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19.12.2011

10:38 Uhr

Porträt Kim Jong Il

Dr. Seltsam und das Streben nach der Bombe

Mehr als ein Jahrzehnt stand Kim Jong Il an der Spitze Nordkoreas. Nun trat der exzentrische Herrscher, unter dem Ende der 90er Jahre eine Million Nordkoreaner verhungert sein sollen, von der großen Bühne. Ein Porträt.

Liebte die Selbstinszenierung: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il ist tot. dpa

Liebte die Selbstinszenierung: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il ist tot.

SeoulMit seinen toupierten Haaren, den Plateauschuhen und seinen aus der Mode gekommenen Blouson-Anzügen wurde Kim Jong Il gern belächelt. Doch Nordkoreas Staatschef war ein ebenso geschickter wie rücksichtloser politischer Machtmensch, der trotz Hungersnöten in seinem Land im Luxus lebte und ein umstrittenes Atomprogramm entwickeln ließ. Am Samstag starb Kim Jong Il, über den Namen wie „Verrückter mit der Bombe“, „Zombie“ oder „Dr. Seltsam“ kursierten, an einem Herzinfarkt. Erst zwei Tage später wurde die Nachricht vom Tod des „Großen Führers“ über die Staatsmedien verbreitet.

Die Gesundheit Kims gab seit mehreren Jahren Anlass zu Spekulationen: Im Jahr 2008 erlitt er aller Wahrscheinlichkeit nach einen Schlaganfall, in dessen Folge seine linke Körperhälfte beeinträchtigt war. Außerdem hatte er Berichten zufolge Nierenprobleme, Diabetes und Bluthochdruck. Genaues wusste jedoch kaum jemand: Kims Gesundheitszustand wurde wie ein Staatsgeheimnis behandelt.

Hungerland mit Atomwaffen

Einwohner und Fläche

Der abgeschottete Staat hat knapp 25 Millionen Einwohner und ist mit gut 120.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die frühere DDR.

Militärmacht

Das mehrfach von Hungersnöten erschütterte Nordkorea unterhält mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Streitkräfte Asiens.

Menschenrechte

Nordkorea zählt zu den Ländern mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt.

Diktatur seit 1948

An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur stand bis zu seinem Tod der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il. Unter der Führung seines Vaters Kim Il Sung war die „Demokratische Volksrepublik Korea“ 1948 gegründet worden. Seit einiger Zeit wurde Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un als Nummer drei der kommunistischen Dynastie aufgebaut.

Misswirtschaft und Hungerkatastrophe

Misswirtschaft ruinierte das an Bodenschätzen reiche Land. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Die meisten Einwohner sind bitterarm. 1997 führte eine durch Unwetter, Missernten und Zwangswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe zu einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind gegenwärtig sechs Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht.

Atomwaffen

Trotz der hungernden Bevölkerung haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löste Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt. Nordkoreas Propaganda berichtet von Fortschritten bei der Produktion von schwach angereichertem Uran. Die US-Regierung befürchtet, dass das Uran-Programm letztlich dem Bau von Atomwaffen dient. Für die Herstellung von Atomsprengköpfen muss hochangereichertes Uran vorliegen.

Seit seinem vermuteten Schlaganfall 2008 galt lange Zeit als ungewiss, ob der von Krankheiten gezeichnete Kim überhaupt noch die volle Kontrolle in seinem Herrschaftsbereich ausübe. Doch zuletzt hatte er nach Meinung von Beobachtern die Zügel bei den Regierungsgeschäften noch voll im Griff. Dies ändert nichts daran, dass Kims Entscheidungen auf Beobachter immer irrationaler erschienen. So etwa der Angriff auf ein südkoreanisches Marineschiff im März 2010 im Grenzgebiet zu Südkorea, bei dem 46 Soldaten starben, Nordkorea jegliche Verantwortung von sich wies. Laut CIA-Chef Leon Panetta wollte Kim Jong Il mit solch riskanten Aktionen die Glaubwürdigkeit seines Sohnes Kim Jong Un in militärischen Belangen unter Beweis stellen. Denn Kim hat seinen 1983 oder 1984 geborenen Sohn konsequent als Nachfolger aufgebaut. Im September 2010 erst hatte ihn der Diktator zum Vier-Sterne-General ernannt, in die erweiterte Führungsriege der herrschenden Arbeiterpartei gehievt und ihn somit praktisch zum Nachfolger bestimmt.

Kommentare (1)

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Peter.B.

19.12.2011, 12:05 Uhr

Was kann man von Kim Jong Un erwarten?
Er wächst auf in einer Umgebung, in der er praktisch alles darf. Er wächst auf mit der Gewissheit, daß ihm das alles irgendwann einmal gehören wird.
Er weiß, daß er ein ganz besonderer Mensch ist. Er hat immer die feinsten Speisen bekommen und durfte jede Nacht eine andere bumsen. Er bekommt seit seiner frühesten Jugend gezeigt, wie man sich auf der politischen Bühne zu bewegen hat. Von dem, was das Volk über ihn denkt bekommt er nicht mit und wenn, dann merkt er schnell, wie einfach es ist wegzuschauen von dem Elend dieser Würmer.
Mitleid, Rücksicht und Nachsicht dürfte er in seinem Leben noch nicht kennen gelernt haben.
Er dürfte eine elitäre Ausbildung haben und war in seiner Umgebung immer der Star. Der, mit dem man es sich nicht verscherzen darf. Der, der einmal der Pharao sein wird.
Was also sollte man von ihm erwarten? Sicher wird er nichts ändern um weiterhin die besten Speisen zu bekommen und jede Nacht (...Sie wissen schon).
Eine Änderung würde bedeuten, Regeln, die sein Vater und sein unantastbarer Großvater aufgestellt haben in Frage zu stellen.
Undenkbar.

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