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28.03.2014

06:26 Uhr

Politologe Thomas Berger

„Japan hasst es, mit Deutschland verglichen zu werden“

VonFinn Mayer-Kuckuk

Japan hatte im Zweiten Weltkrieg große Teile Chinas besetzt und Gräueltaten verübt. Muss Japan mehr Einsicht zeigen, um Chinas Vergebung zu verdienen? Interview mit dem Politologen Thomas Berger über diese Streitfrage.

Japans Regierungschef Shinzo Abe  – hier bei einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam – ist überzeugt, dass ein Mangel an Patriotismus sein Land schwächt. dpa

Japans Regierungschef Shinzo Abe – hier bei einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam – ist überzeugt, dass ein Mangel an Patriotismus sein Land schwächt.

Der Politologe Thomas Berger erforscht Vergangenheitsbewältigung in Japan, Deutschland und China. Sein Buch „War, Guilt and Politics After World War II“ gilt als Standardwerk zu diesem Thema. Neben einer Professur an der Boston University hält er Forschungspositionen in Japan. Anlässlich des Besuchs von Präsident Xi Jinping in Berlin erklärt er, warum China die Deutschen in den Konflikt mit Japan hineinziehen will.

Herr Berger, China fordert von Japan, sich bei der Vergangenheitsbewältigung an Deutschland zu orientieren. Ist Deutschland ein angemessenes Vorbild?
Die Japaner hassen es, mit den Deutschen verglichen zu werden. Es unterstellt, dass sie den internationalen Goldstandard für die Annahme von Schuld nicht erreichen. Tatsächlich finden sich viele Unterschiede. Nanjing und Einheit 731 (zwei Schauplätze von Gräueltaten der japanischen Armee, d. Red.) waren nicht Auschwitz, so schrecklich sie auch waren. Die Politik in China und Korea nutzt zudem antijapanische Gefühle für politische Zwecke.

Verstehen die Asiaten überhaupt die Vorgänge in Europa?
Die deutsche Vergangenheitsbewältigung war ein deutlich komplexerer und schwierigerer Prozess, als er in China und Korea wahrgenommen wird. Dennoch gibt es viele Lektionen, die Japan von der europäischen Erfahrung lernen könnte. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass gegenseitige Animositäten gezähmt werden können.

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Zeigt der Wunsch Xis, das Thema in Berlin anzusprechen, einen Trend, die Auseinandersetzung ins Ausland zu tragen?
In der Tat, das tut er. Die Chinesen und Koreaner versuchen, Japan international an den Pranger zu stellen und es unzuverlässig erscheinen zu lassen. Zum Teil sind sie dabei erfolgreich. Das liegt einerseits daran, dass die japanische Gegenstrategie so untauglich ist. Andererseits verfolgt die Regierung Abe wirklich einen revisionistischen Kurs.

Abe ist Nationalist, oder?
Ja. Er ist vermutlich die nationalistischste japanische Führungspersönlichkeit seit seinem Großvater Kishi. Vielleicht sogar ist er sogar noch nationalistischer. Abe ist davon überzeugt, dass Japan unter schwachem Nationalstolz leidet, und dass der Mangel an Patriotismus das Land schwächt – gesellschaftlich, wirtschaftlich und militärisch. Er will den Riss zwischen Volk und Staat wieder kitten, den er als Machenschaft der Amerikaner nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg sieht. Die Verbreitung eines positiven Geschichtsbilds ist ein wichtiges Werkzeug dafür. Deshalb zeigt Abe so große Entschlossenheit.

Und schadet dabei nebenbei den Beziehungen zum großen Nachbarland China.
Er hegt Ansichten, die ganz klar nationalistisch sind und Japans Beziehungen zum Rest der Welt massiv schaden. Es ist schwer zu sagen, was als nächstes passieren wird. Ich hoffe, dass die Pragmatiker unter seinen Beratern die Oberhand gewinnen.

Kommentare (7)

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28.03.2014, 08:17 Uhr

"Abe ist davon überzeugt, dass Japan unter schwachem Nationalstolz leidet, und dass der Mangel an Patriotismus das Land schwächt – gesellschaftlich, wirtschaftlich und militärisch."
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Gut gesagt! Das gleiche gilt für Deutschland. Die Art von "Demut", die Deutschland penetrant wie eine Monstranz vor sich herträgt, erzeugt nämlich keine Achtung bei anderen Völkern, sondern macht uns zur Lachnummer auf dem Globus. Man muß den Patriotismus ja nicht gleich übertreiben, wie es in den USA üblich ist. Aber eine *moderate* Version davon plus etwas mehr Selbstbewußtsein (angesichts unserer wirtschafltichen Leistung wäre das durchaus angemessen) täte diesem Land besser, als sich abzuschaffen. Es ist nicht normal, daß ein Industriegigant wie Deutschland katzbuckelt (Immerwährende Schuld lt. manchen Politikern? Lächerlich!) und sich servil und zahlungsbereit gibt, während wirtschaftliche Nullen wie Griechenland vor verfehltem Stolz (Auf was eigentlich? Auf die perfektionierte Kunst des Schnorrens?) bald platzen.

Shinzo Abes Weg ist also nicht so falsch, wie manche suggerieren möchten. Von ihm könnten sich unsere Politiker mal eine Scheibe abschneiden und sich so wieder etwas ihrem Amtseid "zum Wohle des deutschen Volkes" annähern!

Account gelöscht!

28.03.2014, 09:14 Uhr

mj

Account gelöscht!

28.03.2014, 09:21 Uhr

An Frau Merkel kann man amS gut sehen, wie Politiker in reifen Demokratien handeln sollten; besonnen und überlegt, abseits des Getuschels der Wichtigtuer und Minderleister, fernab von latenten Vorurteilen mit ihren immer gleichen Reflexen, realitisch, dem konkreten Problem und auch der Empathie verpflichtet. Vielleicht gehts uns auch deswegen "besser" als den "stolzen" Griechen oder Japanern. Vernetztheit sichert den Frieden; Hilfe kommt auch immer zurück.

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