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21.01.2015

19:29 Uhr

Petro Poroschenko

Kiew sieht Ostukraine von 9000 Russen besetzt

Bei einem diplomatischen Krisengipfel in Berlin sollte es eigentlich um einen Stopp der in den letzten Tagen eskalierten Kämpfe gehen. Doch schon vorher erhebt Präsident Poroschenko schwere Vorwürfe gegen Russland.

Weltwirtschaftsforum Davos

Poroschenko zeigt von Kugeln durchsiebte Wrackteile

Weltwirtschaftsforum Davos: Poroschenko zeigt von Kugeln durchsiebte Wrackteile

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DavosVor einem neuen Schlichtungsversuch zur Ukraine-Krise hat die Regierung in Kiew abermals schwere Vorwürfe gegen Russland erhoben. In den ostukrainischen Rebellengebieten befänden sich 9000 russische Soldaten mit mehr als 500 Panzern, sagte Präsident Petro Poroschenko am Mittwoch. Das laufe auf eine Besetzung von sieben Prozent des ukrainischen Staatsgebiets hinaus.

Bei seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos hielt er ein von Geschossen durchsiebtes Blechteil eines Busses hoch, der nach seinen Angaben in der vergangenen Woche im Ort Wolnowacha von russischer Artillerie getroffen wurde. 13 Menschen seien bei dem Beschuss getötet worden, der ein „Symbol für den terroristischen Angriff auf mein Land“ und Beweis für eine russische Verwicklung sei, sagte Poroschenko. „Wenn das nicht Aggression ist, was ist dann eine Aggression?“, fragte er und forderte Russland auf, die Grenze zur Ukraine zu schließen und alle „ausländischen Truppen“ abzuziehen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow schlug vor dem Außenministertreffen in Berlin vor, die bereits im September vereinbarte Trennlinie zwischen den Konfliktparteien nun tatsächlich umzusetzen. Die prorussischen Separatisten hätten zugestimmt, schwere Waffen hinter diese Linie zurückzuziehen, sagte er vor Beratungen mit seinen Kollegen aus der Ukraine, Frankreich und Deutschland in Berlin. Von einem Rückzug der Rebellen aus den von ihnen in den letzten Tagen eroberten Gebieten sagte er allerdings nichts.

Was ist „Neurussland“?

Neuer Streit um ein historisches Gebiet

In der Ostukraine haben prorussische Separatisten im Mai ihre „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk zu „Neurussland“ vereinigt. Auch Russlands Präsident Putin verwendete mehrfach diese Bezeichnung. Sie hat einen historischen Ursprung.

Feldzüge gegen Türken

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde ein Militärbezirk nördlich des Schwarzen Meeres so genannt. Neurussland reichte damals von Bessarabien (heute die Republik Moldau) bis zum Asowschen Meer. Zentrum war Krementschuk, etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Zur Zeit der Feldzüge gegen die Türken und das Krim-Khanat sollte die Ansiedlung russischer und ukrainischer Bauern sowie ausländischer Siedler das Grenzgebiet stabilisieren.

Auflösung nach Eroberung der Krim

1764 bildete Zarin Katharina die Große das „Neurussische Gouvernement“. Nach der Eroberung der Krim verlor Neurussland seine strategische Bedeutung und wurde rund 20 Jahre nach der Gründung wieder aufgelöst. Zar Paul I. bildete 1796 erneut ein kurzlebiges Verwaltungsgebiet Neurussland um den Hauptort Noworossisk, dem heutigen Dnjepropetrowsk.

Deutsche Siedler

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein russisches „Generalgouvernement Neurussland-Bessarabien“ geschaffen. Von 1818 bis etwa 1880 wurden wieder ausländische Siedler angeworben. Auch aus deutschsprachigen Gebieten kamen viele Menschen in die Steppen Neurusslands. Die Dörfer dieser „Schwarzmeerdeutschen“ existierten bis zu den Deportationen in der Stalin-Zeit.

Poroschenkos Delegation in Davos präsentierte Material, das Geländegewinne der Rebellen seit der Waffenruhe belegen sollte. Diese Angaben würden auch von Aufnahmen westlicher Spionagesatelliten bestätigt, hieß es. Nach ukrainischen Angaben eroberten die Rebellen in Verletzung des Waffenstillstandsabkommen im September 500 Quadratkilometer Gebiete.

Der Kommandeur des US-Heeres in Europa, Generalleutnant Ben Hodges, sagte in Kiew, die Separatisten hätten von September bis Dezember doppelt so viel russische Waffen erhalten. „Es ist unbestreitbar, dass sie direkte Unterstützung von Russland bekommen“, fügte er hinzu.

Lawrow sagte, der Rückzug der Artillerie werde dazu beitragen, die Kämpfe um den Flughafen der Rebellenhochburg Donezk wieder einzudämmen. Die ständigen Verletzungen des Waffenstillstands in der Ostukraine lägen darin begründet, dass die im September vereinbarte Trennlinie und Pufferzone nicht respektiert würden.

Präsident Wladimir Putin habe seinem ukrainischen Kollegen Poroschenko in einem Brief vorgeschlagen, sich an der ursprünglich ausgehandelten Trennlinie zu orientieren, obwohl die derzeitige Frontlinie wegen Geländegewinnen der Rebellen davon abweiche. „Wir müssen das ursprüngliche Ziel erreichen: die Zivilbevölkerung zu schützen“, sagte Lawrow.

Moskau bestreitet, dass es die Separatisten mit Soldaten und Waffenlieferungen unterstützt. Neben dem Donezker Flughafen ist insbesondere die Region Lugansk umkämpft. Poroschenko kürzte wegen der Kämpfe seinen Aufenthalt in Davos ab.

Von

ap

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

21.01.2015, 19:49 Uhr

Kiew sieht Ostukraine von 9000 Russen besetzt

Das laufe auf eine Besetzung von sieben Prozent des ukrainischen Staatsgebiets hinaus.

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Russland begeht einen sehr riskanten Einsatz für den Weltfrieden !




Account gelöscht!

21.01.2015, 19:56 Uhr


Man könnte ebenso so mancher vergleich ziehen zu ehemalige europäische Politiker...

die Friedenstauben haben frei gelassen und gleichzeitig

sich auf kriege innerhalb Europas vorbereitet hatten.




Herr Peter Noack

22.01.2015, 07:57 Uhr

Wenn die Ostukraine 1/4 der ukrainischen Fläche umfasst, muss jeder russische Soldat 16 km², eine Gruppe zu zehnt 160 km². eine Kompanie mit 100 Mann 1.600 km² usw. kontrollieren. Wie machen die das? Ist denn kein Spähtrupp vorhanden, der so einen Soldaten der regulären russischen Armee schnappen und der versammelten Weltpresse präsentieren kann? Was hat die Ukraine nur für Streitkräfte?

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