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25.09.2015

13:58 Uhr

Papst-Besuch in den USA

Wie Moral und Kapitalismus zusammenpassen

VonFrank Wiebe

Der Papst reist nach New York, um vor der Uno zu sprechen. Damit begibt sich der Pontifex in die Welthauptstadt eines Wirtschaftssystems, das er oft kritisiert hat. Seine Botschaft ist einfach, aber schwer umzusetzen.

Der Papst hält die Messe in der St Patrick's Cathedral in Manhattan in New York. AFP

Papst Franziskus

Der Papst hält die Messe in der St Patrick's Cathedral in Manhattan in New York.

New YorkDer Papst ist in New York der Super-Star. Unter den Beschäftigten der Uno wurde verlost, wer ihn am Freitag bei seiner großen Rede vor den Vertretern der Völker-Familie live sehen und hören darf. Alle Veranstaltungen in der Stadt, wo er auftaucht, waren schon lange vor seiner Ankunft ausgebucht. Er genießt erhebliche Sympathien in der Bevölkerung: Viele New Yorker sind „liberal“ oder „fortschrittlich“, was auf europäische Verhältnisse als gemäßigt links oder sozialdemokratisch übersetzt werden kann. Und der Papst ist politisch ebenfalls eher links, wobei aber auch seine konservativen Vorgänger immer wieder Auswüchse des Kapitalismus kritisiert haben.

Wichtig ist aber auch ein anderer Punkt: Der Papst begibt sich mit seinem Besuch in die Welthauptstadt des Kapitalismus. Und damit stellt sich die Frage: Was hat er zu diesem Wirtschaftssystem zu sagen? In welcher Weise fordert er dessen Repräsentanten heraus, die in New York in Form von Banken, Börsen und Hedgefonds reichlich vertreten sind?

Die besten Zitate des Papstes

Zur Familienplanung

„Manche Menschen glauben - entschuldigen Sie den Ausdruck -, dass sich gute Katholiken wie Karnickel vermehren müssen.“

Zum Amt

„Nein, ich wollte nicht Papst werden. Ein Mensch, der Papst werden will, liebt sich nicht selbst.“

Zur Meinungsfreiheit

„Wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag.“

Zur Kurie

„Die Krankheit der Rivalität und der Eitelkeit. Wenn das Auftreten, die Farbe der Kleidung und die Insignien der Orden das erste Ziel im Leben werden.“

Über Tratsch

„Es ist die Krankheit der feigen Menschen, die nicht den Mut haben, direkt mit jemandem zu sprechen und hinter dem Rücken reden. (...) Brüder, schauen wir auf den Terrorismus des Geschwätzes!“

Über Homosexuelle

„Wenn jemand schwul ist, und er den Herren sucht und guten Willen zeigt, wer bin ich, das zu verurteilen.“

Über das moderne Leben

„Und so vergeuden wir unsere gottgegebenen Geschenke, indem wir uns mit Schnickschnack beschäftigen; wir verschwenden unser Geld für Spiel und Getränke und drehen uns um uns selbst.“

Schon im Vorfeld sind seine kritischen Aussagen zur Weltwirtschaft ausgiebig zitiert worden. Jüngst hat er in seiner Enzyklika „Laudato si (Gelobt seist Du)“ einen großen Bogen von der weltweiten Umweltzerstörung bis zur wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit geschlagen und dabei an einer Stelle von „perversen“ Handelsbeziehungen und Eigentumsverhältnissen gesprochen.

Deutliche Kritik übt er auch an der Verfallenheit des modernen Menschen an den Konsum. Und immer wieder ergreift er Partei für die Vergessenen, diejenigen, denen es schlecht geht, die keine Stimme haben. Der Tonfall des Textes erinnerte an die unter den Vorgängern von Franziskus I. ins Abseits gedrängte „Theologie der Befreiung“; deren bekanntester Vertreter, der Brasilianer Leonardo Boff, spendete sogleich Beifall.

Aber der Papst ist kein Systemveränderer. Er macht bewusst keine Vorschläge, wie die wirtschaftliche Ordnung der Welt neu zu gestalten wäre. Die Kirche lebt seit rund 2000 Jahren mit den unterschiedlichsten Gesellschaftssystemen. Sie hat sich immer wieder auch in Politik eingemischt, aber ihre Kernbotschaft war, über den theologischen Bereich hinaus, anderer Natur: Sie erinnert den Menschen an seine moralischen Verpflichtungen – gegenüber Gott, den anderen Menschen, und gerade seit Franz von Assisi, dem Vorbild des heutigen Papstes, auch gegenüber der Schöpfung.

Papst-Rede vor dem US-Kongress: Klimaschutz als göttlicher Auftrag

Papst-Rede vor dem US-Kongress

Klimaschutz als göttlicher Auftrag

Papst Franziskus schreckt bei seiner Rede vor dem US-Kongress vor heiklen Themen nicht zurück: Er fordert die Abschaffung der Todesstrafe und ruft zum Kampf gegen die Armut und die Umweltzerstörung auf.

Die herausfordernde Frage lautet daher: Wie lässt sich der Kapitalismus mit ethischen Grundsätzen vereinbaren? Und sie ist auch für Atheisten relevant. Sie betrifft jeden einzelnen Menschen. Man kann es sich leicht machen und sagen: Der Kapitalismus ist das einzige Wirtschaftssystem, das Wohlstand schafft. Also ist es gerechtfertigt, weil sonst viele Menschen im Elend leben müssten. Daher muss man alle seine Nachteile, etwa die mitunter große Ungleichheit, in Kauf nehmen.

Die These ist nicht ganz falsch, aber doch zu einfach. Denn sie impliziert, dass es innerhalb dieses Wirtschaftssystems keinerlei Entscheidungsfreiheit gibt, dass es abläuft wie eine profitgesteuerte Maschine, die sich ihren eigenen Betreibern unterwirft. Die umgekehrte These würde lauten, den Kapitalismus wegen seiner Ungerechtigkeit abzulehnen. Aber das wäre auch zu einfach. Denn es stimmt ja, dass es keine funktionierende Alternative gibt.

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