Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.04.2016

14:59 Uhr

Polizei räumt Protestcamp

Pariser Nachtwachen als Aufschrei einer Generation

Die Behörden haben den Platz der Republik in Paris geräumt, doch die Demonstranten wollen weiter die Nächte durchhalten. Frankreichs Jugend rebelliert gegen das aus ihrer Sicht blockierte System.

Französische Polizisten haben das Camp auf dem Place de la République aufgelöst. AFP; Files; Francois Guillot

Verlassenes Protestcamp in Paris

Französische Polizisten haben das Camp auf dem Place de la République aufgelöst.

ParisEs scheint etwas in Bewegung auf dem Pariser Platz der Republik. Seit gut eineinhalb Wochen drängen sich Nacht für Nacht Hunderte Menschen auf diesem symbolträchtigen Ort im Herzen der französischen Hauptstadt, diskutieren, feiern, demonstrieren. „Nuit debout“ - Nacht im Stehen - lautet das Motto, und es ist auch als Appell zu verstehen, aufzustehen gegen Missstände im Land. Wohin die spontane Protestbewegung führt, das ist die große Frage dieser Tage in Frankreich.

„Was das auszulösen wird, weiß ich nicht“, sagt der Rentner Laurent, der Sonntagabend „aus Neugier“ das Protestcamp besuchte. „Aber man sieht, dass das Ereignis an Reichweite gewinnt. Und das beginnt, die Politik zu beunruhigen.“

Am Anfang standen die Proteste von Schülern und Studenten gegen die Arbeitsmarktreform der sozialistischen Regierung. Doch auf dem abends zum Bersten vollen Platz wird längst viel breiter diskutiert. In Kleingruppen geht es um die „Panama Papers“, das Klima, das Prostitutionsgesetz. Es sind Szenen, die an Occupy Wall Street erinnern und an die Anfänge der Indignados-Proteste in Spanien.

Frankreich und Deutschland: Enge Partner in unterschiedlicher Lage

Wirtschaft

Bei der Wirtschaftslage liegen zwischen den beiden Seiten des Rheins Welten. In Frankreich ist der Konjunkturmotor nach der Finanzkrise nicht wieder so recht in Fahrt gekommen, in den vergangenen beiden Jahren lag das Wachstum mit 0,2 und 1,2 Prozent spürbar niedriger als in Deutschland (1,6 und 1,7 Prozent). Richtig dramatisch tief ist der Graben am Arbeitsmarkt: In Frankreich sind 10,2 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Job; die Quote ist nach Eurostat-Zahlen mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland (4,3 Prozent).

Flüchtlinge

Während Deutschland zum Zielland für Hunderttausende geworden ist, spürt Frankreich die Flüchtlingskrise deutlich weniger. Die Flüchtlingsbehörde registrierte 2015 knapp 73.500 Asyl-Erstanträge, 23,9 Prozent mehr als im Vorjahr. In Deutschland waren es fast 442.000, gut 150 Prozent mehr als 2014 – und viele Anträge waren da wegen des Andrangs noch gar nicht aufgenommen worden.

Demografie

In Deutschland bringt jede Frau im Schnitt 1,47 Kinder zur Welt. In Frankreich liegt die Geburtenquote dagegen bei zwei Kindern pro Frau, der höchste Wert in der EU. Das hat langfristig Auswirkungen beispielsweise auf Arbeitsmarkt und Rentensysteme, Wohnungsbedarf und Bevölkerungsentwicklung.

Staatshaushalt

Frankreich reißt seit Jahren die Brüsseler Drei-Prozent-Grenze für das Haushaltsdefizit – auch wenn das Minus dank der Niedrigzinsen zuletzt mit 3,5 Prozent etwas kleiner ausfiel als erwartet. Die Frist für das Erreichen der Zielmarke wurde mehrfach verschoben. Der deutsche Staat dagegen nimmt derzeit mehr Geld ein, als er ausgibt.

Terror

Frankreich steht unter dem Eindruck einer blutigen Terrorserie, die mit den Pariser Anschlägen vom November einen Höhepunkt fand. Die Debatte um Sicherheit ist deshalb zentral, das Land verunsichert. Auch in Deutschland ist Terrorismus nach den Anschlägen von Paris und Brüssel Thema; das Land blieb aber bislang von Anschlägen verschont.

Es gibt keine Charta, kein Parteiprogramm und keine Anführer. Man möchte sich keine politische Ausrichtung geben, auch wenn die Medien die Bewegung häufig als links deklarieren. Überall äußert sich eine tiefsitzende Unzufriedenheit, sogar Wut auf das politische System Frankreichs.

„Frankreich befindet sich in einem Stadium der Blockade“, sagt ein 38 Jahre alter Komponist, der seinen wahren Namen nicht nennen möchte und sich deshalb als Camille vorstellt. „Ideologisch, kulturell und gemeinschaftlich. Man ist nicht mehr mit den Politikern einverstanden, und wenn man aber mit ihnen nicht mehr einverstanden ist, ist man mit dem System nicht mehr einverstanden.“

Es ist zum Teil auch der Aufschrei einer Generation, die sich ihrer Zukunftschancen beraubt sieht im Land von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 25 Prozent liegt. „Hier sind viele Studenten und Schüler, die von den Schulen kommen und keine Arbeit bekommen. Die Leute sehen einer Zukunft entgegen, die nicht existiert“, klagt Camille.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×