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16.11.2015

10:13 Uhr

Paris-Attentäter aus Molenbeek

Die belgische Brutstätte der Terroristen

VonThomas Ludwig

Ein Belgischer Dschihadist soll die Paris-Anschläge geplant haben. Nicht das erste Mal führen die Spuren nach Terroranschlägen nach Belgien. Ein Brüsseler Vorort gilt als Sinnbild gescheiterter Integration.

Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek könnte die Keimzelle der Terroristen sein, die in Paris ein Blutbad angerichtet haben. dpa

Belgische Polizisten im Einsatz

Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek könnte die Keimzelle der Terroristen sein, die in Paris ein Blutbad angerichtet haben.

BrüsselDer Drahtzieher der Anschläge von Paris könnte nach Medienberichten der polizeibekannte belgische Dschihadist Abdelhamid Abaaoud sein. Mindestens einer, wenn nicht zwei der Selbstmordattentäter seien Freunde von Abaaoud gewesen, berichtete die belgische Tageszeitung „De Standaard“ am Montag unter Berufung auf belgische Sicherheitsdienste. Der Sender RTL meldete ohne Angabe von Quellen, Ermittler hätten Abaaoud als Drahtzieher identifiziert. Abaaoud gilt bereits seit längerem als der meistgesuchte Islamist Belgiens. Er soll sich zuletzt in Syrien aufgehalten haben. Früher lebte er in dem als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Stadtteil Molenbeek.

Molenbeek, immer wieder Molenbeek – wenn es um Rückzugsgebiete von islamistischen Terrorverdächtigen und deren Sympathisanten geht, gerät der große Stadtteil Molenbeek-Saint-Jaen im Norden Brüssels regelmäßig in die Schlagzeilen. „So kann es nicht weitergehen. Wir müssen herausfinden, warum die zahlreichen Initiativen, das Zusammenspiel von lokalen Behörden, Polizei und Sozialarbeitern in Molenbeek nicht so funktioniert wie anderswo. Ich werde das zu meiner persönlichen Angelegenheit machen“, sagte Belgiens Justizminister Jan Jambon von der konservativen Flämischen Allianz NVA nun.

Am Wochenende hatten Sicherheitskräfte in Molenbeek sieben Männer festgenommen, die im Verdacht stehen, an den Anschlägen in Paris beteiligt zu sein. Zwei der getöteten Attentäter von Paris lebten zuletzt im Großraum Brüssel. Es handele sich um Personen mit französischem Pass, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Sonntag nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga mitteilte. Weitere Details zu ihrer Identität gab es zunächst nicht. Aufnahmen einer Überwachungskamera und ein Mietwagen mit belgischem Kennzeichen hatten die Ermittler auf ihre Spur gebracht und in den Norden der europäischen Hauptstadt geführt.

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

Nach jüngsten Angaben spielt mittlerweile ein weiterer Mietwagen mit belgischem Kennzeichen bei den Ermittlungen eine Rolle. Er wurde nach den Anschlägen in der Nähe des Pariser Friedhofes Père Lachaise entdeckt. Der Mieter eines der Mietwagen soll am Samstagvormittag bei Cambrai in eine Routinekontrolle der Polizei geraten, zunächst aber nicht festgenommen worden sein. Ob er zu den am Abend in Molenbeek gefassten Personen zählt, blieb zunächst unklar. Die Staatsanwaltschaft bestätigte nur, dass das Fahrzeug, mit dem er zuletzt unterwegs war, in Molenbeek sichergestellt wurde.

Auf den Terror in Paris hat das Königreich nun mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen reagiert, mit Pass- und Fahrzeugkontrollen an der Grenze zu Frankreich und einer erhöhten Alarmbereitschaft der Polizei. Zum Schutz von Großveranstaltungen kann künftig auch das Militär eingesetzt werden. Derzeit gilt bei insgesamt vier Gefährdungsstufen die Stufe zwei und die Stufe drei für besonders gefährdete Objekte, beispielsweise der Europäischen Institutionen.

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