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12.08.2015

15:30 Uhr

Polizeigewalt in den USA

Die Karte der Toten

VonDésirée Linde

1091 Tote: So viele Menschen sind in den USA seit dem Tod von Michael Brown durch Polizeigewalt gestorben. Eine NGO sammelt Daten zu den Fällen. Sie belegen: Deren Zahl ist hoch, die Dunkelziffer noch viel höher.

teaser

DüsseldorfDie Karte ist fast komplett rot. Die ballonförmigen Standortmarkierungen bedecken fast die gesamten Vereinigten Staaten. Jeder Punkt steht für einen Ort, an dem seit dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown am 9. August 2014 Polizisten einen Menschen getötet haben. Diese Landkarte hat die US-Newsseite Vox auf Basis von Recherchen der Nonprofit-Organisation Fatal Encounters erstellt.

Die NGO hat dafür Daten aus Polizeiberichten und Medien seit 2001 zusammengetragen.

Die Karte von Vox beschränkt sich allerdings auf den Zeitraum seit dem Tod von Brown – dem diese Woche in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri gedacht wurde.

Dort war der unbewaffnete 18-Jährige vor einem Jahr von einem weißen Polizisten erschossen worden. Damals geriet die Stadt in einen Ausnahmezustand.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Der Tod Browns hatte neben den Unruhen auch eine Diskussion über offenen und latenten Rassismus in den USA zur Folge. Der Todesschütze von Ferguson wurde nicht angeklagt. In der Folge wurden zahlreiche Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA bekannt. Zum ersten Todestag von Brown kam es bei den erneuten Protesten in Ferguson wieder zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Mehrere Menschen wurden festgenommen. Die Behörden verhängten den Notstand.

1091 Treffer zeigt die Karte von Fatal Encounters. 1091 Tote innerhalb eines Jahres. Die Urheber weisen darauf hin, dass nicht immer alle Details zu Alter und Herkunft vorgelegen hätten. Einige Tötungen waren laut der NGO zwar nachweislich legal gerechtfertigt, etwa in nachgewiesenen Fällen von Notwehr ist das der Fall. Die Initiatoren gehen aber auch davon aus, dass sie von anderen Tötungen höchstwahrscheinlich gar keine Kenntnis hätten, die Dunkelziffer schätzen sie darum deutlich höher ein als die Zahl ihrer zusammengetragenen Fälle.

Nach Gedenktag für Michael Brown: Ferguson zurück im Ausnahmezustand

Nach Gedenktag für Michael Brown

Ferguson zurück im Ausnahmezustand

Schusswechsel mit der Polizei: Am Gedenktag für den vor einem Jahr erschossenen Jugendlichen Michael Brown ist es in der US-Stadt Ferguson zu heftigen Unruhen gekommen. Die Behörden haben den Ausnahmezustand verhängt.

Die meisten der nun von Fatal Encounters dokumentierten 1091 Toten starben durch Schüsse. Doch auch andere Todesursachen finden sich immer wieder: Tod bei einem Autounfall, durch Elektroschocker oder Ersticken. In weiteren Fällen sind Menschen durch Stichwunden gestorben oder dem sogenannten „Selbstmord durch Polizisten“ (suicide by cop), indem sie einen Polizisten durch ihr Verhalten in eine Notwehr-Situation bringen, in der er schließlich seine Waffe zieht und tödliche Schüsse abgibt.

Vermutlich liegt die Zahl der Tötungen tatsächlich viel höher als nun dokumentiert. Denn die Teilnahme an Programmen zur Erfassung ist für die Bundesbehörde FBI freiwillig. Gemeldet werden oft nur Todesfälle. Umstände, Hintergründe und die Frage, ob Polizeigewalt eine Rolle gespielt hat, bleiben laut Vox häufig im Dunkeln. Auch wenn die Daten von Fatal Encouters unvollständig sind, so sind sie laut dem Sender doch deutlich detaillierter als es die Polizeiberichte bisher waren.

Aus weiteren Daten der NGO, unter anderem auch einsehbar gelistet nach US-Bundesstaat, zeigt sich, dass die Zahl der Todesopfer in den vergangenen Jahren nach Polizeigewalt massiv zugenommen hat – oder eben erstmals so viele Fälle ans Licht kommen wie nie zuvor. Bis zum Jahr 2010 waren jährlich kaum mehr als 300 Fälle bekannt geworden.

Gewaltsame Zusammenstöße

Krawalle in Ferguson: Polizei erscheint in Kampfmontur

Gewaltsame Zusammenstöße: Krawalle in Ferguson: Polizei erscheint in Kampfmontur

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Kommentare (7)

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Herr Andreas Kertscher

12.08.2015, 15:55 Uhr

Das wirkliche Problem bekommt auch Europa verstaerkt zu spueren: mangelnder Respekt vor der Polizei, das Ignorieren von Anordnungen der Gesetzeshueter, die letztlich der Sicherheit aller dienen. Mit einigen wenigen Ausnahmen sind alle Todesschuesse darauf zurueckzufuehren, dass die `Opfer´ sich der Polizei widersetzt haben. Ich kann nur allen Kritikern der Polizei raten, selbst Polizist zu werden, um sich dann bei einer Verkehrskontrolle erschiessen zu lassen, weil ja immer die Polizisten die Schuldigen sind.

Herr Alexander Knoll

12.08.2015, 16:12 Uhr

Ich glaube, dass die Probleme in Europa und den USA doch schon sehr unterschiedlich sind. Wir haben in Europa keine flächendeckende Aufrüstung der Zivilbevölkerung mit Schusswaffen wie es in den USA der Fall ist. Daher ist natürlich die Anwendung von Schusswaffen durch die Polizei auch unterschiedlich geregelt. Dennoch darf der Einsatz von Schusswaffen durch die Polizei nur im absoluten Ausnahmefall erlaubt sein. Keinesfalls darf es erlaubt sein, nur weil sich jemand den Anordnungen der Ordnungshüter widersetzt, tödliche Gewalt anzuwenden. Die Hemmschwelle in den USA ist aus besagten Grund allerdings extrem niedrig. Dazu kommt, dass offensichtlich die Polizei, übrigens auch in unserem Land und in ganz Europa, sich mit dem Problem des Rassismus/rechten Gedankengut/Ausländerfeindlichkeit in den eigenen Reihen auseinandersetzten muss. Beispiele aus Deutschland gibt es durchaus, wenn auch nicht so massiv wie in den USA.

Herr Andreas Kertscher

12.08.2015, 16:30 Uhr

Ein Rassist ist jemand, der einer Rasse die Schuld an etwas gibt. Die Polizei in den USA stoppt Verkehrssuender, und nicht Schwarze. Wenn in einer Gegend 90% der Delikte von Schwarzen begangen werden, muessten auch etwa 90 % der Kontrollierten Schwarze sein. Es sind jedoch bedeutend weniger, weil viele Polizisten davor zurueckschrecken, diese zu kontrollieren, weil sie sofort als Rassisten abgestempelt werden. Wenn die Polizei nicht mehr eingreifen kann, folgt das Chaos, siehe Familienclans in Deutschland.

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