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03.04.2015

09:01 Uhr

Partnersuche auf Russisch

Putins Schachspiel gegen Europa

Russland braucht Europa nicht: Das ist die Botschaft, die Kremlchef Putin gern verbreiten würde. Er sucht rund um den Globus nach neuen Partnern. Doch geht die russische Taktik auf? Unsere Korrespondenten berichten.

Kremlchef Wladimir Putin will die Figuren auf dem geostrategischen Spielfeld neu positionieren. Getty Images

Russisches Schachspiel

Kremlchef Wladimir Putin will die Figuren auf dem geostrategischen Spielfeld neu positionieren.

Athen/Düsseldorf/Kopenhagen/São PauloKremlchef Waldimir Putin taktiert, er straft mit Ignoranz, buhlt, verhandelt, feilscht: Ein Jahr nach der Zuspitzung im Ukraine-Konflikt sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen auf dem Tiefpunkt. Das große Reich steckt mitten in der Rezession, der Rubel ist kräftig abgewertet. Die russischen Abnehmer büßen deshalb massiv an Kaufkraft ein.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Moskau sich neue Verbündete und Handelspartner suchen würde, auch, wenn von westlichen Medien befragte Russen stets fast trotzig betonen, die Sanktionen würden ihnen nicht ausmachen.

Das ist auch die Botschaft, die Kremlchef Putin selbst gern in die Welt verbreiten würde – mit Händeschütteln mit neuen großen Verbündeten aus China oder der Türkei, aus Brasilien oder Venezuela. Im Rest der Welt sieht der russische Präsident potentielle Verbündete. Im Kampf gegen die selbst mitverursachte Rezension versucht Putin eine Welt ohne Europa zu bauen. Inwiefern gelingt ihm das? Unsere Korrespondenten berichten.

Lateinamerika: Nur Rindersteaks reichen nicht

Für die brasilianischen Fleischproduzenten gab im August vergangenen Jahres ein unerwartetes Geschenk aus Moskau: Die russischen Behörden erteilten über Nacht 90 brasilianischen Schlachthöfen die Erlaubnis, Rindersteaks, Hühnerschlegel und Schweinhälften nach Russland zu exportieren. Es sei die schönste Nachricht des Jahres, erklärte Francisco Turra, Präsident der brasilianischen Hühner- und Schweinezüchterverbandes ABPA, als er von den russischen Sanktionen gegen Lebensmittelexporteure aus den USA und Europa hörte.

Wen die Russland-Sanktionen treffen

Ukraine

Das politisch wie wirtschaftlich größte Problem bei Russland-Sanktionen ist, dass auch die Ukraine unter den Folgen leiden wird. In einer Umfragen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft nannten im Juni 21 Prozent der befragten Unternehmen die Ukraine als das Land, das nach Russland (37 Prozent) und Deutschland (33 Prozent) am stärksten unter Sanktionen zu leiden haben wird. Der Grund ist zum einen die enge wirtschaftliche Verflechtung der ehemaligen Sowjetrepublik mit Russland, die jeden Konjunktureinbruch dort auch für das Nachbarland zum Problem macht. Zum anderen bestraft Russland den Westkurs der Ukraine wie auch den Moldawiens mit Gegensanktionen wie einem Embargo gegen Milch und Fleisch. Bei einer Eskalation könnte auch der Gashahn zugedreht werden.

Balkan

„Auch die ganze Balkan-Region wird unter einem neuen Wirtschaftskrieg leiden“, meint der Balkan-Experte Duan Reljic von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Verantwortlich macht er hierfür die traditionell engen Beziehungen von Ländern wie Serbien mit Russland, vor allem aber das starke Interesse der ganzen Region an russischem Gas. Interessiert ist man auch am Bau der von Russland vorangetriebenen South-Stream-Pipeline durch die Region, die die EU-Kommission nun im Zuge der Abkühlung der EU-Russland-Beziehungen rechtlich überprüfen lässt. „Fast jedes Land der Region hat sich Hoffnung auf einen dreistelligen Millionenbetrag an Durchleitungsgebühren pro Jahr gemacht - die drohen nun wegzufallen“, meint Reljic. Finanzexperten weisen zudem darauf hin, dass öffentliche EU-Banken auch mit Töchtern russischer Institute in der Region keine Geschäfte mehr machen können, wenn deren Chefs auf einer Sanktionsliste der USA und der EU stehen - die ständig ausgeweitet werden.

EU-Mitglieder Bulgarien und Zypern

Innerhalb der EU gelten die Länder als anfällig, die teilweise zu 100 Prozent von russischem Gas abhängig sind und einen Lieferboykott befürchten müssen. Besonders betroffen sind zudem die stark nach Russland ausgerichteten EU-Staaten Zypern und Bulgarien. Am Finanzplatz Zypern etwa ist so viel russisches Geld angelegt, dass der Inselstaat von einem Abzug des Kapitals in Folge von EU-Finanzsanktionen stark getroffen werden könnte.

Zentralasien

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Länder in Zentralasien auf die Entwicklung in der Ukraine. „Die kasachischen Banken würden wegen der engen Beziehungen sofort in Schieflage geraten, wenn ihre russischen Partner wackeln“, meint Beate Eschment, Redakteurin bei den Zentralasien-Analysen in Berlin. „In der Hauptstadt Astana ist man derzeit zudem ausgesprochen nervös, weil die Ukraine zeigt, was passieren kann, wenn man sich russischen Wünschen widersetzt.“ Eschment verweist darauf, dass auch im Norden der öl- und gasreichen ehemaligen sowjetischen Republik viele Russen leben und Russland nach wie vor Militärbasen in dem Land unterhält. Seit 2010 ist Kasachstan Mitglied in der Zollunion mit Russland. Anfang 2015 soll das bereits unterzeichnete Abkommen für eine eurasische Union in Kraft treten, das beide Länder noch enger aneinander schweißt - für gute wie schlechte Zeiten.

Allerdings hält man in der deutschen Wirtschaft durchaus auch einen umgekehrten Effekt für möglich: Als Mitglied der Zollunion könnte das Land sogar von harten Sanktionen gegen Russland profitieren - weil dann Geschäfte für den russischen Markt über Kasachstan abgewickelt werden müssten.

Afghanistan

Russlands Präsident Wladimir Putin sagte am Wochenende drohend, die EU demonstriere mit Sanktionen, dass sie offenbar kein Interesse mehr an einer Sicherheitspartnerschaft mit Russland habe. Diese beinhaltet aber etwa die Versorgung der Nato-Soldaten in Afghanistan über den russischen Luftraum und die russische Eisenbahn. Auch der geplante schrittweise Abzug der Truppen läuft über Russland und nicht das wesentlich gefährlichere Pakistan. Das könnte sich ändern - mit unklaren Auswirkungen auf das ohnehin instabile Krisenland Afghanistan.

China

China, darin sind sich alle Experten einig, gehört dagegen zu den Gewinnern einer Eskalation zwischen dem Westen und Russland. Die deutsche Industrie warnt, dass ihnen nun chinesische Konkurrenten in Russland die Aufträge wegschnappen. Und Russlands mühsame Suche nach neuen Partnern beschert China günstige Preise für die kommenden Gaslieferungen vom Nachbarn. „China profitiert von der Isolation Russlands und kann gegen ein geschwächtes Russland die eigenen Interessen besser durchsetzen“, meint der China-Experte des Mercators Institutes for China Studies (Merics), Moritz Rudolph.

Die Freude der brasilianischen Fleischexporteure war verständlich, denn gute Nachrichten aus Moskau sind rar bei den Handelsbeziehungen zwischen südamerikanischen Exporteuren und russischen Importeuren: Russland zögert nicht, seine Kriterien für Importe nach Gutdünken zu seinem Gunsten zu ändern.

Davon sind alle Staaten in Lateinamerika immer wieder betroffen. Kein Wunder, dass der Handel zwischen dem Kontinent und Russland immer gering geblieben ist. Zu ähnlich sind zudem die rohstoffdominierten Exportpaletten der beiden Handelspartner.

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