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09.12.2011

15:36 Uhr

Politbarometer

Griechische Stalinisten im Höhenflug

VonGerd Höhler

Die Euro-Krise polarisiert: Die Griechen schätzen ihren neuen Premier, trauen ihm aber nicht die Lösung der Probleme zu. Immer mehr werfen sich linksradikalen Parteien in die Arme, die einen Austritt aus der EU fordern.

Nicht nur die Presse mag ihn. 60 Prozent der Griechen äußern eine positive Meinung zu Lucas Papademos. Reuters

Nicht nur die Presse mag ihn. 60 Prozent der Griechen äußern eine positive Meinung zu Lucas Papademos.

Knapp vier Wochen nach seinem Amtsantritt ist der parteilose griechische Premier Lucas Papademos der populärste Politiker des Landes: 60 Prozent der Griechen äußern eine positive Meinung zu Papademos. Das zeigt die am Freitag veröffentlichte Dezember-Ausgabe des „Politbarometers“, einer allmonatlich vom Meinungsforschungsinstitut Public Issue für die Athener Zeitung „Kathimerini“ erhobenen Umfrage.

Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der am 11. November als Ministerpräsident vereidigt wurde und das Land vor dem drohenden Staatsbankrott retten soll, hat damit gegen dem Vormonat sogar fünf Prozentpunkte zulegen können. Zugleich äußern sich aber 81 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Arbeit der von Papademos geführten Drei-Parteien-Regierung.

Und immer weniger Griechen trauen dem neuen Regierungschef zu, dass er die wachsenden Finanzprobleme Griechenlands in den Griff bekommen kann: 53 Prozent der Befragten glauben das nicht. Im Vormonat zweifelten nur 35 Prozent daran.

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Die Schuldenkrise hat Griechenland den steilsten wirtschaftlichen Einbruch seit Ende des Zweiten Weltkriegs beschert. Im 3. Quartal ging die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent zurück. Das Land befindet sich bereits im vierten Rezessionsjahr, und auch 2012 wird das Bruttoinlandsprodukt weiter schrumpfen.

Die Arbeitslosigkeit lag im September bei 17,5 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen betrug die Quote sogar 46,6 Prozent. Jene, die noch einen Job haben, müssen sich einschränken: nach Berechnungen des gewerkschaftsnahen Instituts für Arbeit sind die Löhne und Gehälter im Privatsektor in diesem Jahr um durchschnittlich elf und im öffentlichen Dienst um 20 Prozent gefallen. Zum 1. Januar kommen weitere Einschnitte auf die Bevölkerung zu: Der Wegfall von Freibeträgen bei  der Einkommensteuer und eine Solidaritätsabgabe werden die Nettoeinkommen und Renten um weitere 2,5 bis fünf Prozent schmälern.

Kein Wunder, dass die Krise zu tiefen Verwerfungen in der politischen Landschaft Griechenlands führt. Einen steilen Absturz erleben jetzt vor allem der vor vier Wochen zurückgetretene Ex-Premier Giorgos Papandreou und seine Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok). Papandreou ist laut Politbarometer der mit Abstand unpopulärste Spitzenpolitiker des Landes. Nur noch zwölf Prozent haben eine positive Meinung von ihm, 86 Prozent äußern sich negativ.

Ähnlich rasant ist der Niedergang der Pasok. Nachdem die Partei bei der Wahl vom Oktober 2009 noch 44 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte, kommt sie bei der so genannten Sonntagsfrage jetzt nur noch auf 15,5 Prozent. Die konservative Nea Dimokratia steht in der Umfrage zwar als stärkste Partei da. Mit einem Stimmenanteil von 30 Prozent bleibt sie allerdings um fast vier Prozentpunkte unter ihrem Wahlergebnis von 2009. Überdies würde das nicht zu einer regierungsfähigen Mehrheit reichen, wenn am kommenden Sonntag Wahlen stattfänden.

Kommentare (11)

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Pluto

09.12.2011, 16:35 Uhr

Wenn wundert es, das gleiche würde auch in unserem Land passieren. Wenn es jedem einzelnen extrem ans Geld, und dem Lebensstandart geht, dann wendet man sich halt den anderen zu. Wenn es bei uns eine gemäßigte Contra EUROEuropapartei geben würde, mit entprechenden Bekanntheitsgrad, würde die locker auf 15% kommen.

stavros

09.12.2011, 17:19 Uhr

Papadimos ist sehr populär, aber seine Regierung ganz und gar nicht; paradox? Nein, denn es ist ja überhaupt nich "seine" (im Gegensatz zu dem, was in Italien mit Monti passierte). Die meisten Minister kommen aus der alten Papandreou-Regierung, mit erwiesener Inkompetent und katastrophalen politischen "Leistungen". Das war der faule Kompromiss, mit dem die total abgewirtschafteten etablierten Parteien ihr politisches Überleben zu sichern versuchen. M.a.W. Papadimos "darf" nicht einen Minister selbst wegen krassen politischen Fehlverhaltens (wie neulich geschehen mit dem Polizeiminister) entlassen. Leider! Nun zur Demokratischen Linken mit ihren angeblichen 9,5%: das ist praktisch nichts anderes als ein Sammelbecken für unzufriedene Pasok-Wähler. Und was den Syriza betrifft, so gibt es dort eine Menge Europa-Opportunisten, die u.a. bestens verstanden haben, von üppigen EU-Subventionen richtig reich zu werden (nicht immer sehr legal...). Mithin, bleibt weit weniger als 1/5 der scheinbaren "Wähler", die antieuropäisch denken bzw. wählen würden. Was die Drachmen-Nostalgiker betrifft, so gehören dazu nicht nur Linksdogmatiker, sondern auch mehrere einheimische Wirtschafts-Haie, die ihre sagenhaften Profite in euros außer Landes geschafft haben und bei einer Rückkehr zur (dann sehr stark abgewerteten) Drachme etliche "Filetstücke" im Lande liebend gerne für "ein Appel und ein Ei" kaufen würden.
STAVROS

Account gelöscht!

09.12.2011, 17:22 Uhr

Ihre information ueber die europaische position der drei groessten parteien der Linke ist leider falsch. Nur die orthodox stalinistische partei, die KP, mit 13,5% der stimmen, will Griechenland's Austritt aus dem Euro. Die anderen zwei, die Linksallianz Syriza, mit 14%, und die Demokratische Linke, mit 9,5%, wollen beide dass Griechenland in der Eurozone bleibt, aber beide stehen gegen den sehr schaedlichen massnahmen die von der Troika und der frueheren griechischen regierung Papandreou's vereinbart und durchegesetzt worden sind. Das ist der grosse, und sehr wichtige, Unterschied, von dem Deutschland nicht richtig informiert ist oder wird.
Die politische position dieser zwei pateien der Linke, unterscheidet sich kaum von der position von Helmut Schmidt, oder der SPD. Bitte informieren sich besser.
Sogar der titel des artikels ist irrtuemlich. Die stalinistische partei ist doch etwas gestiegen in ihren zahlen, aber es sind die anderen zwei parteien, die Europa freundlich sind, die enorm gestiegen sind in der griechischen bevoelkerung.

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