Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.05.2016

19:27 Uhr

Parteitag in Nordkorea

„Hast du Deinen Plan erfüllt, Genosse?“

VonMartin Kölling

In Nordkorea findet der erste Kongress der Arbeiterpartei seit 36 Jahren statt. Nordkorea-Experte Rüdiger Frank spricht im Interview über die dortige Wirtschaft, die Arbeitsmotivation und die Erwartungen an den Parteitag.

„Die Menschen im Dunkeln und immer wieder raten zu lassen, ist eines der Herrschaftsinstrumente des Regimes.“

Rüdiger Frank

„Die Menschen im Dunkeln und immer wieder raten zu lassen, ist eines der Herrschaftsinstrumente des Regimes.“

TokioDer erste Kongress der nordkoreanischen Arbeiterpartei seit 36 Jahren hat nach Berichten ausländischer Medien am Freitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit begonnen. Wahrscheinlich – denn so ganz genau wusste das zu Beginn niemand. Es ist nicht einmal bekannt, wie lange der Parteitag dauern soll. Südkoreanische Experten schätzen, drei bis vier Tage. Die Veranstalter hüten die Tagesordnung wie ein Staatsgeheimnis.

Ausländische Journalisten, die am Morgen erst zu einem Punkt in der Nähe des Veranstaltungsorts gebracht worden waren, wurden kurz darauf zum Hotel zurückgekarrt. Statt Gesprächen mit Parteitagsdelegierten gab es dann einen Besuch beim Friseur und einer Kabelfabrik. Auch das staatliche Fernsehen berichtet tagsüber weder live noch in Ausschnitten über den Kongress, berichteten Beobachter.

Von seiner letzten Reise nach Nordkorea ist Rüdiger Frank erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt. Der Ökonom und Ostasienwissenschaftler der Universität Wien ist ein echter Kenner Nordkoreas.

Herr Frank, haben Sie während Ihrer Reise etwas von den Vorbereitungen auf den Parteitag mitbekommen?
Die Vorbereitungen waren nicht zu übersehen. Überall wiesen Plakate auf den Parteitag hin. Und die Menschen waren bis Montag schwer beschäftigt mit der so genannten 70-Tage-Schlacht.

Tage-Schlacht?
Sie ist eine dieser typischen Massenkampagnen in Nordkorea. Zur Vorbereitung auf den Parteitag wurden die Menschen aufgefordert, 70 Tage lang länger und intensiver zu arbeiten. Auf Plakaten gab es einen Countdown mit der Frage: „Hast Du schon Deinen Plan erfüllt, Genosse?“ Die Menschen, die ich getroffen habe, wirkten dementsprechend erschöpft.

Wo der Kommunismus noch lebt

Kommunistische Regime der Gegenwart

Vor dem Fall der Sowjetunion gab es zahlreiche Länder mit kommunistischen Regierungen. 2016 verbleiben noch vier, oder - je nach Lesart des nordkoreanischen Regimes - fünf.

Quelle: dpa

China

Mit 1,3 Milliarden Menschen bevölkerungsreichstes Land der Welt. Es hat den Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt seiner Abkehr vom kommunistischen Wirtschaftsmodell zu verdanken. Seit den 1980er Jahren verfolgt China eine Politik der Reformen und der Öffnung. Die sozialistische Marktwirtschaft funktioniert nach kapitalistischen Methoden. Die kommunistische Ideologie wird gepflegt, dient aber nur dem Erhalt der Diktatur der Kommunistischen Partei.

Vietnam

Nachbarland Chinas, etwa so groß wie Deutschland ohne Hessen, mit mehr als 3000 Kilometern Küste am Südchinesischen Meer. Rund 94 Millionen Einwohner. Ho Chi Minh gründete die Kommunistische Partei in den 1930er Jahren im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich. Nach der Niederlage Frankreichs besiegten die Kommunisten auch das US-gestützte Regime in Südvietnam. Seit 1975 regieren sie das vereinigte Land. Seit 1986 gibt es marktwirtschaftliche Reformen.

Kuba

Gut elf Millionen Einwohner, etwa so groß wie einst die DDR. Nach der Revolution von 1959 wandte es sich Anfang der 1960er Jahre zum Kommunismus und suchte bei der Sowjetunion Schutz vor dem kapitalistischen Nachbarn USA, der zuvor großen Einfluss auf der Insel hatte. Bis 2006 regierte Revolutionsführer Fidel Castro (89). Unter Fidels jüngerem Bruder Raúl (84) versucht Kuba seit einigen Jahren mit zaghaften markwirtschaftlichen Reformen, die marode Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Laos

Armes Nachbarland Vietnams ohne Küstenzugang, etwas kleiner als die Bundesrepublik ohne die neuen Bundesländer. Knapp sieben Millionen Einwohner. Laos war Teil des französischen Kolonialgebiets Indochina. Im Vietnamkrieg wurde es zum meist bombardierten Land der Welt. US-Bomber legten weite Teile in Schutt und Asche, weil vietnamesische Kommunisten sich im Grenzgebiet versteckten. Bis heute sind die Böden verseucht. Nach dem Ende des Vietnamkriegs marschierte Vietnam ein und installierte 1975 die kommunistische Regierung.

Nordkorea

Nachbarland Chinas, etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, 24 Millionen Einwohner. Die UN werfen der Diktatur gröbste Menschenrechtsverletzungen vor. Nordkorea hat zwar 2009 alle Bezüge zum Kommunismus aus seiner Verfassung gestrichen. Aber die Arbeiterpartei wurde 1945 als Zweig der ehemaligen Kommunistischen Partei gegründet. An der Spitze von Staat, Partei und Armee steht der Machthaber Kim Jong Un; er „erbte“ die Machtposition von seinem Vater. Bereits sein Großvater Kim Il Sung war mit Hilfe Moskaus an die Spitze der Partei gelangt und wird als Staatsgründer verehrt.

Was erwarten die Koreaner von dem Parteitag?
Das ist schwer zu sagen. Sie wussten recht wenig über die Veranstaltung. Selbst das Datum ist ja erst am Mittwoch voriger Woche offiziell bekannt gegeben worden. Die Menschen im Dunkeln und immer wieder raten zu lassen, ist eines der Herrschaftsinstrumente des Regimes. Aber es gibt eine gewisse Erwartungshaltung.

Und die besteht worin?
Die Nordkoreaner sind heutzutage generell vor allem wirtschaftlich orientiert. Die meisten Menschen wollen ihre persönlichen Lebensbedingungen, ihren Wohlstand verbessern. Sie erwarten, dass der Staat ihnen dies 5erleichtert. Es geht ihnen weniger um militärische Sicherheit, sondern um wirtschaftlichen Aufschwung, den man auch wirklich im Alltag spürt. Wird dies nicht geleistet, wären sie wahrscheinlich enttäuscht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×