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24.09.2015

21:22 Uhr

Papst-Rede vor dem US-Kongress

Klimaschutz als göttlicher Auftrag

VonMoritz Koch

Papst Franziskus schreckt bei seiner Rede vor dem US-Kongress vor heiklen Themen nicht zurück: Er fordert die Abschaffung der Todesstrafe und ruft zum Kampf gegen die Armut und die Umweltzerstörung auf.

Papst Franziskus findet klare Worte

„Die Todesstrafe gehört abgeschafft!“

Papst Franziskus findet klare Worte: „Die Todesstrafe gehört abgeschafft!“

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WashingtonPlötzlich steht es da, ein kleines Mädchen im roten Blümchenkleid. Vor dem Wall aus winkenden Händen, vor den Gitterstäben, auf der anderen Seite des Sperrzauns. Männer in dunklen Anzügen, der Uniform des Secret Service, eilen herbei. Es gilt die höchste nationale Sicherheitsstufe, und jetzt ist der Störfall eingetreten. Der Papst und sein Papamobil sind nur noch wenige Meter entfernt.

Doch als die Männer das Mädchen abdrängen, winkt Franziskus sie herbei. Er herzt sie, und sie gibt ihm einen Brief. Später sagt sie, dass sie „traurig in ihrem Herzen“ sei. Die fünfjährige Sophie Cruz ist eine Tochter illegaler Einwanderer. Sie hofft auf eine Zukunft für ihre Familie in den USA und hat den Papst gebeten, ihr zu helfen.

Es ist vielleicht das stärkste Symbol dieses symbolreichen Besuchs. Nicht nur zum ersten Mal in seiner Zeit als Papst, zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben besucht Jorge Mario Bergoglio die USA. Und der Papst spricht vor dem Kongress, auch das hat es noch nie gegeben. Franziskus’ Botschaft der Barmherzigkeit transzendiert ideologische Gräben, doch im politischen Spektrum Amerikas neigt sie sich nach links.

Es beginnt damit, dass sich der Papst als Sohn einer Einwandererfamilie vorstellt und Amerika daran erinnert, dass es „von solchen Familien“ erbaut wurde. Jenes Land, das gerade einen Vorwahlkampf erlebt, der von konservativen Politikern dominiert wird, die elf Millionen Menschen deportieren und das Geburtsrecht auf die US-Staatsangehörigkeit abschaffen wollen.

Papst vor US-Kongress: Franziskus kritisiert Waffenlieferungen und Todesstrafe

Papst vor US-Kongress

Franziskus kritisiert Waffenlieferungen und Todesstrafe

Papst Franziskus spart vor dem US-Kongress nicht mit klaren Worten, prangert Waffenhandel an und äußert sich zur Flüchtlingskrise. Doch bei einigen strittigen Fragen hält sich der Argentinier zurück.

Im amerikanischen Parlament sagt der aus Argentinien stammende Franziskus: „Wir, die Bewohner dieses Kontinents, fürchten keine Fremden, weil die meisten von uns selbst einst Fremde waren.“ Er fordert die Abschaffung der Todesstrafe und mahnt stärkeres Engagement im Kampf gegen die Armut und die Umweltzerstörung an. Für Franziskus steht die Menschheit an einem Wendepunkt. Der Kampf gegen den Klimawandel könne nicht künftigen Generationen überlassen werden, sagt er: „Jetzt ist die Zeit für mutige Entscheidungen.“

Der Papst zitiert Abraham Lincoln und Martin Luther King, er appelliert an den Gemeinsinn der Amerikaner und ruft die Kongressmitglieder auf, ihre ideologische Spaltung zu überwinden: „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen‧, erfordern den Geist der Kooperation, der so viel Gutes in der Geschichte der USA geschaffen hat.“ Ausgerechnet in Washington, wo Politik der Spaltung dient, will der Papst sie nutzen, um zu einen.

Den Klimaschutzverweigerern in den Reihen der Republikaner redet Franziskus bereits am Frühstückstisch ins Gewissen. Als sie am Morgen die Zeitung durchblättern, schlägt ihnen eine päpstliche Mahnung entgegen: „Gott wird euch danach beurteilen, ob ihr die Erde behütet habt“, steht in großen Lettern auf einer ganzseitigen Anzeige der katholischen Kirche.

Wenige Republikaner wagen es, Franziskus direkt zu widersprechen. Nur ein Hinterbänkler boykottiert seine Rede. Allerdings sprechen viele Konservative dem Papst die Qualifikation ab, über weltliche Fragen zu urteilen. Lieber stellen sie seinen Appell zur Bewahrung der Religionsfreiheit und seine Sorge um die Zukunft der Familie heraus. Tatsächlich greift Franziskus diese Themen auf, allerdings äußert er sich viel weniger scharf als von den Republikanern erhofft. Dieser Papst setzt andere Prioritäten: Nächstenliebe, Naturschutz und Versöhnung.

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