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25.02.2017

10:41 Uhr

Polen nach dem Brexit-Referendum

„Ist das noch ein Ort für mich?“

Polnische Einwanderer fürchten wegen des Brexits um ihre Existenz. Trotz Unsicherheit und Rassismus wollen viele vorerst in Großbritannien bleiben. Einige hielten es aber nicht aus und verließen das Königreich.

Der Rassismus in Großbritannien wird besonders gegen polnische Einwanderer deutlich. Hier protestieren Polen wegen der Ermordung von Arkadiusz Jozwik, der aufgrund seiner polnischen Nationalität erschlagen wurde. dpa

Schweigemarsch für getöteten Polen

Der Rassismus in Großbritannien wird besonders gegen polnische Einwanderer deutlich. Hier protestieren Polen wegen der Ermordung von Arkadiusz Jozwik, der aufgrund seiner polnischen Nationalität erschlagen wurde.

Krakau/LondonNur einen Tag nach der Brexit-Abstimmung stieg Marietta L. in den Flieger zurück nach Polen. Mehr als ein Jahr hatte die 26-Jährige in London gearbeitet. Obwohl sie wegen ihrer Hochzeit nach Polen zurückkehren wollte, fiel auch das Brexit-Votum ins Gewicht. „Ich war schon sehr erleichtert, als ich im Flieger saß“, sagt die junge Polin. Sie habe sich in England nicht mehr willkommen gefühlt. „Wenn sie mich hier nicht haben wollen - dann eben nicht, dachte ich.“

Eine strengere Kontrolle über die Einwanderung von EU-Bürgern war eines der Hauptthemen im Wahlkampf vor dem Referendum über den Austritt. Mit fast einer Million bilden Polen die größte Gruppe der EU-Ausländer im Vereinigten Königreich. Als ihre Heimat 2004 der EU beitrat, reisten sie ein, auf der Suche nach Arbeit. Die meisten polnischen Einwanderer sind im Gastgewerbe oder in der Landwirtschaft tätig. Auch Marietta konnte nach ihrem Architektur-Studium in Polen in ihrer Heimat keine Anstellung finden. „In London hat es dann gleich geklappt“, sagt sie.

Brexit-Auswirkungen: Deutlich weniger Zuwanderung nach Großbritannien

Brexit-Auswirkungen

Deutlich weniger Zuwanderung nach Großbritannien

Seitdem eine Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat und Pläne zur Begrenzung der Zuwanderung veröffentlicht wurden, hat der Zuzug von Ausländern stark abgenommen.

Dort arbeitete die Polin mit vielen Spaniern, Italienern und Portugiesen zusammen. Die anderen EU-Staatler seien ebenfalls wegen der schwierigen Arbeitsmarktsituation in ihren Heimatländern nach Großbritannien gekommen. „Das Referendum hat uns alle gleichermaßen erschüttert“, erinnert sich Marietta. „Schließlich repräsentierte es die Meinung der meisten Briten“, fügt sie hinzu. „Wir fühlten uns unbehaglich.“

Zurück im südpolnischen Krakau machte sie sich im Sommer mit einer eigenen Architekturfirma selbstständig. Damit zählt Marietta zu den Rückkehrern, in die Polens Regierung nach dem Brexit-Referendum große Hoffnungen setzt. Mit dem im Ausland erworbenen Know-how sollen sie den polnischen Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen.

Insgesamt scheint das Land für junge Polen attraktiver zu werden. Immer weniger junge Menschen wollen jüngsten Umfragen zufolge ihr Glück im Ausland suchen. Das Durchschnittseinkommen erreichte Ende 2016 ein Rekordhoch. Mit rund 1080 Euro im Monat fällt es im EU-Vergleich dennoch niedrig aus. Für Polen, die bereits in Großbritannien leben, ein Grund nicht voreilig zurückzukehren.

Trotz großer Verunsicherung durch die Brexit-Wahl dürften die meisten von ihnen zunächst bleiben, sagen zumindest Experten des Warschauer Instituts für Internationale Beziehungen (PISM) voraus. „Sie sind der Meinung, Großbritannien schade sich mit ihrer Ausweisung vor allem selbst“, sagt die Politikwissenschaftlerin Karolina Boronska-Hryniewiecka.

Wie geht es weiter beim Brexit?

EU-Austrittsgesetz

Das britische Parlament muss dem EU-Austrittsgesuch zustimmen. Das hat das höchste britische Gericht so entschieden. Ein entsprechendes Brexit-Gesetz soll nach dem Wunsch der Regierung bis zum 7. März durch beide Kammern gebracht werden.

Austrittserklärung

Spätestens am 31. März will Premierministerin Theresa May den Europäischen Rat offiziell vom Austrittswunsch in Kenntnis setzen. Das ist Voraussetzung für Austrittsverhandlungen.

EU-Mandat

Sobald das Schreiben aus London eintrifft, zurrt die Rest-EU in drei Schritten ihre Verhandlungslinie fest: Ein Sondergipfel der 27 Staats- und Regierungschefs beschließt drei bis fünf Wochen später Leitlinien. Auf dieser Basis schlägt die EU-Kommission den Start der Verhandlungen und ein Mandat vor und lässt es vom Rat bestätigen.

Verhandlungen

EU-Chefunterhändler Michel Barnier und sein Team von gut 20 Experten geben sich 18 Monate für die eigentlichen Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens und Übergangsregelungen, also etwa bis Oktober 2018.

Ratifizierung

Auf EU-Seite muss das Austrittsabkommen vom Europaparlament gebilligt und dann vom Rat angenommen werden – und zwar ohne Großbritannien. Premierministerin May will den Vertrag auch dem britische Parlament vorlegen.

Fristende

Das ganze Verfahren muss binnen zwei Jahren nach dem offiziellen Austrittsgesuch abgeschlossen sein, in dem Fall also wohl bis Ende März 2019.

Viele streben nun ein dauerhaftes Bleiberecht an, um sich abzusichern. Die Zahl der Anträge stieg rasant. Die Bewilligung sei aber nicht garantiert, warnt die PISM-Expertin. „Es kann sich herausstellen, dass ein Großteil der Menschen, die sich in Sicherheit wähnten, sich nicht qualifiziert“, sagt Boronska-Hryniewiecka. Denn wie der Brexist im Detail abgewickelt wird, ist noch Gegenstand langwieriger Verhandlungen.

Nach neun Jahren in Großbritannien spielt auch die Polin Kalina Pulit mit dem Gedanken, zurück in ihre Heimat oder in ein anderes EU-Land zu gehen. Sie bedrückt vor allem die zunehmend angespannte Stimmung. „Der Brexit war nur der Gipfel“, meint die Künstlerin. Steigende Lebenshaltungskosten hätten die Menschen seit Längerem unzufriedener gemacht, nach dem Votum habe die Aggressivität spürbar zugenommen. „Es wirkt, als diente der Brexit vielen als Legitimation, ihren Rassismus offen zu zeigen“, sagt Kalina, die eigentlich die Multikulturalität Londons angezogen hatte.

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Schon kurz nach dem Votum fanden sich in mehreren Städten rassistische Schmierereien, Polen wurden als „Parasiten“ beleidigt, die Zahl der fremdenfeindlichen Übergriffe stieg. Nicht nur gegen Polen, wie Kalina schildert. In einem Londoner Bus schüttete ein Mann über einer Frau im Hidschab sein Bier aus. Nur einer von vielen Übergriffen, die Kalina in den letzten Monaten miterlebt hat.

Trotzdem kann sie den Entwicklungen auch etwas Positives abgewinnen: „Die jungen Leute hat das Referendum zusammengeschweißt“, sagt sie und zählt Bewegungen gegen den EU-Austritt auf. Ob es sie zum Bleiben bewegt? Kalina ist sich nicht sicher. „Ich fühle mich hier nicht so gewollt, wie ich es gerne wäre“, sagt sie. „Immer öfter frage sie sich: Ist das noch ein Ort für mich?“

Von

dpa

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