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20.10.2015

17:08 Uhr

Parlamentswahl

Kanadas Kennedy triumphiert über Premier Harper

„Das Volk hat immer Recht“: Kanadas Premierminister Harper hat seine Niederlage bei der Parlamentswahl eingeräumt und seinen Rücktritt als Parteichef erklärt. Wahlsieger Trudeau wird einen scharfen Kurswechsel vollziehen.

Sieg der Liberalen

Machtwechsel in Kanada: Konservative verlieren krachend

Sieg der Liberalen: Machtwechsel in Kanada: Konservative verlieren krachend

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Ottawa Umringt von seiner Frau und seinen beiden Kindern verlässt Stephen Harper die Bühne. Sein Sohn Benjamin legt ihm den Arm um die Schultern. Nach fast zehn Jahren an der Macht hat Kanadas konservativer Premierminister gerade den wohl schwersten Gang seiner politischen Karriere hinter sich. „Das Ergebnis ist sicher nicht das, was wir uns erhofft hatten“, gestand der weißhaarige 56-Jährige in der Nacht zum Dienstag in der zentralkanadischen Öl-Metropole Calgary vor Hunderten Anhängern ein. „Aber das Volk hat immer Recht. Wir haben alles auf den Tisch gelegt, wir haben alles gegeben, und wir bereuen nichts.“ Laute Rockmusik tönt durch den Saal, aber der Jubel von Harpers Anhängern wirkt getrübt.

Mehr als 60 Sitze hat die Konservative Partei ersten Prognosen zufolge bei der Parlamentswahl verloren, hat nur noch 99 der insgesamt 338 Sitze erringen können nach 166 bei der letzten Wahl 2011, ein denkwürdiges Debakel. Meinungsumfragen hatten derartiges angedeutet, aber dass es so extrem kommen würde, hatten Beobachter nicht erwartet – und wohl auch der liberale Newcomer und designierte neue Premierminister Justin Trudeau nicht, der auch gerne der Kennedy Kanadas genannt wird.

Der tritt wenige Minuten später und rund 3000 Kilometer weiter östlich in einem Hotel in Montréal vor seine Anhänger und strahlt das ihm eigene „Sonnyboy“-Lächeln. Neben ihm lächelt seine Frau Sophie Gregoire in die Kameras, eine TV-Moderatorin und Yoga-Lehrerin. Knapp über 30 Sitze hatte Trudeaus Liberale Partei bei der Wahl 2011 bekommen, dieses Mal sind es Prognosen zufolge mehr als 180, das reicht für eine Mehrheitsregierung. Der Stimmanteil hat sich von rund 20 auf knapp 40 Prozent verdoppelt, manche kanadischen Medien sprechen gar von einer „Trudeau-Mania“. „Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein“, verspricht der 43-Jährige. „Es ist Zeit für Veränderungen in diesem Land, echte Veränderungen.“

Warum die Wahlen in Kanada für Deutschland wichtig sind

Fakten zu Kanada

Kanada ist flächenmäßig nach Russland das zweitgrößte Land der Erde. Das nordamerikanische Land, das im Süden an die USA grenzt, ist fast so groß wie ganz Europa, hat aber mit 35 Millionen Menschen weniger als halb so viele Einwohner wie Deutschland. Vor allem die Prärieprovinzen der Mitte und der eisige Norden sind extrem dünn besiedelt. Nominelles Staatsoberhaupt ist Königin Elizabeth II., denn Kanada gehört zum Commonwealth. Amtssprachen sind Englisch und Französisch, gesprochen vor allem in der östlichen Provinz Québec. Kanada ist Gründungsmitglied der Vereinten Nationen und Mitglied der G7-Länder der führenden Industrienationen. Das Land gehört unter anderem aufgrund von Bodenschätzen zu den wohlhabendsten der Welt.

Handel

2013 kauften und verkauften beide Länder Waren im Wert von 13,3 Milliarden US-Dollar voneinander. Kanada ist die elftgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit einem etwa halb so hohen Bruttoinlandsprodukt wie Deutschland.

Tourismus

Mehr als 300.000 Deutsche machen jedes Jahr Urlaub in Kanada.

Politische Beziehungen

Die beiden Länder gelten als enge Freunde und Partner, die sich in vielen Bereichen abstimmen. In den vergangenen zwei Jahren waren sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Bundespräsident Joachim Gauck zu Besuch in Kanada, Premierminister Stephen Harper kam zum Gegenbesuch nach Berlin.

Geschichte

Fast jeder zehnte Kanadier, insgesamt etwa 3,2 Millionen, hat deutsche Wurzeln.

Höhere Steuern für Reiche, „positive Politik“ für die Mittelklasse, Schulden aufnehmen zum Ankurbeln der Wirtschaft, mehr Umwelt- und Klimaschutz, bessere Zusammenarbeit mit den Provinzregierungen und den Interessenvertretern der Ureinwohner - im Wahlkampf hat Trudeau fast das genaue Gegenteil von dem versprochen, was Harper zehn Jahre lang praktiziert hat. Besonders beliebt war der bisherige Premier, der nach der Wahlniederlage auch den Vorsitz der Konservativen Partei abgab, bei den Kanadiern nie. „Ich bin so froh, dass wir Harper endlich los sind. Mit ihm hat Kanada einfach nur stagniert“, sagt eine 25-jährige Geschichtsstudentin und Trudeau-Wählerin in Toronto. „Auf Trudeau lasten jetzt natürlich große Erwartungen. Die wird er nicht alle erfüllen können, aber er wird es besser machen als Harper.“

Fast zehn Jahren war Stephen Harper in Kanada an der Macht, nun endet seine Zeit als Premierminister. ap

Wahl verloren

Fast zehn Jahren war Stephen Harper in Kanada an der Macht, nun endet seine Zeit als Premierminister.

In den vergangenen Monaten hatte sich eine regelrechte Anti-Harper-Stimmung entwickelt - doch seine Gegner waren sich zunächst nicht einig, wen sie stattdessen wählen sollten. Noch vor wenigen Wochen hatten die Meinungsumfragen deshalb auch ein ganz anderes Bild vorhergesagt. Konservative, Liberale und die sozialdemokratische Neue Demokratische Partei (NDP) lagen Kopf an Kopf. Doch Anfang Oktober gelang Trudeau erstmals eine leichte Führung in den Umfragen, die er nicht mehr hergab. Die NDP landete schließlich weit abgeschlagen auf dem dritten Rang - der große Verlierer der strategischen Stimmabgabe der Anti-Harper-Wähler.

Der Name des designierten neuen Premierministers klingt für viele Kanadier vertraut: Schon Trudeaus 2000 gestorbener Vater Pierre war mit einer Unterbrechung zwischen 1968 und 1984 Premierminister Kanadas. Vor seinen Anhängern erinnert sich Sohn Justin - inzwischen selbst Vater einer Tochter und zweier Söhne - nach seinem Wahlsieg an diese Zeit. „Meine Kinder schlafen gerade, aber wir brechen jetzt zusammen in ein Abenteuer auf und ich weiß, dass es schwierige Momente gibt als Kind eines Premierministers. Aber Dad wird für Euch da sein.“

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