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05.06.2017

14:41 Uhr

Parlamentswahlen in Frankreich

French Connection in Marseille

VonThomas Hanke

Zwar liegt Macrons Bewegung LREM in allen Umfragen weit vorn. Dennoch wird die Parlamentswahl am 18. Juni in vielen Wahlkreisen spannend wie ein Politthriller. In Marseille etwa ist das Rennen völlig offen. Ein Ortsbesuch.

Der frühere Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon ist als Wahlkämpfer in Marseille unterwegs. Große Chancen werden ihm hier nicht eingeräumt. AFP

Jean-Luc Melenchon

Der frühere Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Melenchon ist als Wahlkämpfer in Marseille unterwegs. Große Chancen werden ihm hier nicht eingeräumt.

MarseilleMit letzter Kraft rennt Gene Hackmann am Nordrand des Alten Hafens von Marseille lang, den Revolver in der Hand, während auf dem Wasser der raffinierte Drogenboss Fernando Rey auf seinem Segler zu entschwinden droht. Der Showdown von French Connection 2 in der französischen Hafenstadt ist ein Klassiker, und Marseille 42 Jahre später immer noch Frankreichs Drogenmetropole. Am 18. Juni wird es am Nordrand des Hafens ein neues Gefecht geben, weniger gewalttätig, aber durchaus nicht friedlich. Hier ist der 4. Wahlkreis von Marseille, in dem politische Urgewalten aufeinandertreffen: Jean-Luc Mélenchon, der Linksaußen der französische Politik, Corinne Versini von Emmanuel Macrons „La République en Marche“ (LREM) und Patrick Menucci, alteingesessener Sozialist und Inhaber des Mandats, um das nun gerungen wird. Wie im Film gilt: Nur einer kann durchkommen.

Die landesweite Parlamentswahl am 11. und 18. Juni ist ein Puzzle von lokalen Schlachten wie der in Marseille. Deren Ausgang ist teilweise völlig offen, selbst wenn Macrons LREM in allen Umfragen weit vorn liegt und eine absolute Mehrheit der 577 Abgeordneten erhalten könnte. 90 Kilometer im Norden von Marseille kämpft Christophe Castaner, Minister und Regierungssprecher in Macrons Kabinett, um seine politische Existenz. Wird er im Zweiten Wahlkreis von Alpes-de-haute-Provence nicht gewählt, muss er ausscheiden. Macron landete bei der Präsidentschaftswahl hier nur auf dem dritten Platz. Und im zweiten Wahlkreis des Département Gard tritt mit Marie Sara, einer „Rejoneadora“, Stierkämpferin zu Pferd, für LREM eine Frau ohne jede politische Erfahrung gegen Gilbert Collard an, derzeit einer von zwei Abgeordneten des Front National in der Nationalversammlung. Längst nicht in jedem Stimmbezirk ist die Wahl ein Spaziergang für die Bewegung des jungen Präsidenten Macron. Den rhetorisch mächtigen, politisch wendigen Collard zu schlagen wäre ein riesiger Erfolg für die schlanke Frau. Sie ist auf einem guten Weg: Laut einer Umfrage vom Sonntag kann sie den Wahlkreis in der Stichwahl am 18. Juni knapp gewinnen.

In Marseille ist das Rennen noch offener. „Mélenchon hat nicht die geringste Chance, Menucci schlägt mit der Faust auf den Tisch, dann ist die Sache entschieden“, ist sich Ahmed sicher. Seit 40 Jahren hat er einen kleinen Lebensmittelladen im Viertel Le Panier, hoch über dem Alten Hafen von Marseille. Früher war das eine der ärmsten Ecken der Stadt, doch mittlerweile haben sich Künstler, zwei Antiquitätenhändler, ein Messerschmied und ein paar Restaurants in den niedrigen Häusern in schmalen Gassen niedergelassen. Ahmed und andere langjährige Einwohner fühlen sich nicht bedroht von der schleichenden Gentrifizierung. Behaglich streckt er seine Beine in die Abendsonne und redet über Mélenchon, den Mann, der keine Ahnung habe von Marseille. „Hier kennen wir uns noch alle, es bestimmen die Korsen und die Araber“, klärt er uns auf. „Es gelten eigene klare Regeln, die wichtigste lautet: Wenn ich esse, fällt für dich was ab, und wenn du isst, muss für mich was abfallen.“ Eine Hand wäscht die andere, würden wir etwas weniger bildhaft sagen. Seinem langen, faltigen Gesicht kann man nicht entnehmen, ob er das verwerflich findet oder es für das unvermeidliche Grundgesetz der Politik hält. Menucci ist für ihn ein Korse, auch wenn er als Nachfahre italienischer Einwanderer in Marseille geboren wurde. „Er kommt öfters zu mir in den Laden“, sagt Ahmed mit großer Selbstverständlichkeit. Menucci, das ist in den Augen Ahmeds die Macht.

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Für Mélenchon dagegen stellt Menucci die fleischgewordene Erosion der Sozialisten dar. Der Linksaußen hält Menucci für den Gegner, der am leichtesten zu schlagen ist. Landesweit haben die Sozialisten bei der Präsidentschaftswahl eine krachende Niederlage erlitten. Auch in Marseille sah es nicht gut aus für sie, während Mélenchon als Kandidat von „La France Insoumise“, dem „Unbeugsamen Frankreich“, im Wahlkreis am Alten Hafen auf fast 40 Prozent der Stimmen gekommen ist. Deshalb kandidiert er hier. Der als Opfer ausersehene Sozialist Menucci tituliert ihn wütend als „mutlosen Polit-Nomaden,“  der sich keine Kandidatur dort zutraue, wo der Front National stark sei. Der fährt seine besten Ergebnisse ganz im Norden von Marseille ein, dort wo die von Drogenbanden beherrschten Wohnblocks stehen und die Hoffnungslosigkeit zu Hause ist. 

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