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14.11.2015

12:35 Uhr

Paris nach den Anschlägen

Der Krieg hat die Franzosen eingeholt

VonThomas Hanke

Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ lebten die Pariser in der Illusion, zur Normalität zurückkehren zu können. Doch nach dieser Nacht des Grauens ist alles anders. Ein Rundgang durch Paris im Zeichen des Terrors.

„Die können nicht überall gleichzeitig sein, sie waren schon vor dieser Nacht überfordert, es gibt keinen Schutz“. AFP

Soldaten vor dem Eiffelturm

„Die können nicht überall gleichzeitig sein, sie waren schon vor dieser Nacht überfordert, es gibt keinen Schutz“.

ParisAm Morgen nach den blutigen Anschlägen ist Paris nicht mehr wederzuerkennen. Frankreichs Kapitale wirkt fast wie eine Geisterstadt. Auf den Straßen trifft man nur vereinzelte Fußgänger. Nichts ist zu sehen von dem für einen Samstag üblichen Autoverkehr. Sogar auf der Rue de Rivoli, wo man normalerweise im Dauerstau steht, fließt der Verkehr wie sonst nur in der Nacht. Paris sei im Schockzustand, sagten viele Nicht-Franzosen nach den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Januar – und es traf die Stimmung nicht: Tausende eilten spontan auf die Straßen um ihre Solidarität mit den angegriffenen Journalisten auszudrücken.

An diesem Samstag aber ist die Stadt wirklich wie unter Schock, oder betäubt. Alle Kaufhäuser sind geschlossen, viele andere Geschäfte und Cafés auch, ebenso die Museen und sonstigen touristischen Einrichtungen. Die sonst so quirlige, übervolle Metropole des Welttourismus atmet nur noch ganz flach. Die Sicherheitsbehörden wissen nicht, ob und wie viele mögliche Täter noch auf freiem Fuß sind, ob es weitere Anschläge geben kann.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Ein Taxifahrer berichtet, er sei seit der Nacht im Einsatz. Weil er in der Nähe der Attentatsorte im elften Arrondissement war, fuhr er sofort hin, als er über Radio die Aufforderung hörte, alle Taxis und Autofahrer sollten bei der Evakuierung helfen. „Keiner verstand, was geschah, die Menschen waren in Panik, sogar die Polizisten, die zückten ihre Pistolen und zielten auf x-beliebige Menschen.“ Er sei völlig erschüttert, sagt der Taximann, der seit 18 Jahren durch Paris fährt. „Es ist völlig anders als nach Charlie, das ist mehr als Angst, die Menschen sind aus dem Gleichgewicht gebracht, ich selber verstehe immer noch nicht, was passiert ist“, sagt er und bittet um Entschuldigung.

An der Gare de Lyon zeigt sich ein anderes Bild: Viele Menschen, eine lange Schlange vor den Fahrkartenschaltern. Viele Pariser scheinen die Stadt verlassen zu wollen. Von den Sicherheitskräften sieht man hier nicht mehr als vor dem Blutbad.

Nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt vom 7. und 9. Januar gab es dieses so unglaublich beeindruckende, spontane, später dann von Parteien unterstützte Aufbäumen der Franzosen gegen den Versuch, sie mit Gewalt mundtot zu machen, und auch gegen jeden Ansatz, die Attentate für eine plumpe Islamfeindlichkeit zu instrumentalisieren. Doch man lebte in der Illusion, wieder in die Normalität zurückkehren zu können.

Nach dieser Nacht des Grauens ist es ganz anders. Den Menschen wird klar, dass der Krieg sie eingeholt hat. Die mit Terror gegen die Zivilbevölkerung und Selbstmordanschlägen geführte Auseinandersetzung der Dschihadisten mit allen Andersdenkenden wird nicht mehr nur im mittleren Osten ausgetragen. Die Franzosen machen sich keine Illusionen mehr, auch nicht über die Möglichkeiten, der Polizei und Armee, sie zu schützen: „Die können nicht überall gleichzeitig sein, sie waren schon vor dieser Nacht überfordert, es gibt keinen Schutz“, sagt ein Mitarbeiter der Bahngesellschaft SNCF. Er sagt es ganz ruhig und ohne vorwurfsvollen Unterton.

+++Paris und die Folgen der Anschläge im Newsblog+++: Polizei ließ Verdächtigen irrtümlich laufen

+++Paris und die Folgen der Anschläge im Newsblog+++

Polizei ließ Verdächtigen irrtümlich laufen

Nach den Anschlägen in Paris trauert die Welt. Während die Polizei nach Tätern fahndet, musste sie zugeben, dass sie einen mutmaßlichen Terroristen laufen ließ. Indes greift das Militär Ziele in Syrien an. Der Überblick.

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