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13.11.2013

16:06 Uhr

Post aus Düsseldorf

„Lieber Onkel Sam, Exporte sind unser Stolz“

VonJan Mallien

Das US-Finanzministerium hat mit seiner Kritik am deutschen Exportüberschuss eine Debatte losgetreten – in die sich jetzt auch die EU einschaltet. Handelsblatt Online versendet dazu einen Brief nach Amerika.

Mit besten Grüßen von Handelsblatt Online an Onkel Sam.

Mit besten Grüßen von Handelsblatt Online an Onkel Sam.

Lieber Onkel Sam, 

Deine Kritik hat gesessen. Da schreibt Dein Finanzminister einfach: „Die deutsche Exportstärke schadet der Stabilität in Europa und der gesamten Weltwirtschaft.“  Dann hauen Paul Krugman und Konsorten auf uns ein. Und jetzt auch noch Top-Ökonom Adam Posen. Der hat uns allen Ernstes als „Billiglohnland“ bezeichnet.

Du musst wissen: Die Exporte sind unser großer Stolz!  Die Brasilianer haben den Fußball, die Russen ihre Atomraketen und wir, wir haben unsere feschen Exportprodukte. Druckmaschinen aus Heidelberg zum Beispiel oder schnittige Sportwagen aus Stuttgart. Und ob Du es glaubst oder nicht: Die Arbeiter unserer Exporteure können davon richtig gut leben! Jeder Deiner Burgerverkäufer wird vor Neid erblassen, wenn er das Gehalt eines Bandarbeiters bei Porsche erfährt. 

Doch lassen wir die Emotionen für einen Moment außen vor. Das Ärgerliche ist: Du hast mit deiner Kritik nicht einmal Unrecht. Mit unseren permanenten Rekordüberschüssen im Außenhandel schaden wir uns vor allem selbst. Das will hier nur keiner hören.  

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Jahr für Jahr verkaufen wir viel mehr Güter ins Ausland als wir von dort einführen. Funkelnde Mercedes und technisch ausgefeilte Bohrmaschinen werden ins Ausland verschifft. Im Gegenzug häufen wir finanzielle Forderungen gegenüber den am wenigsten wettbewerbsfähigen Ländern an. Doch leider bergen diese Forderungen ein hohes Verlustrisiko. Das Geld landet zum Beispiel in griechischen Staatsanleihen oder am amerikanischen Hypothekenmarkt. Wenn ein Land wie Griechenland dauerhaft viel mehr Güter aus dem Ausland einkauft, als es dorthin verkauft, kann es seine Rechnungen irgendwann nicht mehr zahlen. Deshalb sind permanent hohe Überschüsse ein Problem.

Wie kommen wir aus dem Dilemma raus? Nicht indem wir unseren Exporteuren schaden. Es gibt  einen besseren Weg und der lautet:  Höhere Investitionen und mehr Importe.

Unsere Wirtschaft leidet unter Investitionsschwäche: Viele Straßen und Schulen verrotten. Wenn wir da mehr tun, hilft das auch den Importen. Lass uns am besten gleich anfangen, lieber Onkel Sam, und ein Freihandelsabkommen schließen. Verkauf uns mehr iPhones, Hollywood-Filme und Softdrinks. Nur lass bitte das Hormonfleisch und die Gentomaten weg ;)

Viele Grüße aus Düsseldorf!

Kommentare (35)

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Account gelöscht!

13.11.2013, 16:21 Uhr

Genau so ist es!
Vielen Dank an das HB für diesen Artikel!

pro-d

13.11.2013, 16:24 Uhr

"Alles, was aus Amerika kommt, ist schlecht
außer Coca Cola
obwohl man sich bei Coca inzwischen auch nicht mehr so sicher ist".

Netter Spruch, den ich hier mal gelesen hatte. Ich finde er passt sehr gut dazu, wenn unsere Freunde sich zu Europa äußern. Wenn sich ein Ami zu EUropa äußert, dann ist das so lieb gemeint, als wenn ein Schlachter sich über das Wohlergehen der Schweine äußert.

Kein Schwein kommt auf den Gedanken, den Schlachter um Rat zu fragen. Warum also hören wir auf Amerika??

Numismatiker

13.11.2013, 16:26 Uhr

Werte Amerikaner:

(...)) zieht endlich Eure Besatzungssoldaten und Geheimdienste ab.

Ansonsten stimme ich mit dem Artilel des HB vollkommen überein


Hochachungsvoll,

Numismatiker
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