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11.01.2015

17:37 Uhr

Paris

„Freiheit, wir sind deinetwegen hier“

Christen, Moslems, Juden, ein Palästinenser-Präsident und ein israelischer Regierungschef haben sich in Paris zur größten Demonstration zusammengefunden, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gesehen hat.

Gedenkmarsch für Opfer

Millionen demonstrieren: Die beeindruckenden Bilder

Gedenkmarsch für Opfer: Millionen demonstrieren: Die beeindruckenden Bilder

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ParisEs war ein überwältigender Gedenkmarsch, der durch die Pariser Innenstadt führte. Und überwältigend waren auch die Gefühle: Trauer, Schmerz, Wut, Angst, Solidarität, Hoffnung - all das kam zusammen, als mehr als eine Million Menschen der Opfer der islamistischen Anschlagsserie in Frankreich gedachten und für Freiheit und Toleranz auf die Straße gingen. Die Franzosen wollten den tiefen Schock nach den blutigen Attentaten abschütteln. Auch Staats- und Regierungschefs aus aller Welt kamen in die trauernde Stadt der Liebe, um den Franzosen beizustehen.

Fast zeitgleich wurde im Internet ein Bekennervideo eines der Attentäter veröffentlicht. Darin erklärt er, die Anschläge auf das Satire-Blatt „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt seien koordiniert geplant worden. Bei den Angriffen waren 17 Menschen getötet worden, auch die drei Attentäter wurden erschossen.

Journalisten und Zeichner als Ziel von Anschlägen

Februar 2013

Der 70 Jahre alte dänische Journalist Lars Hedegaard übersteht in Kopenhagen ein Attentat unverletzt und kann den unbekannten Täter selbst in die Flucht schlagen. Zuvor hatte eine Pistolenkugel den Kopf des Islamkritikers knapp verfehlt.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden.

Mai 2011

Ein Kopenhagener Gericht verurteilt den Tschetschenen Lors Dukajew für einen versuchten Anschlag auf die Zeitung „Jyllands-Posten“ zu zwölf Jahren Haft. Der 25-Jährige hatte sich 2010 in Kopenhagen bei der Explosion seines Sprengstoffes verletzt. Er wollte eine Briefbombe an die Redaktion der Zeitung schicken.

Mai 2010

Zwei Männer werfen Benzinflaschen durch ein Fenster in das Haus des schwedischen Mohammed-Karikaturisten Lars Vilks. Auf den Zeichner wurde bereits 2007 im Internet von einem El-Kaida-Ableger im Irak ein Kopfgeld von 150.000 Dollar (108.000 Euro) ausgesetzt.

Januar 2010

Der dänische Zeichner Kurt Westergaard, von dem die Mohammed-Karikaturen in „Jyllands-Posten“ stammen, entkommt nur knapp einem Attentat. Bereits 2008 hatten die dänischen Behörden Mordpläne gegen ihn aufgedeckt. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen.

November 2004

Der niederländische Islamkritiker Theo van Gogh bezahlt einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam mit dem Leben. Er wird in Amsterdam von einem muslimischen Extremisten ermordet. Auf der Leiche hinterließ der Täter einen Brief mit Morddrohungen gegen weitere Niederländer.

Angeführt wurde der Gedenkzug vom französischen Staatspräsidenten Francois Hollande. „Paris ist heute die Hauptstadt der Welt“, sagte er in einer Kabinettssitzung vor Beginn des „Republikanischen Marschs“. „Unser ganzes Land wird aufstehen und sich von seiner besten Seite zeigen.“ An Hollandes Seite waren untergehakt unter anderem Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sehen – alle in schwarz gekleidet. Insgesamt hatten sich 44 Staats- und Regierungschefs angesagt, unter ihnen der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Das französische Fernsehen sprach von der größten Kundgebung in Paris seit dem Ende zweiten Weltkriegs. „Ich bin hier, um zu zeigen, dass die Terroristen nicht gewonnen haben“ sagte die 34-jährige Franko-Marokkanerin Zakaria Moumni. „Im Gegenteil sie bringen die Menschen aller Religionen zusammen“. Auf einem handgeschriebenen Plakat war ein Zitat von Thomas Jefferson zu lesen: "Unsere Freiheit beginnt mit der Freiheit der Presse“.

Neben französischen wurden zum Gedenken an die bei der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt umgekommenen Menschen auch israelische Flaggen geschwenkt. Auf Transparenten hieß es: „Freiheit - Wir sind deinetwegen hier“ oder „Charlie Akbar“ – in Anspielung auf das islamische Glaubensbekenntnis „Allah ist groß“.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich „tief bewegt“ über den großen Gedenkmarsch für die Opfer der islamistischen Anschlagsserie in Paris gezeigt. Hunderttausende Menschen seien zu der „gewaltigen Kundgebung“ gekommen, „um gemeinsam ein Zeichen der demokratischen Stärke und Einheit der französischen Gesellschaft zu setzen“, erklärte Steinmeier, der am Sonntag gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und weiteren Mitgliedern der Bundesregierung an der Demonstration teilnahm.

„Wir sind heute nach Paris gekommen, um unsere europäische Solidarität mit Frankreich und den Opfern der brutalen Anschläge der letzten Tage zu zeigen“, erklärte Steinmeier. „Das Signal an die Menschen hier in Paris ist: Wir stehen fest und entschieden an der Seite unserer französischen Freunde und Nachbarn.“ Frankreich könne sich auch in schweren Zeiten auf seine Freunde verlassen. „Heute schlägt das Herz Europas französisch“, fügte Steinmeier hinzu.

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