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05.02.2016

00:10 Uhr

Premiere für die USA

Muslime dominieren erstmals einen Stadtrat

In den USA sind Muslime erstmals mehrheitlich in einem Stadtrat vertreten. Was im Rest des Landes eine Sensation ist, scheint in Hamtramck niemanden zu überraschen. Das hat einen besonderen Grund.

Der gebürtige Jeminit Saad Almasmari (rechts) isst mit einem Freund zu Mittag. Er ist der vierte Muslim, der in den Stadrat in Hamtramck gewählt wurde. Muslime dominieren damit erstmal einen US-Amerikanischen Stadrat. dpa

Premiere in den USA

Der gebürtige Jeminit Saad Almasmari (rechts) isst mit einem Freund zu Mittag. Er ist der vierte Muslim, der in den Stadrat in Hamtramck gewählt wurde. Muslime dominieren damit erstmal einen US-Amerikanischen Stadrat.

HamtramckSaad Almasmari und Anam Miah genießen ihren Hähncheneintopf mit Fladenbrot, eine jemenitische Spezialität. Die beiden Stadträte aus Hamtramck in Michigan verfolgen die Rede zur Lage der Nation von Präsident Barack Obama, die über den Bildschirm im Restaurant „Sheeba“ flimmert. Almasmari entdeckt die Kongressabgeordnete, die ihn zu diesem Anlass nach Washington einladen wollte. Sie schüttelt Obama die Hand. „Da hättest du dabei sein können“, sagt sein Kollege.

Aber der im Jemen geborene Almasmari schüttelt den Kopf - er hat an diesem Tag einen wichtigeren Termin: „Ich kann doch nicht meine erste Sitzung verpassen. Dafür wurde ich gewählt.“ Der neue Stadtrat von Hamtramck ist der vierte Muslim in dem sechsköpfigen Gremium. Damit hat die 22 000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Detroit wahrscheinlich die erste Lokalregierung in den USA mit muslimischer Mehrheit.

Gefechte im Jemen: Wer und was? (April 2015)

Die Huthis

Die Huthis sind ein schiitischer Volksstamm aus dem Nordjemen. Früher unterdrückt, etablierten sie sich mit Beginn des Arabischen Aufstands ab 2011 als politische Kraft. Im September 2014 eroberten rund 30.000 Huthis die Hauptstadt Sanaa. Vor einigen Wochen setzten sie Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und die Regierung ab. Auf der Seite der Huthis stehen beträchtliche Teile der Armee, die dem 2012 zum Abgang gezwungenen Präsidenten Ali Abdullah Salih treu geblieben sind.

Präsident Hadi

Präsident Hadi flüchtete im vergangenen Februar in die südjemenitische Stadt Aden, von wo aus er versucht weiterzuregieren. Der von den USA unterstützte Staatschef will einen Föderalstaat errichten - scheiterte aber an der Stärke der Huthis.

Ex-Präsident Salih

Ex-Präsident Ali Abdullah Salih war über 30 Jahre Herrscher im Jemen. Nach Protesten musste er Anfang 2012 zurücktreten. Die USA werfen ihm vor, das Chaos geschürt zu haben. Die UN haben Sanktionen gegen ihn verhängt. Medien berichteten über Absprachen Salihs mit den Huthis. Saudi-Arabien gewährte Salih nach dessen Rücktritt Unterschlupf. Der reiche Golfstaat hat ein großes Interesse daran, den bettelarmen Jemen unter sunnitischer Kontrolle zu halten.

Der Iran

Der Iran versucht als Rivale Saudi-Arabiens, via Sanaa einen Fuß auf die Arabische Halbinsel zu bekommen. Das schiitische Land gilt als Verbündeter der Huthi-Rebellen. Experten vermuten, der Iran unterstütze die Huthis möglicherweise finanziell, habe aber - anders als im Falle der Hisbollah im Libanon oder der schiitischen Milizen im Irak - keinen operativen Einfluss auf sie.

Saudi-Arabien

Eine von Saudi-Arabien geführte regionale Militärallianz bombardiert seit Ende März 2015 im ganzen Land Stellungen und Waffenlager der Huthis und der Salih-loyalen Truppen. Riad sieht - anders als viele Nahost-Experten - in der Miliz der schiitischen Sekte einen „Klienten“ des Iran, der auf diese Weise die Kontrolle über den Hinterhof des sunnitischen Königreichs übernehmen wolle.

Al-Kaida

Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ist der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes. Die sunnitischen Extremisten, die sich unter anderem zum Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ bekannten, galten bisher als heimliche Gewinner im Machtpoker um den Jemen. In den vergangenen Monaten bekannten sich Extremisten und bisherige Al-Kaida-Anhänger zu der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die große Teile des Iraks und Syriens kontrolliert. Trotz einer sehr ähnlichen Ideologie ist der IS mit Al-Kaida verfeindet.

Die USA verändern sich: Am Mittwoch besuchte Obama zum ersten Mal in seiner Amtszeit eine Moschee in den USA. Bei der Islamic Society in Baltimore hob der Präsident die Leistungen muslimischer Mitbürger hervor.

Für die Bewohner von Hamtramck ist es eher eine schrittweise Entwicklung als eine Sensation: Seit den 1990ern werden hier Muslime in die Stadtregierung gewählt. Von Deutschen gegründet, war Hamtramck einst vor allem wegen der Dodge-Autofabrik ein Magnet für europäische Migranten. „Wir sind heute stolz darauf, dass 26 Sprachen in unseren Schulen gesprochen werden“, sagt Bürgermeisterin Karen Majewski. „In den 1920ern waren es 60.“ Damals seien Polen die stärkste Bevölkerungsgruppe gewesen.

In Hamtramck leben dem Zensus zufolge knapp 54 Prozent Weiße - dazu werden auch Menschen aus dem Nahen Osten gezählt - 19 Prozent Afroamerikaner und 21,5 Prozent Asiaten. Einwohner schätzen, dass ein Drittel bis die Hälfte der Bewohner Muslime sind. Die ersten Muslime waren albanische Einwanderer in den 1960er Jahren, später folgten Menschen aus dem Jemen, Bangladesch und aus Bosnien. Es gibt auch Hindus und chaldäische Christen aus dem Irak.

Barack Obama: US-Präsident mahnt zum Respekt gegenüber Muslimen

Barack Obama

US-Präsident mahnt zum Respekt gegenüber Muslimen

Obama plädiert für mehr Gleichbehandlung und beruft sich dabei auf die US-Verfassung. Bei seinem ersten Besuch einer Moschee als Präsident fordert er die Bevölkerung auf, Muslime nicht unter Generalverdacht zu stellen.

Eine einheitliche muslimische Gemeinde existiere aber nicht, sagt Majewski. „Sie arbeiten nicht wirklich - eigentlich gar nicht - zusammen. Genauso wenig wie die Polen und die Italiener kooperieren.“ Sie erwartet auch nicht, dass die vier muslimischen Stadträte immer an einem Strang ziehen werden.

Als Kandidat habe Almasmari versucht, alle Bevölkerungsgruppen anzusprechen, sagt die Bürgermeisterin. „So muss das sein“, meint auch der frischgebackene Stadtrat. „Es geht nicht um eine bestimmte Religion oder Bevölkerungsgruppe.“ Seine Kampagne war klar: Ihm ging es um wirtschaftliche Entwicklung, die Schulen und das positive und friedliche Zusammenleben der Menschen in Hamtramck.

Die Autofabrik, einst Arbeitgeber für 40 000 Menschen, gibt es schon lange nicht mehr - wie Detroit hat auch Hamtramck Einwohner und Steuereinnahmen verloren. Doch die niedrigen Hauspreise ziehen Einwanderer an: „Man kann hier ein Haus kaufen und leben, egal ob man Englisch spricht oder nicht - und sich eine neue Zukunft aufbauen“, sagt Majewski. Etwaige Spannungen würden sich mit der Zeit verlieren.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

An dem verschneiten Sonntagmorgen läuten die Kirchenglocken von St Florian. Hier wird fünfmal pro Woche eine polnische Messe abgehalten. Viele Familien mit polnischen Wurzeln aus den umliegenden Vororten kämen deswegen her, sagt eine Einwohnerin, Cindy Cervenak. Etwa 200 Gläubige sind in der Kirche, ein Folklore-Chor singt.

Vierzig Minuten später ertönt von der Moschee der Ruf zum Mittagsgebet. „Was lauter ist, hängt von der Windrichtung ab“, sagt Cervenak. In dem polnischen Viertel ihrer Kindheit sind heute Jemeniten ihre Nachbarn. Überhaupt erlebt die Stadt einen ständigen Kreislauf von Zu- und Wegzug. Die meisten Albaner sind weg, auch viele Jemeniten und Bangladescher zieht es in die Vorstädte. „Hamtramck ist ziemlich gut integriert“, sagt Cervenak. „Kulturell gesehen hat jeder seine eigenen Kirchen, Moscheen und Feste.“

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Jemen

Präsident kehrt nach Erholung zurück

Nach seiner Genesung will Präsident Ali Abdullah Saleh nach Jemen zurückkehren.

In seiner ersten Stadtratssitzung diskutieren Almasmari und seine Kollegen über Reinigungsgebühren, die Grundsteuer und Schneeräumung. „Die Menschen waren froh, dass die Straßen geräumt waren“, sagt er. Die Arbeiter hatten die sechs Zentimeter Neuschnee schnell von den Straßen entfernt. Bevor er 2009 mit seiner Familie in die USA kam, hatte Almasmari noch nie Schnee gesehen. Er lernte Englisch und versuchte, sich zurechtzufinden. „Anfangs war es schwierig“, gibt er zu. „Aber wenn man das Leben hier versteht, kapiert, wie man einen Job kriegt und beginnt, die Sprache zu lernen, wird es leichter.“

Nach dem Ende der Sitzung schüttelt er viele Hände. Einen Mann begrüßt er mit Küssen auf die Wange, nach arabischer Tradition. Bevor er das Gebäude verlässt, eilt er nochmal zurück in den Sitzungssaal und schießt ein Erinnerungsfoto von seinem Namensschild auf dem Konferenztisch.

Von

dpa

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