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21.12.2014

21:01 Uhr

Präsidentenwahl in Tunesien

Essebsi entscheidet Stichwahl für sich

Wird ein 88-Jähriger Tunesiens neuer Präsident? Die Partei von Favorit Béji Caïd Essebsi feiert bereits den Wahlsieg. Das Lager des Rivalen Marzouki spricht von einem knappen Rennen.

Freie Wahlen in Tunesien

Essebsi erklärt sich zum Wahlsieger

Freie Wahlen in Tunesien: Essebsi erklärt sich zum Wahlsieger

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TunisDer 88-jährige Politikveteran Béji Caïd Essebsi hat einer inoffiziellen Prognose zufolge die Stichwahl um das Präsidentenamt in Tunesien gewonnen. Nachwahlbefragungen des Umfrageinstituts Sigma Conseil zeigten Essebsi am Sonntag mit 55,5 Prozent der Stimmen vor seinem Kontrahenten Moncef Marzouki, der auf 44,5 Prozent kam. Zuvor hatte bereits Essebsis Partei Nida Tunis davon gesprochen, dass der Jurist die Wahlen für sich entschieden habe. „Essesbi hat gewonnen. Der Stimmenvorsprung ist klar“, sagte sein Kampagnenleiter Mohsen Marzouk am Sonntagabend unmittelbar nach Schließung der Wahllokale in Tunis. Offizielle Wahlresultate werden am Montag oder Dienstag erwartet.

Essebsi ist ehemaliger Innen- und Außenminister, dessen Partei Nida Tunis als stärkste Kraft aus der Parlamentswahl im Oktober hervorgegangen war. 2011 diente er nach der Flucht des vorherigen Machthabers Ben Ali ins Ausland als Ministerpräsident.

Die fünf wichtigsten Parteien in Tunesien

Tunesien – Wahl 2014

In Tunesien wird am Sonntag (26.10.) ein neues Parlament gewählt. Fast vier Jahre nach dem Sturz des Langzeitherrschers Zine el Abidine Ben Ali soll damit die Demokratisierung des Landes weiter vorangetrieben werden. Nachfolgend die fünf wichtigsten Parteien und Koalitionen:

Ennahda

Die Partei wurde von Islamisten 1981 gegründet. Sie ist von der ägyptischen Muslimbruderschaft inspiriert und agierte zunächst unter dem Namen MTI (Mouvement de la Tendance Islamique). Erst nach dem Arabischen Frühling und dem Sturz Ben Alis erhielt sie einen legalen Status. Bei den ersten freien Wahlen 2011 wurde sie stärkste Kraft. Die Ennahda spricht sich für eine Regierung der Nationalen Einheit nach der Parlamentswahl aus.

Nidaa Tounes

Der „Ruf Tunesiens“ wurde 2012 gegründet. Vorsitzender ist Ex-Premierminister Béji Caïd Essebsi, der auch einer von 27 Kandidaten bei der bevorstehenden ersten freien Präsidentenwahl ist. Der agile 87-Jährige präsentiert sich als Vertreter der Moderne und als politischen Erben des Staatsgründers Habib Bourguiba.

Front Populaire

Die 2012 gegründete Allianz aus zwölf linken Parteien stand nach Morden an zwei Oppositionspolitikern an der Spitze der Proteste gegen die Ennahda, die schließlich zum Rückzug der Islamisten aus der Regierung führten.

Kongresspartei (CPR)

Die linke und säkulare Partei wird vom derzeitigen Interimspräsidenten Moncef Marzouki angeführt. Sie wurde 2001 gegründet und wie die Ennahda nach dem Arabischen Frühling legalisiert.

Republikanische Partei

2012 gegründet. Präsentiert sich als gemäßigt, modern und liberal.

Die Stichwahl vollendet den Übergang Tunesiens zur Demokratie, nachdem in dem nordafrikanischen Land 2011 der langjährige Herrscher Zine El Abidine Ben Ali im Zuge des Arabischen Frühlings gestürzt worden war. Essebsis Partei hatte zuvor bereits die Parlamentswahl gewonnen. Der alt gediegene Politiker verspricht, das Ansehen des Staats nach den chaotischen Jahren des Übergangs wieder herzustellen.

Die Wahlkommission will erste Teilergebnisse erst am Montagabend verkünden. Mehr als fünf Millionen Wahlberechtigte hatten sich für die Abstimmung registriert.

Überschattet wurde der Wahltag von einem bewaffneten Übergriff auf ein Wahllokal in der Provinz Kairouan südlich von Tunis. Dabei wurde nach Angaben des Verteidigungsministeriums in der Nacht zum Sonntag ein Angreifer getötet und ein Soldat verletzt. Extremisten hatten in einem am Mittwoch veröffentlichten Video zum Wahlboykott aufgerufen und Attacken auf Sicherheitskräfte angekündigt. Dementsprechend niedrig fiel mit 47 Prozent die Wahlbeteiligung aus.

Tunesien nach Ben Ali

Tunesien - Arabischer Frühling

Tunesien gilt als Mutterland des Arabischen Frühlings. Seit Massenprotesten mit mehr als 200 Toten und dem Sturz von Machthaber Zine el Abidine Ben Ali steckt das Land in der Krise.

17. Dezember 2010

Aus Verzweiflung über Behördenwillkür verbrennt sich ein Gemüsehändler selbst. Nach der Verzweiflungstat fordern Tausende empörte Demonstranten Reformen.

14. Januar 2011

Nach 23 Jahren an der Macht flieht Präsident Zine el Abidine Ben Ali ins saudische Exil.

20. Juni 2011

Ein Gericht verurteilt ihn wegen Veruntreuung von Staatsvermögen zu 35 Jahren Haft. Weitere Verurteilungen folgen.

23. Oktober 2011

Die unter Ben Ali verbotene Bewegung Ennahda (Wiedergeburt) um Rachid Ghannouchi gewinnt die Parlamentswahl.

13. Dezember 2011

Moncef Marzouki wird als erster demokratisch gewählter Präsident vereidigt. Ennahda-Generalsekretär Hamadi Jebali wird Regierungschef.

19. Juli 2012

Ein Gericht verurteilt Ben Ali wegen seiner Mitschuld am Tod von Demonstranten in Abwesenheit zu lebenslanger Haft.

6. Februar 2013

Vermutlich radikale Salafisten töten Chokri Belaïd, Chef einer linken Oppositionspartei.

19. Februar 2013

Jebali tritt zurück. Die Ennahda-Führung hatte sich zuvor mehrfach gegen seine Pläne für eine Expertenregierung ausgesprochen.

8. März 2013

Die gemäßigten Islamisten präsentieren ein neues Kabinett mit politisch unabhängigen Experten. Regierungschef wird der Islamist Ali Larayedh.

25. Juli 2013

Erneut wird ein Oppositionspolitiker ermordet. Hinter dem Mord an Mohamed Brahmi werden radikalislamische Kräfte vermutet.

7. August 2013

Das Übergangsparlament stellt seine Arbeit vorerst ein. Zehntausende fordern den Rücktritt der Regierung.

27. Januar 2014

Nach zwei Jahren heftigen Ringens stimmt das tunesische Übergangsparlament für eine neue Verfassung. Mit Rechten wie Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und der Gleichstellung von Mann und Frau gilt sie als wegweisend in der arabischen Welt.

28. Januar 2014

Nach langen Verhandlungen wird eine neue Regierung aus parteiunabhängigen Experten unter dem parteilosen Ingenieur Mehdi Jomaâ bestätigt.

5. März 2014

Tunesien hebt den vor mehr als drei Jahren verhängten Ausnahmezustand auf. Die Sicherheit sei durch Polizei und Armee gewährleistet, heißt es

17. Juli 2014

Bei einem Angriff militanter Islamisten auf die tunesische Armee sterben im Westen des Landes 14 Soldaten.

Etwa 100.000 Soldaten und Polizisten waren am Wahltag im Einsatz. 124 Wahllokale in Gebieten nahe der algerischen Grenze, die als unsicher gelten, öffneten später und schlossen früher.

Von

ap

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