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17.08.2014

12:18 Uhr

Patienten-Nepp

Ein Bluttest für 10.000 Dollar

VonAxel Postinett

Die einen zahlen zehn Dollar, die anderen 10.000 – und das für einen einfachen Bluttest. Gibt's nicht? Doch! Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Warum das US-Gesundheitssystem kein gutes Vorbild für Deutschland ist.

Tausende Euro für einen einfachen Bluttest - in Deutschland undenkbar. dpa

Tausende Euro für einen einfachen Bluttest - in Deutschland undenkbar.

San FranciscoWer sich das amerikanische Gesundheitswesen in Deutschland wünscht, der sollte besser noch einmal nachdenken. Denn in den USA können schon 50 Kilometer mehr oder weniger zum nächsten Krankenhaus über die Existenz einer Familie entscheiden.

Die Kosten für ein neues Knie schlagen im Highland Campus des Alameda County Medical Center in der Nähe von San Francisco mit 59.800 Dollar zu Buche. Wer dagegen das Pech hat im Washington Hospital im 50 Kilometer entfernten Fremont zu enden, der zahlt für die gleiche Operation 164.400. Dollar. Selbstbehalte und Zuzahlungen in erheblicher Höhe sind die Regel bei praktisch allen amerikanischen privaten Krankenversicherungen. Bei 20 Prozent Eigenanteil wären also im einen Krankenhaus 12.000 und im anderen 33.0000 Dollar zu zahlen. Für eine amerikanische Mittelklassefamilie kann das schnell den Unterschied zwischen Privatinsolvenz und der Chance zum Neuanfang bedeuten.

Kernpunkte von Obamas Gesundheitsreform

Unversicherte in die Krankenversicherung holen

Rund 32 Millionen Menschen, die bisher unversichert waren, sollen eine Krankenversicherung erhalten. Am Ende sollen 95 Prozent der rund 310 Millionen Amerikaner versichert sein. Vor der Reform waren es 83 Prozent.

Grundversorgung

Eine Grundversicherung soll für die allermeisten Amerikaner zur Pflicht werden. Wer sich eine leisten kann, aber keine will, muss von 2014 an mit Geldstrafen rechnen. Firmen wird zwar nicht direkt vorgeschrieben, Mitarbeiter zu versichern. Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten werden aber zur Kasse gebeten, wenn Mitarbeiter staatliche Zuschüsse für ihre Versicherung kassieren.

Keine gesetzlichen Kassen

Eine staatliche Krankenkasse, wie sie linke Demokraten gefordert hatten, ist nicht vorgesehen. Stattdessen sollen die Bundesstaaten ab 2014 sogenannte „Gesundheitsbörsen“ einrichten, an der Amerikaner Policen vergleichen und kaufen können.

Keine Aufnahmeverweigerung

Versicherungen dürfen Amerikaner mit existierenden Erkrankungen nicht mehr abweisen. Sie dürfen keine Aufschläge mehr wegen des Geschlechts oder des Gesundheitszustandes von Versicherten verlangen. Bestehende Policen können auch nicht einfach widerrufen werden, wenn ein Versicherter erkrankt oder behindert wird.

Keine Bundesmittel für Abtreibungen

Abtreibungen sollen nicht durch Zuschüsse aus Bundesmitteln mitfinanziert werden, solange nicht das Leben der Mutter in Gefahr ist oder Inzest oder eine Vergewaltigung Ursache der Schwangerschaft ist. Die einzelnen Bundesstaaten können selber entscheiden, ob sie Frauen die Möglichkeit geben, Kosten für Schwangerschaftsabbrüche durch Zusatzversicherungen zu decken.

Theoretische Zahlenspiele sind das nicht. Nach einer Studie von nerdwallet.com auf Basis von Zahlen des US-Statistikamtes mussten 2013 rund 1,7 Millionen US-Haushalte Privatinsolvenz aufgrund unbezahlbarer Krankenhausrechnungen anmelden. Ein Rekord. Weder Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Immobilienkredite können da mithalten. Der Staat mit den meisten medizinbedingten Privatinsolvenzen ist Kalifornien, mit 248.002. „Wir sind immer schnell dabei, Schulden auf mangelnde Sparneigung und unkontrollierten Konsum abzuschieben“, so Christina LaMontage von Nerdwallet. „Aber unsere Studie zeigt, wie groß die Probleme sind, die Krankenhausrechnungen verursachen.“

Besonders auffallend, so die California Public Interest Research Group, Herausgeber der Studie „Your Cost May Vary“ („Ihre Kosten können abweichen“), sei dabei die Tatsache, dass sich der Unterschied in den Kosten für Operationen oder Dienstleistungen praktisch nicht durch bessere Leistungen erklären lässt. Es ist, als ob gewürfelt wird.

Noch krasser treten die Unterschiede bei einer aktuellen Studie der Universität von Kalifornien in San Francisco zutage. Um eine möglichst große Vergleichbarkeit herzustellen, konzentrierten sich die Forscher auf standardisierte Bluttests. Die Ergebnisse, veröffentlicht auf der medizinischen Fachseite BMJ Open, lassen den Atem stocken. Ein einfaches Blutbild, wie es praktisch tagtäglich in Arztpraxen oder Krankenhäusern angeordnet wird, kostet im günstigsten Fall zehn Dollar in einem kalifornischen Krankenhaus, im schlimmsten Falle 10.169 Dollar. Leider haben sich die Autoren der Studie dafür entschieden, die Namen der jeweiligen Krankenhäuser nicht zu veröffentlichen.

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