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30.09.2014

06:43 Uhr

Private Anti-Terror-Website

Die Dokumentare des Grauens

VonKaren Grass

Sie durchforsten islamistische Foren, suchen mit Tarnnamen nach Hinweisen auf Anschläge und gehen auf Jagd nach Drohvideos: „Site“ veröffentlicht viele der IS-Botschaften als erste. Wer und was steckt hinter der Firma?

Zuletzt tauchten viele Videos von Ermordungen durch die Gruppe Islamischer Staat auf. Die Betreiber von „Site“ machen solche Bilder öffentlich. dpa

Zuletzt tauchten viele Videos von Ermordungen durch die Gruppe Islamischer Staat auf. Die Betreiber von „Site“ machen solche Bilder öffentlich.

DüsseldorfSie zeigten das Video vor allen anderen: Der Film, der die Enthauptung des entführten Franzosen Hervé Gourdel in Algerien zeigt, war zuerst auf der Seite der Gruppe „Search for International Terrorist Entities“ („Site“) zu sehen. Alle Medien beriefen sich auf die Website, als sie von der Enthauptung berichteten.

Auch im Fall des vor einigen Wochen durch Islamisten getöteten US-Journalisten Steven Steven Sotloff zeigte „Site“ das grausame Material zuerst. Angeblich waren sogar die Dschihadisten selbst überrascht, dass ihr Material schon weltweit auf Sendung war, als es eigentlich noch in internen Kreisen kursieren sollte. Bei den Informationen über Drohungen gegen deutsche Geiseln auf den Philippinen war die Website ebenfalls vorn mit dabei. Doch wer steckt hinter „Site“ und was sind die Ziele der kommerziell arbeitenden Recherchegruppe?

„Site“ selbst möchte auf Handelsblatt Online-Anfrage darauf zunächst keine Antworten geben, doch über das Unternehmen ist bekannt, dass es in der Form seit 2008 agiert. Die Organisation, bei der laut eigenen Angaben mehrere Sprachspezialisten mit langjähriger Erfahrung im Bereich des islamistischen Terrorismus arbeiten, ging aus der Search for International Terrorist Entities Institute Gruppe hervor, die ab 2002 Online-Aktivitäten von terroristischen Gruppen überwachte.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Die Rechercheure screenen unter Tarnnamen islamistische Foren und beobachten Seiten, auf denen potenziell Videomaterial von Terroristen gepostet wird. Damit wollen sie auf Anschläge hinweisen und die Gefahr des Terrorismus sichtbar machen. Gründerin ist die gebürtige Irakerin Rita Katz, die vor dem Start von „Site“ schon das US-Heimatschutzministerium und verschiedene Geheimdienste beriet.

Katz absolvierte ein Studienprogramm über die Kulturen und Politischen Strukturen des Mittleren Ostens in Tel Aviv und spricht nach eigenen Angaben sowohl Hebräisch als auch Arabisch fließend. 2004 erhielt sie laut „Site“ eine Würdigung der Bundespolizei FBI für „außergewöhnliche Unterstützung des FBI im Zusammenhang mit laufenden Recherchen“. Unabhängige Dokumente dieser Würdigung gibt es im Netz nicht, allerdings zitiert der ”New Yorker“ in einem Porträt über Katz einen FBI-Beamten mit den Worten, Katz und ihr Team hätten „einen unschätzbar wertvollen zusätzlichen Beitrag zu unseren Ermittlungen“ geleistet.

Kommentare (2)

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Herr Philip Heymann

30.09.2014, 08:14 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Paul Müller

30.09.2014, 10:48 Uhr

Ein elementares Kontra-Argument vermisse ich: Private Unternehmen arbeiten immer gewinnorientiert. D.h., bei Mangel an "Ware", wenn es um das Überleben des Unternehmens geht, entsteht dann sicher neue "Ware" durch das Unternehmen selbst, so als Arbeitsbeschaffungsmassnahme. Fälschungen und Manipulationsversuche sind die Folge. Konnte man im Fall Ukraine gut beobachten.

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