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10.10.2016

20:35 Uhr

Paul Ryan

Spitzenrepublikaner hat Trump wohl abgeschrieben

Wer steht jetzt noch an seiner Seite? Donald Trump ist nun offenbar auch beim mächtigsten Vertreter der Republikaner durchgefallen. Paul Ryan will nur noch für den Erhalt der Mehrheit im Repräsentantenhaus kämpfen.

Alles deutet darauf hin, dass Donald Trump nicht mehr auf die Unterstützung des Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, setzen kann. AFP; Files; Francois Guillot

Paul Ryan

Alles deutet darauf hin, dass Donald Trump nicht mehr auf die Unterstützung des Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Paul Ryan, setzen kann.

WashingtonDer mächtigste Republikaner der USA, Paul Ryan, hat den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump offenbar abgeschrieben. Er werde Trump bis zur US-Wahl am 8. November nicht mehr verteidigen und die verbleibenden vier Wochen dazu nutzen, sich für den Erhalt der Mehrheit seiner Partei im Repräsentantenhaus einzusetzen, sagte Ryan am Montag nach Angaben aus Parteikreisen in einer Telefonkonferenz mit republikanischen Abgeordneten.

Demnach will Ryan alles daran setzen, Hillary Clinton einen republikanisch kontrollierten Kongress entgegenzustellen. Er gestand damit quasi ein, dass der demokratischen Rivalin die Präsidentschaft sicher sei. Er wolle „seine gesamte Energie“ darauf verwenden, „sicherzustellen, dass Hillary Clinton keinen Blankoscheck mit einem demokratisch kontrollierten Kongress bekommt“, hieß es. Er habe hinzugefügt, dass er gewillt sei, „politischen Druck auszuhalten, um zu helfen, unsere Mehrheit zu schützen“.

Donald Trump hat gereizt auf die Ankündigung reagiert: Paul Ryan, der Vorsitzende des Repräsentantenhauses, „sollte mehr Zeit damit verbringen, den Haushalt auszugleichen, sich um Jobs und illegale Einwanderung kümmern und seine Zeit nicht damit vergeuden, den republikanischen (Präsidentschafts-) Kandidaten zu bekämpfen“, schrieb Trump am Montag über den Kurzmitteilungsdienst Twitter.

Das Verhältnis zwischen Trump und Ryan gilt seit Monaten als angespannt. Ryan hat als Vorsitzender des Repräsentantenhauses das dritthöchste Staatsamt der USA inne.

Trump ist abermals in Misskredit gefallen, weil vor wenigen Tagen ein für ihn peinliches Video aus dem Jahr 2005 veröffentlicht wurde. Darin prahlt er, als Star könne er alles mit Frauen machen, was er wolle.

In einer Fernsehdebatte gegen Clinton tat er das zwar als „Umkleideraum-Gerede“ ab. Viele Republikaner waren zu diesem Zeitpunkt aber bereits von ihm abgerückt, weil sie befürchten, dass Trump ihre Chancen auf eine Wiederwahl ruinieren könnte.

Eine in die Konferenz involvierte Person sagte, Ryan habe seine Unterstützung für Trump zwar nicht zurückgezogen, aber gesagt, er werde ihn nicht jetzt und auch nicht künftig verteidigen. Stattdessen wolle er für republikanische Kongresskandidaten Wahlkampf betreiben. Ein weiterer Beteiligter sagte, Ryan habe erklärt, er wolle bis zur Wahl nicht gemeinsam mit Trump im Wahlkampf auftreten. Den republikanischen Kandidaten habe er empfohlen, „das zu tun, was für euren Wahlbezirk am besten ist“.

Der US-Wahlkampf nach dem zweiten TV-Duell

Ist die Wahl bereits entschieden?

Trumps Wahlkampf wird von dem Video und von seiner nur halbherzigen Entschuldigung sicher belastet. Die Debatte am Sonntag hat aber gezeigt: Trump kann einstecken und denkt gar nicht ans aufgeben. Der CNN-Kommentator John King bescheinigte ihm in St. Louis einen „definitiv stärkeren Auftritt“ als bei der ersten TV-Debatte, die er vor zwei Wochen klar verloren hatte.

Reichen die Punkte im 2. Duell für Trump?

Trumps Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence, zuletzt kritisch gegenüber Trump, gratulierte ihm zu einem „großen Sieg“. In einer CNN-Blitzumfrage sahen zwar 57 Prozent Clinton vorn, 63 Prozent aber waren von Trump positiv überrascht. Wie schon im Vorwahlkampf bediente Trump bewusst seine Klientel. Unsicher ist, ob das reicht, um die schwachen Umfragewerte bis zum 8. November zu drehen.

Wer hält vier Wochen vor dem Wahltermin noch zu Trump?

Trump hat großen Rückhalt in seiner Familie, was in der Öffentlichkeit zählt. Vor allem seine Tochter Ivanka, sein Sohn Eric und die Ehefrau Melanie weichen nicht von seiner Seite und zeigen demonstrative Solidarität – auch wenn der Weg nicht leicht ist. Zählen kann er auch auf die Anti-Establishment-Fraktion bei den Republikanern, seinen engeren Zirkel. Dazu gehören New Jerseys Gouverneur Chris Christie und der frühere Neurochirurg Ben Carson, zwei seiner Kontrahenten im Vorwahlkampf. Ted Cruz, schärfster Widersacher bei den Vorwahlen, hat sich zumindest nicht distanziert.

Und wer führt die Absetzbewegung an?

Der Rückhalt in der Republikanischen Partei ist sicher gesunken. Ein Teil der Partei denkt schon an das Wahljahr 2020. Ein anderer fürchtet, von Trump in einen Abwärtsstrudel gezogen zu werden, der die Wiederwahl vieler Abgeordneter im Senat oder Repräsentantenhaus gefährdet. Der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Paul Ryan, und der Parteiveteran und Senator John McCain stehen an der Spitze der Trump-Kritiker bei den Republikanern. Aber auch aus den streng christlichen Staaten, etwa aus der Mormonen-Hochburg Utah, kommt heftige Kritik.

Gibt es eine innerparteiliche Verschwörung gegen Trump?

Der Verdacht kam auf – immerhin war Trumps Gesprächspartner in dem Video der TV-Moderator Billy Bush, ein Cousin des Ex-Präsidenten George W. Bush und seines Bruders Jeb Bush, der sich gegen Trump um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner beworben hatte. George wie Jeb Bush gelten als ausgesprochene Kritiker Trumps, beide haben ihrem „Parteifreund“ die Unterstützung versagt. Anhänger Trumps beklagten, das Video sei ein bewusster Schlag des Partei-Establishments gegen Trump. Doch Billy Bush wurde inzwischen selbst Opfer der Veröffentlichung; der Sender NBC suspendierte ihn.

Wird der Wahlkampf noch schmutziger?

Viel tiefer kann das Niveau der Debatte fast nicht mehr sinken. Aber in der aufgeheizten Atmosphäre scheint eine rein sachliche Auseinandersetzung kaum mehr denkbar. In den vergangenen Tagen gab es bereits Hinweise, dass weitere kompromittierende Videomitschnitte aus Trumps Vergangenheit auftauchen könnten. Und die Enthüllungsplattform Wikileaks kündigte an, weitere E-Mails der Ex-Außenministerin Clinton publik zu machen.

Ryans Büro beeilte sich mitzuteilen, dass er nicht vorzeitig die Niederlage bei der Wahl eingestehe. Repräsentantenhausabgeordnete, die Trump nahestehen, hatten bei der Telefonkonferenz allerdings genau diesen Eindruck. Sie führten an, dass Trump nach wie vor Siegchancen habe und von der Partei nicht aufgegeben werden sollte.

Von

ap

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