Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.11.2015

20:39 Uhr

Pariser Staatsanwaltschaft

„Wir suchen die Auftraggeber und ihre Finanziers“

VonThomas Hanke

Staatsanwalt François Molins befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer noch steigt. Er schildert den Ablauf der Anschläge und sagt, welche Spur die Ermittler verfolgen. Zeitgleich äußert sich Premier Manuel Valls im TV.

Francois Molins (r.) schildert die Abläufe in der Terrornacht. AFP

Staatsanwaltschaft

Francois Molins (r.) schildert die Abläufe in der Terrornacht.

ParisFast 24 Stunden nach dem Beginn der Anschlagsserie in Paris gibt es größere Klarheit über den Ablauf. Drei verschiedene Einsatzgruppen von Terroristen haben nach Darstellung des Pariser Staatsanwaltes François Molins die Angriffe der vergangenen Nacht in Paris begangen. Die Zahl der Opfer beläuft sich am Samstagabend auf 129 Tote, „die Zahl kann aber noch steigen, da es 99 Schwerstverletzte gibt“, präzisierte Molins.

Insgesamt wurden 300 Personen verwundet. Wie viele Ausländer darunter sind, sagte der Staatsanwalt nicht. Sieben Gewalttäter seien tot, einer von ihnen wurde von der Polizei erschossen, die anderen sprengten sich selber in die Luft. Molins äußerte sich nicht dazu, ob es noch flüchtige Attentäter gibt.

Der Terror von Paris – Was wir wissen

Täter

Die Attacken wurden von drei Terrorkommandos verübt. Sie schlugen am Freitagabend an sechs Orten in Paris und dem Vorort Saint-Denis koordiniert zu, schossen wahllos auf Menschen oder sprengten sich selbst in die Luft. Die Angreifer benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow und trugen identische Sprengstoffwesten. Sieben Terroristen starben. Einer wurde erschossen, sechs sprengten sich in die Luft. Mindestens einem Terrorkommando scheint zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Sonntagmorgen östlich von Paris den schwarzen Seat sicher, aus dem heraus die Attentäter die Cafés und Restaurants beschossen hatten. Darin wurden nach Medienberichten drei Kalaschnikows gefunden.

Ziele

Die mit Abstand meisten Opfer gab es beim Überfall auf ein ausverkauftes Rockkonzert im Musikclub „Bataclan“, dort wurden Geiseln genommen. Auch mehrere Cafés und Restaurants in der Nähe wurden beschossen. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich vor dem Fußball-Stadion Stade de France in die Luft, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Mindestens einer von ihnen soll zuvor vergeblich versucht haben, ins Stadion zu kommen.

Opfer

Mindestens 129 Menschen wurden getötet, 352 weitere teils lebensgefährlich verletzt. Unter den Toten ist ein Deutscher.

Terror

Frankreichs Präsident François Hollande machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich und sprach von einem „Kriegsakt“. Der IS bekannte sich in einer zunächst nicht verifizierbaren Erklärung im Internet zu den Anschlägen. Die Angreifer sollen beim Überfall auf das „Bataclan“ „Allah ist groß“ gerufen und ihre Taten mit der Situation in Syrien und im Irak begründet haben. In beiden Ländern fliegt Frankreich Luftangriffe.

Pass

Bei den Überresten eines der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde ein syrischer Pass gefunden. Es verdichten sich die Hinweise, dass dieser Mann und ein weiterer Attentäter gemeinsam als Flüchtlinge getarnt in die EU einreisten. Einer von ihnen, ein 25-Jähriger namens Ahmed Almuhamed, soll am 7. Oktober in Serbien eingetroffen sein. Am 3. Oktober war er laut griechischen Behörden als Flüchtling auf der Insel Leros registriert worden. Nach Medieninformationen aus Polizeikreisen könnte auch sein mutmaßlicher Komplize über die Türkei nach Griechenland eingereist sein. Beide sollen zusammen von Leros aus die Fähre nach Piräus genommen haben.

Spuren in Belgien

In der Nähe des „Bataclan“ war zuvor schon ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen gefunden worden. Dieser Wagen soll von einem Franzosen angemietet worden sein, der in Belgien lebt. Er geriet am Samstagmorgen in einem dritten Auto in eine Routinekontrolle, wurde zunächst aber nicht festgenommen. Mit im Wagen waren mehrere Personen mit Wohnsitz in der Region Brüssel. Ein weiterer verdächtiger Mietwagen mit belgischem Kennzeichen wurde in der Nähe des Pariser Friedhofs Père Lachaise entdeckt. Die Polizei durchsuchte am Samstagabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Wohnungen und nahm sieben Menschen fest. Einer der Festgenommenen soll am Freitagabend in Paris gewesen sein. Bei der Aktion wurde auch der Wagen sichergestellt, der am Morgen in die Routinekontrolle geraten war.

Die Serie der Anschläge begann um 21:20 Uhr am Stade de France, wo sich vor der Tür D ein Selbstmordattentäter mit seinem Sprengstoffgürtel umbrachte und dabei einen Passanten tötete. Die nächste Aktion begann um 21:25 Uhr vor den Restaurants Carillon und Petit Cambodge, wo mehrere Attentäter aus einem schwarzen Seat Leon stiegen, rund 100 Schüsse abgaben und dabei 15 Menschen töteten.

Fünf Minuten später kam es zu einer neuen Explosion am Stade de France, und um 21:32 Uhr griffen die Täter die Bar A la bonne Bière an, wo sie fünf Menschen erschossen. Auch hier kamen die Täter in einem schwarzen Seat an, genau wie um 21:39 Uhr am Restaurant Belle Equipe im 11. Arrondissement, wo sie 19 Gäste ermordeten. Ungefähr gleichzeitig löste ein Terrorist am Boulevard Voltaire seine am Körper getragene Sprengladung aus.

Um 21:40 Uhr begann die folgenschwerste Attacke, drei Männer drangen in den Konzertsaal Bataclan ein, wo ein Heavy-Metal-Konzert lief. Sie schossen vor allem auf die Zuschauer direkt vor der Bühne. 89 Tote nannte Molins, doch könne auch hier die endgültige Zahl höher ausfallen. Zwei Täter brachten sich mit Sprenggürteln um, einer wurde von der Polizei erschossen. Um 21.53 Uhr zündete ein weiterer Selbstmordattentäter rund 400 Meter vom Stade de France entfernt seine am Körper getragene Sprengladung, starb aber alleine.

Der Terror von Paris – Was wir noch nicht wissen

Komplizen

Offen ist nach wie vor, wie viele Terroristen es insgesamt gab - und damit auch, ob weitere Attentäter oder Komplizen noch auf freiem Fuß sind. Besteht womöglich noch akute Gefahr? Bisher teilten die Ermittler auch nicht mit, wer die in Brüssel Festgenommenen sind. Ob sie in die Anschläge verwickelt sind, werde untersucht, hieß es. Unklar ist auch, ob der Verdächtige aus der Routinekontrolle unter den Festgenommenen ist.

Identität

Bisher sind erst drei Attentäter offiziell identifiziert, Näheres wurde nur über Mostefaï bekannt. Kamen die anderen Angreifer aus dem Ausland oder lebten sie in Frankreich? In welcher Verbindung standen sie zueinander, wie organisierten sie sich? Und planten sie die Anschläge eigenständig, oder wurden sie von Hintermännern instruiert und gesteuert? Waren sie bisher völlig unauffällig oder womöglich bereits im Visier der Sicherheitsbehörden? Damit hängt auch die Frage nach eventuellen Versäumnissen zusammen. Fragen wirft auch der gefundene syrische Pass auf. Ist das Dokument echt oder gefälscht? Und warum hatte es der Attentäter überhaupt bei sich?

Verdächtiger

Rätsel gibt ein Mann aus Montenegro auf, der vor gut einer Woche von der Polizei in Oberbayern mit Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff im Auto gestoppt wurde. Angeblich war er damit auf dem Weg nach Paris. Ein Zusammenhang mit den Anschlägen wird geprüft.

„Wir suchen nun die Auftraggeber, den Parcours der Täter und ihre Finanziers,“ teilte Molins mit. Ein Täter sei identifiziert wurden durch die Abdrücke seines abgerissenen Fingers. Es handele sich um einen 30-jährigen Franzosen, der acht Mal als gewöhnlicher Krimineller verurteilt, aber nie in Haft genommen wurde und 2010 von der Polizei als radikalisierter Islamist erfasst wurde.

Zwei Tatfahrzeuge wurden identifiziert, der genannte schwarze Seat und ein schwarzer Polo. Beide sind in Belgien zugelassen. Sie begründen die Spur, die die Ermittler nun verfolgen: Molins zufolge wurden sie von einem in Belgien lebenden Franzosen gemietet, der am Steuer eines dritten Autos bei einer Kontrolle gefasst wurde, im Beisein von zwei weiteren Verdächtigen. Alle drei waren den Behörden bislang nicht bekannt. Zu dem am Tatort Balaclan gefundenen syrischen Pass sagte Molins lediglich, er sei 1990 ausgestellt worden, der Inhaber sei den Geheimdiensten bislang nicht bekannt gewesen.  

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×