Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2012

14:51 Uhr

Papoulias rügt Schäuble

Griechen begehren gegen „deutsches Spardiktat“ auf

VonGerd Höhler

Griechenlands Präsident Papoulias reagiert empört auf Schäubles Aussage über mangelnde Reformbemühungen Athens. Damit spricht er aus, was viele Griechen denken: Der deutsche Sparkurs treibe die Griechen in die Armut.

Eine griechische Zeitung stellt Angela Merkel als Nazi da und titelt mit der abgewandelten Inschrift des Konzentrationslager Auschwitz !"Arbeit macht frei". dpa

Eine griechische Zeitung stellt Angela Merkel als Nazi da und titelt mit der abgewandelten Inschrift des Konzentrationslager Auschwitz !"Arbeit macht frei".

AthenDie Schuldenkrise treibt einen immer tieferen Keil zwischen Athen und Berlin. Für die schwere Rezession, die Monat für Monat Zehntausende Arbeitsplätze vernichtet und bereits zahllose Menschen in die Armut trieb, machen viele Griechen vor allem das „deutsche Spardiktat“ verantwortlich. Griechenlands Staatsoberhaupt hat zwar nur repräsentative Kompetenzen, aber wenn Präsident Karolos Papoulias spricht, horcht das Land auf. Das war besonders am Mittwoch so, als der 83-jährige Papoulias anlässlich eines Besuchs im Athener Verteidigungsministerium sichtlich erregt seinem Ärger Luft machte: „Wer ist Herr Schäuble?“, fragte Papoulias. „Ich lasse nicht zu, dass Herr Schäuble meine Heimat beleidigt.“ Der griechische Staatspräsident spielte damit offenbar auf ein Rundfunkinterview an, in dem Schäuble kurz zuvor tiefes Misstrauen gegenüber den griechischen Sparversprechen erkennen ließ: Man könne sich nicht sicher sein, dass Griechenland auch zu dem stehe, was es jetzt verspreche.

Der Bundesfinanzminister bezeichnete die für April geplanten Parlamentswahlen in Griechenland als „sehr bedenklich“ und regte an, in Athen eine Technokratenregierung nach italienischem Vorbild einzusetzen. Papoulias dazu: als Grieche könne er nicht zulassen, dass sein Land beleidigt werde.

Papoulias Worte haben umso mehr Gewicht, als sein Lebensweg eng mit Deutschland verwoben ist: Als 14-Jähriger schloss er sich in seiner nordgriechischen Heimat Epirus den Partisanen an, die gegen die deutschen Besatzer kämpften. „Wir sind stolz darauf, dass wir nicht nur unser Land verteidigt, sondern stets auch für die Freiheit Europas gekämpft haben“, sagte Papoulias. Aus dem Widerstandskämpfer gegen die Wehrmacht wurde später ein Freund der Deutschen: Papoulias studierte in München Jura und promovierte in Köln bei dem renommierten Rechtswissenschaftler Gerhard Kegel. In Deutschland fand Papoulias während der Obristendiktatur Asyl. Als Mitarbeiter des griechischen Programms der Deutschen Welle war er in jenen Jahren für viele Griechen in der Heimat eine ermutigende Stimme der Freiheit.

Nicht nur Papoulias ist empört über Schäuble. Auch die frühere griechische Außenministerin Dora Bakogianni, die während der Militärdiktatur unter anderem in München lebte, meldete sich am Donnerstag zu Wort: „Es hilft uns Griechen nicht, wenn Herr Schäuble uns sagt, was für eine Regierung wir haben sollen“, sagte Bakogianni im Deutschlandradio. Griechenland habe trotz aller Versäumnisse Respekt verdient. „Könnte sich ein Land in Europa vorstellen, den Deutschen zu diktieren, was für eine Regierung sie haben werden? So weit geht es ja nicht!“, sagte die Politikerin. „Aussagen, die Griechenland beleidigen, helfen nur den Kommunisten und den Ultrarechten“, nicht aber den pro-europäischen Kräften, warnte Bakogianni.

Athens Agenda

Gesundheit

Um fast 1,1 Milliarden Euro sollen die Arzneimittelausgaben staatlicher Kliniken beschnitten werden, weitere 50 Millionen bei den Überstunden der Ärzte eingespart werden.

Militär

Im Militäretat sind Kürzungen von 600 Millionen geplant.

Renten

Sie werden um bis zu 15 Prozent gekürzt.

Stellenabbau

Bis 2015 sollen 150.000 Stellen im Staatsdienst gestrichen werden. Überflüssige Behörden werden aufgelöst.

Löhne

Der Mindestlohn von 751 Euro wird um 22 Prozent, für bis zu 25-Jährige sogar um 32 Prozent gesenkt. 17 sogenannte geschlossene Berufe vom Fremdenführer bis zum Optiker sollen dereguliert werden.

Steuereinnahmen

Von einem vereinfachten Steuersystem verspricht man sich Erfolge im Kampf gegen Steuerhinterziehung.

Kommentare (60)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.02.2012, 15:02 Uhr

was die lieben Griechen noch immer nicht begreifen wollen ist, dass wenn man Jahrzehnte lang in betrügerischer Weise über die Verhältnisse gelebt hat, muss man auch die Suppe auslöffeln, und dabei werden viele Arm. Privat ist es auch so!

Schattenfritze

16.02.2012, 15:04 Uhr

Die Griechen sollen bloß hart bleiben und Geld ausgeben, bis der Arzt kommt. Dann merken endlich die blöden Schäubles, Merkels, Roths, Siggi Popps, etc., dass der Euro wirklich was kostet.
Der egomane vertrottelte Helmut Schmidt sprach ja vom "mitfühlenden Herz". Ja, wählt diese Typen weiter, denn dann ist der DEUTSCHE Staatsbankrott um so näher.

Es ist schön, wenn die Griechen ihre Freiheit haben wollen. Sollen sie auch - vor allem auch die Freiheit zu scheitern! Denn das gehört eben zur Selbstverantwortung dazu!

Rapid

16.02.2012, 15:09 Uhr

Man kann sich nach diesen Beleidigungen Griechenlands in Richtung Herrn Schäuble nur noch schwer vorstellen, dass dieser engagiert für eine Vermeidung des Staatsbankrotts arbeitet. Wer die Hand beißt, von der er Fütterung erhofft, dürfte wohl von allen guten Geistern verlassen sein. Die Hinweise darauf, dass die Insolvenz Griechenlands noch vermieden werden könnte, schmelzen dahin, wie der Schnee in der Sonne.
Nur die Behandlung der Kreditausfallversicherungen für griechische Staatsanleihen könnte noch ein Hindernis dastellen. Hier ist der Pariser Club zuständig, der in der Vergangenheit reichhaltig Erfahrung zu sammeln in der Lage gewesen ist.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×