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19.10.2015

14:12 Uhr

Peter Nestmann im Interview

„Auch mit fünf Prozent wäre China eine Lokomotive“

VonStephan Scheuer

Chinas Wachstum fällt unter die magische Marke von sieben Prozent. Das spüren auch deutsche Firmen. Dennoch ist sich China-Experte Peter Nestmann sicher: Die Sorgen um eine harte Landung sind übertrieben.

China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist im vergangenen Quartal nur noch um 6,9 Prozent gewachsen. ap

Poster in Peking mit der Aufschrift „Wohlstand“

China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist im vergangenen Quartal nur noch um 6,9 Prozent gewachsen.

PekingPeter Nestmann, Vorstandsmitglied der deutschen Handelskammer Süd- und Südwest-China, denkt, dass die Restrukturierung der chinesischen Wirtschaft sich auch weiterhin in niedrigeren Wachstumszahlen widerspiegeln werden – und sieht das als Zeichen einer Normalisierung.

Herr Nestmann, wie stark spüren die deutschen Mittelständler das langsamere Wachstum in China?
Maschinen- und Anlagenbauer merken deutlich, dass viele Projekte gestreckt oder verschoben werden. Stellenweise wurden diese auch noch vom gefallenen Rubel-Wechselkurs erwischt. Das hängt natürlich sehr stark von der Industrie ab, die beliefert wird. Die Bereiche mit massiven Überkapazitäten wie etwa Stahl, Flachglas, Aluminium oder Zement sind besonders betroffen. Auch im Chemiebereich sehe ich deutliche Bremsspuren.

Wie verlässlich sind die Konjunkturdaten des Statistikamtes?
Zu den Zahlen ein paar Fakten: China mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen veröffentlicht die Zahlen zwei Wochen nach Quartalsende und revidiert diese dann nie mehr. Hong Kong mit 7 Millionen Einwohnern veröffentlicht die Zahlen sechs Wochen nach Quartalsende. Die USA mit 314 Millionen Einwohnern brauchen 8 Wochen und revidieren diese Zahlen dann fortlaufend. Noch Fragen? Spannend ist auch der Vergleich zwischen der Summe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der einzelnen Provinzen und dem nationalem BIP – „die Phantomprovinz“: Erstere ist seit 2003 immer größer als letztere und hat dieses 2012 um 10 Prozent übertroffen. In absoluten Zahlen sind 5.76 Trillionen Renminbi (RMB) unerklärt, das entspricht etwa dem BIP der Provinz Guangdong. Im ersten Quartal 2013 wuchs auch jede Provinz schneller als das ganze Land – mathematisch nicht möglich.

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Sind die sieben Prozent ein Fetisch?
Letztlich sind die absoluten Zahlen relevant. Da das chinesische BIP in den letzten Jahren rasch gewachsen ist, hat sich natürlich auch die Basis vergrößert. In anderen Worten: Wenn das BIP dieses Jahr nur um 5 Prozent wachsen würde, wäre das ein höheres (in absoluten Werten) Wachstum als 14 Prozent Wachstum in 2007. Wachstumszahlen sind natürlich wichtig, aber die Fokussierung auf die Nachkommastelle des chinesischen BIP ist irre, und ökonomisch lässt sich das nicht rechtfertigen. Aber eine quartalsgetriebene Wirtschaft ohne den Blick, die Zeit und das Interesse für längerfristige Perspektiven lebt leider von solchen Zahlen. Bitte die Kirche im Dorf lassen und sich auf die langfristig intakten Wachstumsperspektiven Chinas konzentrieren.

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