziehen...?

Account gelöscht!

16.04.2014, 18:32 Uhr

Mal wieder ein typischer Verdummungsartikel: es wird hier natürlich nur erwähnt, dass der Fiat-UAH gegen andere Papierwährungen wie EUR und USD jetzt natürlich eklatant fällt.
Viel, viel entscheidender und aussagekräftiger ist allerdings, wie in einer veritablen Währungskrise die Entwicklung gegen richtiges Geld = Gold aussieht. Man schaue sich den atemberaubenden K.o.-Schlag, den Gold (und übrigens auch Silber) hier der UAH versetzt, im 1y-Chart an und präge ihn sich schon einmal gut ein:
http://www.24hgold.com/english/gold_silver_prices_charts.aspx?money=UAH&country=Ukraine
Das werden wir nämlich in nicht allzu ferner Zukunft mit EUR und USD ebenfalls erleben, wenn nämlich auch diese ungedeckten Papierwährungen wieder auf ihren intrinsischen Wert zurückfallen...

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