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09.01.2015

21:22 Uhr

Polizei beendet Geiselnahmen

Frankreich erwacht aus einem Alptraum

VonThomas Hanke

Mehr als zwei Tage haben drei Attentäter Frankreich in Atem gehalten. Doch das Land lässt sich nicht auf die Provokation des Terrors ein. Hollande und die Franzosen verzichten auf Hysterie und aggressive Reaktionen.

ParisDas unglaubliche Drama, bei dem drei Terroristen über drei Tage hinweg Tausende Polizisten mobilisiert haben, ist beendet worden, die Täter sind tot. Bevor der Attentäter in Paris getötet werden konnte, hat er noch vier Geiseln ermordet. Eins haben die Terroristen mit ihrer Aktion erreicht: Sie waren nur zu dritt, wenn man von den Unterstützern absieht, und konnten dennoch nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa fast 60 Stunden lang in Atem halten.

Doch ihr größeres politisches Ziel, die französische Gesellschaft zu destabilisieren, eine Welle von Hass auf die Muslime auszulösen, haben sie nicht erreicht. Viele Medien außerhalb von Frankreich reden von einem Land im Ausnahmezustand. Das trifft jedoch nur für die äußeren Faktoren zu. Der Staat hat die höchste Stufe des Anti-Terrorplanes ausgelöst. Auch der Präsident hat sich häufiger denn je an die Nation gewandt, erneut am Freitagabend.

Auf dem Arc de Triomphe in Paris strahlt die Solidaritsätsbekundung mit den Opfern der Attentate. ap

Auf dem Arc de Triomphe in Paris strahlt die Solidaritsätsbekundung mit den Opfern der Attentate.

Dabei traf er übrigens genau den richtigen Ton, ist nicht in Alarmismus verfallen, hat keine martialischen Reden gehalten und auch nicht ansatzweise versucht, aus der Lage politisches Kapital zu schlagen. Seine Landsleute hat er darauf vorbereitet, dass die Gefahr nicht vorbei ist: „Frankreich ist weiterhin ein Ziel der Terroristen“. Gleichzeitig hat er sie aufgefordert, jede Form von Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen – und klarzumachen, dass die Terroristen nichts mit dem Islam zu tun haben. Für einmal muss man sagen: Chapeau, Hollande!

Frankreich ist kein Land in Hysterie, es gibt keine Paranoia. Mit beeindruckender Gelassenheit reagieren die Pariser auf die Ereignisse in ihrer Stadt. Als die Geiselnahme im Supermarkt an der Porte de Vincennes im Osten der Hauptstadt lief, kam in der Métro lediglich die lakonische Durchsage: „Auf Bitte des Polizeipräfekten halten die Züge der Linie 1 nicht an der Station Porte de Vincennes“. Panik sieht anders aus.

Anschläge von Islamisten in Frankreich

Dezember 2014

Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Polizisten verletzt. Die Ermittler gehen von einer radikalislamisch motivierten Tat aus. Der Überfall erinnere an Taten, zu denen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufrufe.

Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz in mehreren französischen Städten erschießt die Polizei den 33-jährigen Dschihadisten Jeremy Sidney in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sidney und seine Kumpane werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012

Der Attentäter Mohamed Merah erschießt in einer Mordserie insgesamt sieben Menschen. Unter ihnen waren drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Augenzeugen berichten, der Täter habe mit einer Minikamera gefilmt und sei geflohen. Bevor der Mann nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet wurde, hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger und Mudschaheddin (Gotteskrieger) bezeichnet.

November 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes „Charlie Hebdo“. Es brachte am gleichen Tag ein Sonderheft zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien heraus und hatte sich dazu in „Scharia Hebdo“ umbenannt. Als Chefredakteur war „Mohammed“ benannt worden. Das Magazin hatte 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Dänemark nachgedruckt und bereits in dem Zusammenhang Drohungen und eine Klage erhalten.

Sicher, nicht alle haben so cool reagiert. Es gibt Ausgeflippte und Trittbrettfahrer. In den vergangenen Tagen gab es Angriffe auf Moscheen, und nach dem Ende der Geiselnahme hagelte es Drohanrufe bei der Polizei, offenbar von Sympathisanten der Terroristen, die zumindest verbal den Tod ihrer kriminellen Idole rächen wollen.

Dennoch ist Frankreich während dieses langen Dramas ein Land geblieben, das nicht überreagiert. Unsere Nachbarn haben eine politische Kultur bewiesen, die man nur bewundern kann. Das höchste Maß an Erregung habe ich am Freitag in einem Café erlebt, als ein Franzose sagte: „Also so etwas hat es in Frankreich ja wirklich noch nie gegeben.“ Der Mann verdient den Nobelpreis für Understatement.

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