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07.06.2017

15:07 Uhr

Presse zur Katar-Krise

„Doha ist nicht zu trauen“

VonPierre Heumann

Für die arabischen Medien ist die Krise um das Emirat Katar das Topthema. Doch die Kommentare sind alles andere als ausgewogen und spiegeln hauptsächlich die Meinung der jeweiligen Regierung wider.

Mehrere arabische Golfstaaten und Ägypten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen. dpa

Skyline von Doha

Mehrere arabische Golfstaaten und Ägypten haben die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen.

Tel AvivDie Rolle Katars steht in den arabischen Medien im Zentrum der Kommentare. Auf Twitter finden sich zwar Kurzmitteilungen „für“ oder „gegen“ Katar. Die Print- Medien übernehmen hingegen einhellig und unkritisch die Haltungen ihrer Regierungen und zeigen Katar den Weg aus der Krise. Verständnis für Katar ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sogar strafbar. Wer in den sozialen Medien, in Zeitungen oder am Fernsehen Sympathien für Katar äußert, könnte mit einer Geldstrafe von umgerechnet 120.000 Euro bestraft werden. Unverbesserliche Katar-Versteher müssen sogar mit einer Gefängnisstrafe rechnen, zitiert „Gulf News“ den Generalstaatsanwalt der VAE, Hamad Saif al-Shamsi.

Die im Emirat Sharjah publizierte Zeitung „Khaleej Times“, die dem Staat gehört, fordert von Doha, auf seine „Umarmung der Muslimbrüderschaft“ zu verzichten. In einem Leitartikel wird zudem gefordert, dass Katar den Nachrichtensender „Al Dschasira“ schließe: Es sei „bewiesen, dass der Sender die Ideologie der Muslimbrüderschaft übernommen hat und damit deren Hass gegen die VAE.“

Der Konflikt in Katar

Warum ist das Emirat Katar so wichtig?

Das Land hat nur rund 270.000 Staatsbürger - ist aber weltweit der größte Produzent von flüssigem Erdgas und teilt sich ein gewaltiges Unterwasser-Gasfeld mit dem Iran. Außerdem werden vom Luftstützpunkt Al-Udeid aus Angriffe der von den USA angeführten Anti-IS-Koalition gegen die Terrormiliz im Irak und in Syrien geflogen.

Die Rolle der Medien

Zudem ist in Katar das Nachrichten-Netzwerk Al-Dschasira ansässig, das in Verhandlungen mit Gruppierungen, von denen sich viele Regierungen lieber fernhalten, oft eine größere Rolle spielt. So half das Netzwerk beispielsweise dabei, Mitglieder der Herrscherfamilie aus einer Geiselnahme zu befreien. Außerdem sicherte Al-Dschasira die Freilassung von Geiseln im syrischen Bürgerkrieg.

Warum steht Katar im Konflikt mit den mächtigsten arabischen Ländern?

Spannungen zwischen Katar und Saudi-Arabien sind bereits vor zwei Wochen an die Oberfläche getreten. Katar gab an, dass die staatlich geführte Nachrichtenagentur und der offizielle Twitter-Account des Landes gehackt worden seien, um eine Falschnachricht zu verbreiten. Darin soll der katarische Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, den Iran eine „regionale und islamistische Macht, die nicht ignoriert werden kann“ genannt haben.

Kampagne in den Medien

Medien auf der arabischen Halbinsel ignorierten das Dementi Katars und verbreiteten weiterhin den Kommentar, während Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten den Zugang zu Al-Dschasira und mit dem Netzwerk verbundenen Seiten blockierten. Saudische Medien starteten eine aggressive Kampagne, die Katar vorwarf, Terrorgruppen mit Verbindungen zu Al-Kaida und der Terrormiliz Islamischer Staat zu unterstützen - und damit die Region zu destabilisieren und Verbündeten in den Rücken zu fallen. Weitere Medien schienen sogar einen Machtwechsel in Katar zu befürworten und warfen dem Emir vor, ein Geheimtreffen mit den Kommandeur der Iranischen Revolutionsgarde, Kassem Soleimani, abgehalten zu haben.

Vorwurf der Unterstützung der Muslimbruderschaft

Die Vereinigten Arabischen Emirate schienen wegen Katars Unterstützung von Islamisten in der Golf-Region und Libyen schon länger verärgert zu sein. Saudi-Arabien und Ägypten werfen Katar zudem vor, die als Bedrohung eingestufte Muslimbruderschaft zu unterstützen. Saudi-Arabien hält Katar außerdem vor, vom Iran gestützte Terroristengruppen in seiner Provinz Katif und dem angrenzenden Bahrain sowie Rebellen im Jemen zu fördern. Auch westliche Regierungen haben Katar vorgeworfen, sunnitische Extremisten wie den Al-Kaida-Zweig in Syrien zu dulden oder sogar zu fördern. Das Land unterstützt außerdem die Hamas im Gazastreifen.

Was sind die Konsequenzen des Streits?

Die Kappung der Verbindungen könnte für Katar längerfristige wirtschaftliche Konsequenzen haben - die sich wiederum auf Millionen von Wanderarbeitern und Auswanderern übertragen würden. Ein Großteil der Nahrungsmittel für Katar kommt aus Saudi-Arabien über die einzige Festland-Grenze Katars, die Saudi-Arabien nun aber geschlossen hat.

Risiko des Konflikts

Nach Angaben des Risiko-Beratungsunternehmens Eurasia Group ist die Gefahr eines Staatsstreiches erheblich gestiegen. Eine Änderung in der Regierung Katars könnte auch Fragen über die Zukunft des US-Luftstützpunktes aufwerfen und die Hamas ihren bisher größten Gönner kosten.

USA als Schlichter

US-Außenminister Rex Tillerson rief die Parteien dazu auf, ihre Streitigkeiten beizulegen. Saudi-Arabien hat den sich im Land aufhaltenden Katarern eine Frist von 14 Tagen gegeben, um das Land zu verlassen. Zudem sollen Saudis Katar weder bereisen oder sich dort ansiedeln. Katar zog seine Truppen aus der von Saudi-Arabien angeführten Koalition im Bürgerkriegsland Jemen zurück. Ägypten und Saudi-Arabien schlossen den Luft- und Seeraum für Katar - was vor allem die Fluglinie Qatar Airways betrifft, einen der größten Passagierbeförderer der Region. Die saudische Fluglinie Ethihad Airways, FlyDubai und die größte Fluggesellschaft im Nahen Osten, Emirates, stellten Flüge nach Katar ein.

Gibt Katar nach?

Katar bestreitet seine Unterstützung für Terroristengruppen in Syrien und anderen Länder. Und das, obwohl dem Land vorgeworfen wird, sunnitische Rebellengruppen zu fördern, die die syrische Regierung des Amtes entheben wollen. Offenbar ging katarisches Geld auch an Gruppen wie die Muslimbruderschaft. Die katarischen Herrscher zeigen sich von dem Konflikt bisher jedoch unbeeindruckt. Medien des Landes verbreiteten eine Karikatur, die sich darüber lustig machte, dass der saudische König Salman Fake News verbreite.

Katar gegen Saudi-Arabien

In der vergangenen Woche hatte Katars Emir den iranischen Präsidenten Hassan Ruhani angerufen, um ihm zu Wiederwahl zu gratulieren - eine klare und offene Widerlegung saudischer Bemühungen, Katar auf Linie zu bringen. Der Emir Katars könnte sein Land aus dem Golf-Kooperationsrat zurückziehen.

Wie geht es weiter?

Bereits vor drei Jahren hatten mehrere Golfstaaten wegen Katars Unterstützung für die Muslimbruderschaft ihre Botschafter für neun Monate aus Katar abgezogen. Details des Abkommens, das den Konflikt damals löste, wurden nie offiziell bekannt - aber darunter waren Zusagen Katars, die Förderung der Bruderschaft einzustellen. Die aktuellen Forderungen an Katar sind derzeit noch verschwommen, es könnte jedoch zu einem ähnlichen Ablauf wie vor drei Jahren kommen - oder beide Seiten könnten sich noch mehr in ihre Positionen verbeißen.

In der englischsprachigen „Arab News“, die in Saudi Arabien erscheint, wird Katar als „Architekt seiner eigenen Isolation“ bezeichnet. Die Loyalität des Emirats zu seinen Golf-Verbündeten müsse schon seit langem angezweifelt werden, schreibt Khalaf Ahmad Al-Habtoor, ein prominenter Geschäftsmann aus den VAE. Katar habe nicht nur „kriminelle Muslimbrüder“ in Fünf-Sterne-Hotels untergebracht, sondern pflege auch enge Beziehungen zur Hamas, zu den Taliban „und anderen Terrorgruppen.“ 

Eine Lösung der Krise setze voraus, dass Katar seine Außenpolitik derjenigen der anderen Golfstaaten anpasse, schreibt Habtoor: „Dann können wir die Beziehungen zu Doha in gutem Glauben reparieren.“ Aber der Autor ist skeptisch. Dem Regime in Doha „kann man nicht trauen. Seine Versprechungen sind wertlos.“

Der jordanische Publizist Oraib Al-Rantawi sieht für Katar lediglich zwei Optionen, um die Krise zu lösen. Aber beide wären gefährlich, warnt er. Doha könne entweder die Bedingungen des Arabischen Quartetts erfüllen, dem Ägypten, Saudi Arabien, die VAE und Bahrain angehören. Das wäre aber laut Rantawi für das Emirat eine Selbstmordmission, „weil es damit alles zerstören würde, das es in den letzten zwei Jahrzehnten aufgebaut hat.“ Das könnte auch die Stabilität des Regimes gefährden.

Als zweite Option sieht der Jordanier eine Verstärkung der Beziehungen zur „Achse des Widerstands“, vor allem zu Iran und zu Damaskus, aber auch zu den Muslimbrüdern und zur Hamas. Damit würde Katar aber seine Zukunft gefährden, warnt Rantawi, vor allem auch den Schutz der USA aufs Spiel setzen, auf den das Emirat heute zählen könne.

Flugverbot in Emiraten: Kataris in Abu Dhabi und Dubai unerwünscht

Flugverbot in Emiraten

Kataris in Abu Dhabi und Dubai unerwünscht

Nachdem bereits die diplomatischen Verbindungen gekappt wurden, machen die Vereinigten Arabischen Emirate nun auch beim Verkehr kurzen Prozess: Bürger aus Katar dürfen in Abu Dhabi und Dubai nicht mehr umsteigen.

Weil die beiden einzigen Optionen gefährlich seien, geht Rantawi davon aus, dass Doha zu Konzessionen bereit sein wird: Dazu könnte die Ausweisung von Terroristen zählen, oder die Bändigung kritischer Medien wie „Al Dschasira", die bei den Herrschern in der ganzen Region wegen ihrer kritischen Berichterstattung ungern gesehen sind. Eine Entschärfung der Krise würde schließlich voraussetzen, dass Katar seine Positionen bei regionalen Fragen an diejenigen Riads annähere, „zumindest verbal.“

Die Medien in Katar sehen und schildern den Konflikt hingegen ganz anders. Die in Doha erscheinende Zeitung „Arrayah“ beklagt, dass das Emirat von den Golfländern ungerecht behandelt werde. Außerhalb der Region schätze man die Rolle Katars als humanitärer Wohltäter. Doch die Nachbarn am Golf würden das nicht würdigen.

Der Chefredakteur von „The Peninsula“ pocht darauf, dass „Katar ein souveräner Staat“ ist. Doha mische sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder ein und werde keinerlei Einmischung akzeptieren: „Niemand kann Katar irgendetwas vorschreiben,“ schreibt er.

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