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17.01.2010

10:00 Uhr

Präsidentenwahl in der Ukraine

Rückwärts in die Zukunft

VonThomas Wiede

Nach der friedlichen Revolution hoffte die Ukraine auf einen Aufbruch. Doch die führenden Politiker haben sich in Kleinkriegen aufgerieben. Heute wählt das Volk einen neuen Präsidenten. Egal, wer es wird – die Unternehmen versprechen sich keine Besserung. Sie versuchen, die Probleme auf ukrainische Weise zu lösen.

Julia Timischenko: Rückwärts in die Zukunft? ap

Julia Timischenko: Rückwärts in die Zukunft?

KIEW. Alles an Jurij Ryschenkow wirkt sehr britisch. Die Krawatte ist mit einem doppelten Windsor gebunden, der dunkelblaue Maßanzug, sein Englisch hat eine Oxford-Färbung; ein Mann mit jungenhaftem Gesicht, natürlich pflegt er britische Zurückhaltung.

Ryschenkow, 35 Jahre alt, ist Finanzdirektor von DTEK, dem größten privaten Energieversorger des Landes. Ein Vorzeigemanager, der die Welt gesehen hat und sein Unternehmen auf jeder Investorenkonferenz zu verkaufen weiß. Es ist ein Grund, warum dieser Mann in diesem modernen Konferenzraum in seiner Stadt wie ein Fremder wirkt.

Donetsk, Stadt der Malocher, ukrainische Kohle- und Stahlmetropole, die noch bis vor wenigen Jahren im Ruf stand, eine Mafia-Hochburg zu sein.

Donetsk ist Ryschenkows Heimat und der Sitz von DTEK. Ryschenkow muss sich jetzt manchmal erinnern, dass er gerne hier ist. Er hat ein Problem. Er sagt: „Wenn wir expandieren wollen, dann brauchen wir die internationalen Finanzmärkte.“ Die Ukraine ist seinem Konzern längst zu klein, er denkt global, nur sein Land macht nicht mit. Die Krise trifft das Land hart: Im vergangenen Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt um 15 Prozent eingebrochen, die Industrieproduktion um mehr als ein Fünftel. Die Unternehmen brauchen Reformen, die Menschen erwarten sie. Sie wären dringend nötig, um das wichtigste Transitland Europas für Gaslieferungen aus Russland wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren. Einen Markt vor der Haustür der EU, mit doppelt so vielen Einwohnern wie Polen. Aber es gibt keine Reformen. Ryschenkows Firma zum Beispiel hat seine Kohlegruben mit Milliardenaufwand modernisiert. Die Kraftwerke arbeiten effizienter als die der staatlichen Konkurrenten. Das Unternehmen produziert viel Strom und Kohle, genug, um zu exportieren: nach Polen oder in die Slowakei. Die Regierung aber will das nicht. Sie will, dass Ukrainer zehmal weniger für ihren Strom zahlen als etwa die Georgier, eineinhalb mal weniger als die Russen. Eine seit Jahren geplante Auktion für die Exportrechte von Strom hat sie immer wieder verschoben.

Die Investoren sind wegen all dieser Entwicklungen nervös geworden. Sie haben rund 20 Milliarden Dollar ausländisches Kapital wieder abgezogen. Die Landeswährung verlor die Hälfte ihres Wertes zum Dollar.

An diesem Sonntag wählt das Land einen neuen Präsidenten. Der Amtsinhaber und ehemalige Held der Revolution von 2004, Viktor Juschtschenko, liegt in den Umfragen bei verheerenden fünf Prozent.

Ryschenkow könnte also auf Sonntag hoffen. Er sagt: „Alle reden von Reformen, doch bis sie durchs Parlament kommen, dauert es eine Ewigkeit.“ Er, seine Firma, die Ukrainer, sie müssen andere Wege finden. Es deutet alles darauf hin, dass es eine Stichwahl geben wird, Anfang Februar: zwischen Regierungschefin Julia Timoschenko und Viktor Janukowitsch, dem vor fünf Jahren unterlegenen Kandidaten.

Kommentare (2)

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Markus Zdebik

17.01.2010, 14:36 Uhr

Die Ukraine hat ca. 8 Millionen Einwohner mehr als Polen und nicht doppelt so viel wie Polen...

Dr. Bogdan

17.01.2010, 20:45 Uhr

Völlig unverständlich, warum der Artikel nur die beiden leidlich bekannten Kandidaten Timoschenko und Janukowitsch behandelt. beide haben gleichermaßen in der Vergangenheit ihre Korruptheit, Unfähigkeit und Oligarchenhörigkeit vielfach unter beweis gestellt.

Viele sehen in dem neuen Kandidat Sergeij Tergipko (Gründer einer der größten privaten banken der Ukraine) einen Politiker neuen Typus, der dieses gespaltene Land einigen könnte.
Leider steht ihm kein gigantische Gratis-Medienapparat mit 1000-fach ausgestrahlten Werbesendungen zu Verfügung.

Timoschenko und Janukowitsch mißbrauchten beide in den Wochen des Wahlkampfes die jeweils von ihren Oligarchengruppen kontrollierten Massenmedien schamlos zu ihren Zwecken. Die so medial gepushten Kandidaten werden leider auch die meisten Stimmen einheimsen.

Obwohl der Kandidat Tergipko für alle Spots selbst zahlen mußte und entsprechend wenig ausgestrahlt wurden, wird er voraussichtlich den 3. Platz belegen.
Es wär an der Zeit, dass auch in deutschen Medien mehr über die WiRKLiCHEN Hoffnungsträger des Landes geschrieben wird!

Timoschenko und Janukowitsch - egal wer nun Präsident oder Premierminister wird oder bleibt - werden sich die nächsten fünf Jahre abermals gegenseitig blockieren und aus Eigeninteressen die Ukraine für weitere fünf Jahre zum politischen Stillstand verdammen.

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